https://www.faz.net/-gtl-7k2mw

FC Augsburg : Die Traumfabrik

Von der Asche in die Bundesliga: Sascha Mölders Bild: dpa

Zweiter Bildungsweg: Beim FC Augsburg erfüllen sich für viele Fußballprofis die Hoffnungen, die sie zuvor schon aufgegeben hatten. An diesem Mittwoch (20.30 Uhr) treffen sie im Pokal auf die Stars von Bayern München.

          3 Min.

          In Büchern aus den frühen neunziger Jahren, als Deutschland noch Weltmeister war, finden sich kuriose Bilddokumente. Sie zeigen die Stars von damals in der Arbeitskleidung ihrer erlernten Berufe. Es posieren fürs Foto am fingierten Arbeitsplatz: Bäcker Klinsmann mit mehligen Händen, Automechaniker Brehme im Blaumann, Raumausstatter Matthäus mit Stoff und Schere. Oder, mit Stift und Taschenrechner, Rudi Völler, der nur widerwillig, dem Elternwunsch folgend, „etwas Anständiges“ gelernt hatte: Bürokaufmann.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Heute lernt, wer Fußballer wird, nach der Schule nur noch Fußball - wie die Profis des FC Bayern. Sie waren von ihrem Talent früh für die große Karriere bestimmt. Wenn sie an diesem Mittwoch die sechzig Kilometer zum Pokal-Derby nach Augsburg (20.30 Uhr in der ARD und im Liveticker bei FAZ.NET) fahren, werden sie aber auf ein paar Gegenspieler treffen, bei denen das anders ist. Bei den Kollegen vom FCA erlaubte es das Maß der Begabung nicht immer, alles auf die Karte Fußball zu setzen. Es sind Spieler, die auf dem zweiten Bildungsweg in die Bundesliga gekommen sind.

          Platz sieben in der „Jahrestabelle“

          Das macht die Augsburger zu einem Team mit ganz eigenem Charakter. Die meisten Spieler hier wissen, dass sie woanders kaum einen Job in der Bundesliga bekommen hätten. Das schweißt sie so zusammen, dass ihnen schon zweimal die wundersame Rettung vor dem Abstieg gelang. Diese Kampfkraft, mit der sie seit Januar 41 Punkte holten, Platz sieben in der „Jahrestabelle“ der Bundesliga, macht sie zu einem Pokalgegner, vor dem selbst die Bayern auf der Hut sind. „Eine ganz heiße Kiste“ erwartet Thomas Müller. Trainer Pep Guardiola ließ sich von seinem Assistenten Hermann Gerland warnen, dass es „ein ganz schweres Spiel wird“.

          Ein Mann, der sich rein schmeißt: Jan Ingwer Callsen-Bracker (l.)
          Ein Mann, der sich rein schmeißt: Jan Ingwer Callsen-Bracker (l.) : Bild: AFP

          „Klar ist Bayern die bessere Mannschaft, aber nicht immer gewinnt die auch“, sagt Jan-Ingwer Callsen-Bracker. „Wenn sie ausscheiden, wäre es für die Bayern schon eine verpatzte Saison.“ Der Abwehrspieler aus einem Dorf im hohen Norden tauchte schon mit 18 in der Bundesliga auf, sogar in der Champions League, und ist doch auf seine Art auch ein typischer FCA-Profi - der bei größeren Klubs, in Leverkusen und Mönchengladbach, nicht weiterkam und erst in Augsburg eine feste Ligagröße wurde.

          Ebenso wie Daniel Baier, der Junioren-Nationalspieler war, mit Wolfsburg Meister wurde, ohne dort ein Ligaspiel zu bestreiten - und nun als zentraler Mann im Augsburger 4-1-4-1 vom großen Guardiola als „super, super Spieler“ geadelt wird.

          „Es gab keine Taktik oder Techniktraining“

          Mangels Mitteln ist das FCA-Team ein preiswertes Sammelsurium, von Trainer Markus Weinzierl zur schlagkräftigen Einheit geformt. Es besteht aus älteren Wandervögeln (wie Manninger und Altintop), Nationalspielern kleinerer Länder (der Este Klavan), aus Leihgaben und scheinbar Gescheiterten von größeren Klubs, vor allem aber aus ehemaligen unterklassigen Profis - wie André Hahn. „Ich hatte zuvor ja nur auf dem Land gespielt, da war nur hoch und weit angesagt“, so schildert die Augsburger Entdeckung der Saison seine Jugend an der Elbmündung bei Cuxhaven. Er spielte danach vierte Liga und machte nebenbei eine Ausbildung zum Autolackierer.

