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Arsenal-Trainer Arsène Wenger : Wie ein Märchenonkel unter lauter coolen Typen

  • -Aktualisiert am

Wie lange wird Arsene Wenger noch Trainer bei Arsenal sein? Bild: AP

Arsenal scheiterte in der Champions League krachend am FC Bayern. Auch in der Premier League läuft es nicht mehr. Hinter der herben Kritik an Trainer Arsène Wenger steckt aber noch etwas anderes.

          3 Min.

          Als Arsène Wenger Trainer des FC Arsenal wurde, hatte die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gerade zum dritten Mal die Europameisterschaft gewonnen und Bill Clinton wurde als Präsident der Vereinigten Staaten wiedergewählt. Das war 1996. Wenger und die „Gunners“ – das darf man zu Recht als eine Ära bezeichnen. Eine Ära, die viele der Fans mit aller Kraft beenden wollen. Im Sommer läuft der Vertrag des 67 Jahre alten Trainers aus. Der Klub hat ihm ein neues Arbeitspapier über zwei Jahre angeboten; noch ist nicht bekannt, ob Wenger es annehmen oder ablehnen wird.

          Wohl auch, weil eine wachsende Gruppe von Arsenal-Fans seit Wochen gegen ihn protestiert: Im Stadion sieht man immer häufiger Plakate mit Aufschriften wie „Wenger raus“ oder „Genug ist genug – Zeit zu gehen“. Auch in den sozialen Netzwerken machen sie Stimmung gegen den Franzosen. Und während der Niederlage bei West Bromwich Albion Mitte März kreiste ein Flugzeug über dem Stadion, das ein Banner hinter sich zog, auf dem zu lesen war: „Kein Vertrag #Wenger Raus“. Selbst in der Premier League, wo die Dinge gerne mal eine Nummer größer ausfallen als nötig, erregte die Aktion einiges Aufsehen.

          Aber was macht die Fans so wütend? In der Liga steht der FC Arsenal acht Spiele vor dem Saisonende nur auf dem siebten Platz. Zuletzt verlor Arsenal beim abstiegsbedrohten Klub Crystal Palace 0:3. Eine „schmerzhafte“ Niederlage, wie Wenger gestand, deren Art und Weise ihm einmal mehr negative Presse bescherte: Der „Guardian“ schrieb von einer „Horror-Show auf allen Ebenen“. Die „Times“ stellte heraus, dass der Druck auf Wenger wachse, nachdem Palace seine Mannschaft „gedemütigt“ habe.

          Der Abstand auf Platz vier beträgt vor dem Spiel an diesem Montag (21.00 Uhr / Live bei Dazn) in Middlesbrough zehn Punkte, damit ist erstmals unter Wengers Regie die Qualifikation für die Champions League in Gefahr. In der diesjährigen Runde der Königsklasse sind die Londoner im Achtelfinale krachend am FC Bayern München gescheitert. Die einzige verbliebene Chance, in diesem Jahr noch eine Trophäe zu ergattern, ist damit der FA-Cup, wo Arsenal am 23. April im Halbfinale auf Manchester City trifft. Doch selbst wenn Arsenal den Pokal gewönne, wäre das nur ein Trostpflaster.

          Aber erklärt das allein die Wucht, mit der die Fans gegen Wenger auf die Barrikaden gehen? Immerhin, so argumentieren seine Unterstützer, hat sich „Le Professur“ in zwei Jahrzehnten um den Verein verdient gemacht. Zwanzig Spielzeiten in Folge auf den Plätzen eins bis vier zu beenden ist schließlich eine Leistung. Und drei Meistertitel und sechs Pokalsiege sind durchaus respektabel – einzig internationale Titel fehlen. Es muss also noch mehr hinter den Protesten stecken.

          Unter Beobachtern hält sich die These, dass diejenigen Fans, die gegen Wenger aufbegehren, Angst davor haben, im perfekt inszenierten Premier-League-Zirkus von den Rivalen abgehängt zu werden. Chelsea hat Antonio Conte, Manchester City hat Pep Guardiola, Manchester United hat José Mourinho, der FC Liverpool hat Jürgen Klopp. Funkelnde Namen, coole Typen, markige Sprüche – dagegen wirkt Wenger mit seiner kauzigen Art bisweilen wie ein in die Jahre gekommener Märchenonkel. Wenger will in Ruhe seiner Arbeit nachgehen, die Show überlässt er gern den anderen. Ein Problem in einem Business, das auch immer ein Kampf um die größtmögliche Aufmerksamkeit ist.

          Der „Guardian“ schrieb zuletzt, dass Wengers Transfer-Philosophie ein weiterer Grund für die Wut der Fans sei. Sein Widerwille, für Spieler mehr zu bezahlen als das, was er für angemessen hält, sei eine Quelle der Frustration. Zur Einordnung: Manchester United hat vor der Saison Paul Pogba für die Rekordsumme von 105 Millionen Euro verpflichtet. Arsenals teuerster Spieler war bisher Mesut Özil, der 2013 für 47 Millionen Euro geholt worden ist. Man mag Wengers Methode zwar für die vernünftigere halten, aber der neue Milliarden-TV-Deal der Premier League hat bei vielen Fans offenbar einen unstillbaren Hunger auf Superlative geweckt.

          Und Wenger? Der nimmt den Protest der Fans und den schärfer werdenden Ton in den Medien äußerlich gelassen zur Kenntnis. Zu der Aktion mit dem Flugzeug sagte er lapidar: „Ich schaue während des Spiels nicht in den Himmel, ich schaue auf das Spiel.“ Er sei Kritik gewohnt, und am Ende tue er das, was er für richtig halte. Zuletzt ließ er durchblicken, er habe seine Entscheidung bereits getroffen. Ob das nun das Ende oder die Fortsetzung seiner Ära beim FC Arsenal bedeutet, das will er „sehr bald“ verraten.

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