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Bayern München : Ancelotti will nicht nur Spiele gewinnen

  • -Aktualisiert am

Anders als Pep Guardiola versucht es Carlo Ancelotti mit einer Take-it-easy-Mentalität. Bild: Reuters

Beim Supercup in Dortmund geht es für den neuen Bayern-Trainer Ancelotti im ersten Pflichtspiel gleich um den ersten Titel. Schon zuvor werden die Erste-Hilfe-Maßnahmen des Italieners deutlich.

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          Der Schüler bitte nach vorne, vor die Klasse. Der Lehrer setzte sich nach ganz hinten, als stummer Beobachter und Scharfrichter. Mit Stift und Zettel. Carlo Ancelotti, der Schüler auf dem Podium der Pressekonferenz am Freitagmittag an der Säbener Straße, spürte den Druck und verriet, dass „er versuchen werde, Deutsch zu sprechen, weil mein Lehrer Max da ist“. Ancelotti schlug sich wacker, nach fünf Wochen im Bayern-Kosmos spricht der neue Trainer recht passabel Deutsch.

          Nach wenigen Antworten schlug der Italiener, der vor seinem Bayern-Engagement in Vancouver einen Deutsch-Sprachkurs an der University of British Columbia belegt hatte, vor: „Wenn ich von nun an weiter Englisch spreche, kommen wir alle rechtzeitig zum Mittagessen. Sonst sind wir bald beim Abendessen.“ Ein charmanter Schachzug. Lunch oder nix. Und inhaltlich? Nur wenige Brocken Infos konnte Ancelotti vor dem Supercup an diesem Sonntag (20:30 Uhr live im ZDF und bei Sky) bei Borussia Dortmund verraten, nicht allzu viel. „Unsere Idee ist es, mutig zu spielen und unser Spiel durchzuziehen. Gegen eine phantastische Mannschaft, vor einem phantastischen Publikum.“ Die EM-Nachzügler, die seit 5. August wieder trainieren, seien „bereit, zu spielen“. Er erwähnte auch Mats Hummels, den Überläufer.

          Bayern gegen Dortmund, ein seit vergangener Saison wiederbelebter Klassiker, wird nun von dem 57 Jahre alten Ancelotti und Thomas Tuchel (42) verantwortet. Ein neues Duell, das die Liga über die nächsten Jahre prägen dürfte. Zwei Trainergenerationen treffen aufeinander. Der ruhige, bedächtige, routinierte und hochdekorierte Genussmensch Carlo Ancelotti, für die Spieler eine Art Onkelfigur, und auf der anderen Seite der Asket Tuchel. In seinem Streben nach Perfektion und Ruhm ein besessener Arbeiter, ein Fußball-Nerd. Noch ohne Titel.

          Im Supercup trifft Ancelotti auf den den BVB mit Trainer Thomas Tuchel

          Weltanschauung und Herangehensweise der beiden an bestimmte Themen und Herausforderungen sind gänzlich unterschiedlich. Beispiel Supercup-Termin. Während Tuchel haderte, die Partie komme zum falschen Zeitpunkt, freut sich Ancelotti auf sein Pflichtspieldebüt. Bedenkenträger Tuchel „hätte auf den Supercup verzichten können“. Denn: „Wir sind gut beraten, die Ansprüche nicht zu groß zu setzen. Es gab schon bessere Ausgangslagen, um Bayern herauszufordern.“ Lebemann Ancelotti lässig: „Es ist ein Finale, ein Titel, also immer wichtig. Es wird Zeit, den Supercup wieder zu gewinnen.“

          Unter Vorgänger Guardiola verloren die Bayern dreimal hintereinander die Saison-Ouvertüre. Dessen Deutsch war anfangs beeindruckend, er verbesserte sich jedoch nur geringfügig. Im internationalen Fußball ist dies jedoch heutzutage nicht mehr so wichtig. Man spricht Fußball unter Stars - es kommt auf das Wie an. Und auf das Miteinander. Hier könnte der Kontrast nicht größer sein, das spüren Mitspieler und Angestellte an der Säbener Straße nach dem Wechsel von Guardiola zu Ancelotti nun allzu deutlich.