          Gelernte Handballer? Die Augsburger Profis Baier (l.) und Werner
          Gelernte Handballer? Die Augsburger Profis Baier (l.) und Werner : Bild: dpa

          Als er den Fußballtraum schon aufgeben und im Versicherungsbüro des Vaters anfangen wollte, tat sich in Koblenz und Offenbach die Dritte Liga auf. Und Anfang 2013 die Bundesliga, mit dem Anruf aus Augsburg. Ein Riesensprung. „Es gab keine Taktik oder Techniktraining“, erzählte Hahn der „Augsburger Allgemeinen“ über seine Jugend, „das fehlt mir immer noch ein wenig.“ Dafür rennt er „in jedem Spiel wie ein Gestörter“, findet Torwart Marwin Hitz - der hier ebenfalls die große Chance sah, nachdem er in Wolfsburg nur auf der Bank gesessen hatte. Auf die Frage, mit wem er gern mal zusammen aufliefe, nannte Hahn optimistisch „Cristiano Ronaldo“. Vom Tempo her käme er wohl mit. Mit gemessenen 35,4 Kilometern pro Stunde ist er der schnellste Sprinter der Liga. Und mit vier Toren und drei Vorlagen der torgefährlichste Augsburger.

          Alle hatten einen Plan B

          Ihn verbindet mit den meisten Kollegen, dass es keine geradlinige Karriere war, die sie herführte. Und dass sie einen Plan B brauchten. So hat der von Hitz derzeit verdrängte Veteran Alexander Manninger, einer der Helden des Nichtabstiegs 2013, vor Beginn seiner 18 Profijahre bei 14 Vereinen in fünf Ländern etwas gelernt, nämlich Tischler. In der Küche der Mutter in Salzburg hängt noch sein Gesellenstück, „ein Wandkastl“. Und Linksverteidiger Matthias Ostrzolek hatte schon drei Semester Wirtschaft in seiner Heimatstadt Bochum studiert, als ihm der FCA die Tür in die Traumfabrik Bundesliga öffnete.

          Der Zusammenschmid: Trainer Markus Weinzierl
          Der Zusammenschmid: Trainer Markus Weinzierl : Bild: dpa

          Doch vielleicht noch mehr als jeder andere bleibt Sascha Mölders, auch wenn er derzeit meist dem 19 Jahre alten Polen Arkadiusz Milik den Platz im Sturm überlassen muss, der prägende FCA-Profi: einer, der seine ganze Jugend über auf Asche spielte, mit 19 in die Bezirksliga kam und sich Liga für Liga bis in die erste hocharbeitete. Im Januar, als Augsburg mit nur neun Punkten als hoffnungsloser Fall galt, leitete er eine der größten Rückrunden-Rettungen der Liga-Historie mit seinem Tor in Düsseldorf ein: erzielt mit dem Gesäß, das er dem Abstoß des Torwarts entgegenhielt. Ein Tor mit null Prozent Talent und hundert Prozent Willen.

          Aber Mölders kann, auch das typisch für den FCA, auch anders. Vor einem Jahr gelang ihm ein Traumtor, und das gegen den FC Bayern. Es hätte das Zeug zum „Tor des Monats“ gehabt - wäre es nicht in der Regionalliga gefallen. Im Duell der beiden B-Teams des FCA und FCB sammelte Mölders nach einer Verletzung Spielpraxis. Er traf mit einem famosen Fallrückzieher. Nicht schlecht für einen gelernten Anlagenmechaniker.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Moderator Ken Jebsen während einer Demonstration am 13.12.2014 vor dem Schloss Bellevue in Berlin

          Anonymous : Hacker greifen Ken Jebsen an – Webseite lahmgelegt

          Die Hacker-Gruppe Anonymous hat sich die Seite des Verschwörungstheoretikers Ken Jebsen vorgenommen. Dabei habe sie nicht nur zehntausende Daten zu Abonnenten erbeutet, sondern auch Informationen zu Spenden abgegriffen.

          G 7 in Cornwall : Brexit-Störgeräusche für Johnson

          Eigentlich sollte es beim G-7-Gipfel vor allem um Corona und die Herausforderung durch China und Russland gehen. Doch immer wieder muss sich Gastgeber Boris Johnson auch mit dem Streit mit der EU auseinandersetzen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.