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FC Augsburg : Durchgewurstelt auf Platz eins

Von Sieg zu Sieg: Der FC Augsburg holte zuletzt 23 von 27 möglichen Punkten Bild: dpa

Der Klub ist mittellos, das Stadion meist nur halbvoll. Schneller als die Rückgewinnung des Publikums geht die sportliche Entwicklung des FC Augsburg voran: Der Tabellenführer der Zweiten Liga hat vor dem DFB-Pokalspiel gegen Schalke 04 (20.30 Uhr) mit neuen Tugenden zu alter Stärke gefunden.

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          Als Fußball allein nicht mehr reichte, haben sie in Augsburg etwas Neues entdeckt: schmutzige Siege. Und das buchstäblich, zum Unmut der Waschfrau Marlene, bei der sich die Profis eigenhändig ihre Hemden, Hosen und Stutzen im Keller der Geschäftsstelle abholen müssen. „Dass Wille und Einstellung passen, spiegelten die Trikots wider“, hatte Manager Andreas Rettig nach dem 1:1 in Fürth geschwärmt. Darin hatte sein Team mit Kampf und Willenskraft den Trend der Vorrunde mit Drecksarbeit gedreht.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Seit der herbstlichen Krise, als man sich nach vier Niederlagen nacheinander auf Platz elf wiederfand, hat der FC Augsburg nicht mehr verloren. Er geht nach zuletzt 23 von 27 möglichen Punkten als Tabellenführer der Zweiten Liga in die Winterpause. Vorher wartet als „Sahnetüpfelchen“, so Trainer Jos Luhukay, an diesem Dienstag das DFB-Pokalspiel gegen Schalke 04 (20.30 Uhr / FAZ.NET-DFB-Pokal-Liveticker) – und damit die Chance auf einen „warmen Regen“, so Rettig.

          „Unglaubliche Jobzufriedenheit“

          Der FCA kann Mehreinnahmen im Pokal gut brauchen. Der Präsident Walther Seinsch, der zehn Jahre lang einen Teil seines mit den Textilketten „Takko“ und „Kik“ erworbenen Vermögens gemeinsam mit einer sechsköpfigen Investorengruppe in den Klub gesteckt hat, erklärte im November, fortan keine Zahlungen mehr zu leisten. Der FCA sei „ein armer Klub“, so Seinsch, aber schuldenfrei, sieht man von der Abzahlung für das vereinseigene Stadion ab. „Wir werden künftig nur ausgeben, was wir eingenommen haben.“ Was man einnimmt, war schon in der vergangenen Saison weniger als geplant. Und das trotz des laut Rettig „erfolgreichsten Jahrs der Vereinsgeschichte“ – mit den Relegationsspielen zur Bundesliga und dem Pokal-Halbfinale.

          Schmutzige Siege: Wille und Einstellung stimmen derzeit beim FCA (hier Stephan Hain beim 2:1-Erfolg in Frankfurt)

          Im Jahresabschluss blieb ein Loch von 2,5 Millionen Euro (das letztmals von der Investorengruppe gestopft wurde). Das 30.000 Zuschauer fassende Stadion ist trotz des sportlichen Erfolgs meist nur halbvoll. In drei Jahrzehnten ohne Profifußball gingen dem Klub ganze Fan-Generationen an den FC Bayern und 1860 München verloren. Immerhin kamen über 25.000 am Samstag zum Spitzenspiel gegen Hertha BSC.

          Schneller als die Rückgewinnung des Publikums geht die sportliche Entwicklung voran. Sie ist geprägt von der unaufgeregten Handschrift des früheren Gladbacher Trainers Luhukay und des früheren Kölner Managers Rettig. Beide fanden nach ihren Jobs im hektischen Fußball-Rheinland die nötige Ruhe im gemächlicheren Bayerisch-Schwaben. „Wir genießen hier unsere unglaubliche Jobzufriedenheit“, sagt Rettig. Die Spieler tun das offenbar auch. Viele von ihnen waren in der ersten Liga nicht mehr gefragt und sind nun motiviert, dort wieder hinzukommen.

          Keine Sondereinkäufe aus der Schatulle

          So wie Torwart Simon Jentzsch oder Torjäger Michael Thurk, der zuletzt angeschlagen fehlte. In der vergangenen Saison sei man noch „abhängig von ihm“ gewesen, so Luhukay über Thurk, der damals 23 Tore schoss. „Jetzt haben wir eine breitere Schulter.“ Dazu trägt auch die gute Nachwuchsarbeit bei, durch die Augsburg trotz eines „Micky-Maus-Etats“, so Rettig, mit der A- und der B-Jugend in der Bundesliga spielt und mit der C-Jugend bayrischer Meister wurde.

          Nun verteilen sich die 15 Tore, die Thurk allein in der letztjährigen Vorrunde schoss, auf den jungen Stephan Hain, 2008 vom damaligen Augsburger Nachwuchstrainer und heutigen Mainzer Chef Thomas Tuchel entdeckt, mit fünf Toren; und den früheren Berliner Nando Rafael mit zehn. Einen Sondereinkauf aus der Schatulle von Seinsch wie Rafael und drei weitere Spieler im vergangenen Winter wird es nicht mehr geben. „Weitere Investitionen sind mir nicht möglich“, sagte Seinsch auf der Hauptversammlung im November, einem der seltenen öffentlichen Auftritte, seit er ein Jahr zuvor sein Leiden an Depressionen öffentlich bekannt gemacht hat.

          Dabei könnte der Verein Verstärkungen abermals gut gebrauchen. „Wir gehen personell auf dem Zahnfleisch“, sagt Rettig. Vor allem das Mittelfeld ist ausgedünnt. Reinhardt, Sinkala und Neuzugang Sinkiewicz erlitten langwierige Knieverletzungen, dazu fehlen die in der vergangenen Saison überragenden Außenspieler Traoré und Ndjeng. In dieser Situation half die neue Einstellung: „Ohne Kampfgeist und Leidenschaft geht in der Zweiten Liga nichts“, sagt Thurk. Mit beiden geht aber eine Menge. „Wir müssen versuchen, uns bis Weihnachten durchzuwursteln“, hatte Rettig in der Krise im Herbst verkündet. Jetzt sagt er: „Wir haben uns auf Platz eins durchgewurstelt.“

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