          Ancelotti bringt wieder Ruhe zu den Bayern

          Die Medien ebenso. Während der stets auf sich und seine Aufgabe fokussierte Katalane in seinen drei Münchner Jahren lediglich zwei Einzelinterviews für Print-Publikationen gab, der hauseigenen Mitgliederzeitschrift und dem Magazin von einem der Anteilseigner, hatte Ancelotti in seinen ersten vier Wochen Freude daran, über sich und seine neue Aufgabe zu plaudern. Mit Tageszeitungen und Sportmagazinen. Für Guardiola, den ewig Getriebenen, stellte ein Interview reine Zeitverschwendung dar. Ancelotti dagegen will sich in den Gesprächen fortbilden, Neues über den Verein erfahren. Und natürlich eine gute Zeit haben, mit einem Cappuccino, und wenn es denn sein muss, weil der Abend hereinbricht, mit einem guten Glas Rotwein.

          Ancelotti hat den FC Bayern wieder etwas entschleunigt, von Hektik befreit. Seine Erste-Hilfe-Maßnahmen: Ruhe reinbringen, Vertrauen geben, für gute Stimmung sorgen. Und sich eben nicht ständig sorgen, eine Superminikleinigkeit könnte schiefgehen. An der Seitenlinie gibt Ancelotti den Beobachter, der nur Essentielles korrigiert. Unter Guardiola bekamen die Spieler Ad-hoc-Instruktionen hereingebrüllt - etwa, ob der anstehende Zwei-Meter-Pass zu Mitspieler A oder Mitspieler B adressiert werden müsse. Natürlich hat der detailbesessene Spanier die Bayern besser gemacht, auf ein neues taktisches Niveau gehoben, sie flexibler im Umschalten auf unterschiedliche Systeme ausgerichtet - aber eben manchmal auch etwas wuschig bei einer Überdosis Lehrstoff.

          Akribische Analyse – trotzdem blieb Guardiola der Champions League Titel mit den Bayern verwehrt

          Und das nicht nur im Unterricht, im Training, sondern auch während der Prüfungen, der Spiele. Klar, auch Ancelotti will den Erfolg. Aber eben mit einer Spur Take-it-easy-Mentalität. In der Ruhe liegt die Kraft. Was sehr gut ankommt. Etwa bei Franck Ribéry, einem Stimmungsspieler, wie Ottmar Hitzfeld früher Akteure nannte, deren Antennen für Zwischenmenschliches noch sensibler sind als Bänder und Knochen. Er brauche das unbedingte Vertrauen seines Trainers, die Nähe zum Coach, sagte der Franzose, „um meine Stärken auszuspielen. Dann fresse ich Gras für den Trainer.“ Unter Ancelotti fühle sich Ribéry „frei und voll motiviert. Der Trainer ist ein Geschenk für den Verein.“

          Ancelotti will kein Heilsbringer sein, kein Revolutionär, er will die Fußballwelt nicht auf den Kopf stellen - lediglich am Ende der Saison die Pokale in die Vitrine. Erfolge zum Anfassen. Was nutzt die innovativste, meist geschätzte Spielweise, wenn man dreimal hintereinander im Halbfinale der Champions League verliert. Unter Guardiola sind die Bayern schön gescheitert, unter Ancelotti sollen sie den Pragmatismus, der sie einst ausgezeichnet hat, zurückbekommen. Möge der Bessere gewinnen - gerne auch mit Bayern-Dusel und selbst ohne absolute Passhoheit und Spieldominanz. „Wie man Menschen und Spiele gewinnt“, lautet der Untertitel von Ancelottis Biographie. Der Buchtitel ist Programm: „Quiet Leadership“.

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