https://www.faz.net/-gtl-7il8e

FAZ.NET-Regelecke : Kein Wiederholungsspiel nach Phantomtor!

Loch im Netz: Das Phantomtor von Hoffenheim darf kein Wiederholungsspiel nach sich ziehen Bild: dpa

Leverkusen hat dank eines Phantomtores in Hoffenheim gewonnen. Jetzt fordert Hoffenheim ein Wiederholungsspiel. Doch das wird es nicht geben - zurecht. Auch im Unrecht muss Gleichberechtigung herrschen.

          3 Min.

          Man kann der TSG Hoffenheim natürlich mit Häme begegnen, wenn sie nach der 1:2-Heimniederlage gegen Bayer Leverkusen wegen eines sogenannten Phantomtores von Stefan Kießling auf ein Wiederholungsspiel drängt. In der zweiten Erläuterung der ersten aller Fußballregeln des DFB (auf deren aktuellem Cover passenderweise der in Hoffenheim irrende Schiedsrichter Felix Brych abgebildet ist) steht schließlich, dass der Heimverein für den ordnungsgemäßen Zustand des Spielfeldes zuständig ist und somit auch des Tornetzes, durch dessen Loch Kießlings Kopfball den Weg von außen ins Tor fand. ("Der Platzverein ist für die richtige Zeichnung des Spielfeldes sowie den ordnungsgemäßen Aufbau der Tore, ihre zuverlässige Befestigung und ihren unbeschädigten Zustand verantwortlich.“)

          Daniel Meuren

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Gerade im Fall des finanziell dank des Mäzens Dietmar Hopp auf Rosen gebetteten Klubs sparen die Gegner des Hoffenheimer Modells nun nicht mit Spott.

          Forderung nach Wiederholungsspiel muss abgelehnt werden

          Aber es gibt ausreichend weitere Gründe, weshalb die Forderung nach einer Neuansetzung der Begegnung höchstwahrscheinlich abgelehnt werden wird, und zwar zurecht. Natürlich dachte jeder Fußballanhänger mit einem gewissen historischen Wissen umgehend an das Phantomtor, das Thomas Helmer am 23. April 1994 beim 2:1-Sieg der Münchner Bayern gegen den 1. FC Nürnberg erzielt hat.

          Helmer stocherte damals quasi auf der Torlinie stehend so ungeschickt nach dem Ball, das ihm das eigentlich unmögliche Kunststück gelang, den Ball nicht im Tor unterzubringen. Schiedsrichter Hans-Joachim Osmers gab das Tor aber, auch wegen des Hinweises seines Linienrichters, der freilich an der entfernten Eckfahne stehend nur sicher sein konnte, dass der Ball die Linie überschritten hatte. Das tat der Ball, aber eben neben dem Pfosten.

          Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) als der für die Bundesliga-Spielordnung zuständige Verband ließ die Partie nach einer Entscheidung seines Sportgerichts wiederholen - sehr zum Missfallen des Weltverbands Fifa, der bis zur kürzlich beschlossenen Nutzung von Torlinientechnologie keine  Einschränkung der Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters geduldet hat.

          Helmers Tor entschied über Meisterschaft und Abstieg

          Der DFB ließ sich damals in seinem wissentlich gegen die Haltung der Fifa gefällten Urteil leiten durch eine besonders prekäre sportliche Situation: Das Duell der beiden bayrischen Klubs fand am drittletzten Spieltag statt und hatte sehr konkrete Auswirkungen sowohl auf Meisterschaftsentscheidung wie auf den Kampf um den Klassenerhalt.

          Hochgerechnet hätten die Bayern bei einem Unentschieden gegen Nürnberg zwei Wochen später die Meisterschaft im Duell mit dem 1. FC Kaiserslautern verpasst, der „Club“ wiederum wäre nicht abgestiegen mit dem möglichen Punktgewinn. Der DFB gab also dem Druck der bundesweiten Empörung über die scheinbare Ungerechtigkeit nach. Das Wiederholungsspiel endete 5:0 für den späteren Meister gegen den kommenden Absteiger.

          Die Fifa ließ den DFB in jenem Fall noch richten, spätere Wiederholungsspiele in der Zweiten Bundesliga untersagte beziehungsweise annullierte sie.

          Gleichberechtigung unter Phantomtoren

          Kurioserweise endeten die Partie damals und das Spiel heute nicht nur mit dem selben Ergebnis, sondern auch mit einer vergleichbaren Pointe. Nürnberg hätte das Phantomtor-Spiel mit einem gütlichen Unentschieden beenden können, wenn Manfred Schwabl in der Schlussminute nicht mit einem Elfmeter gescheitert wäre. Hoffenheim verschoss nun ebenfalls, wenn auch beim Stand von 0:2, einen Strafstoß durch Roberto Firmino. Ein Ausgleich hätte damals wie heute die Proteste zum Verstummen gebracht.

          Chance vertan: Bayer-Spieler wie Kießling und -Verantwortliche wie Völler hätten handeln müssen
          Chance vertan: Bayer-Spieler wie Kießling und -Verantwortliche wie Völler hätten handeln müssen : Bild: dpa

          Doch nicht nur diese vergebene Chance nimmt der Hoffenheimer Empörung das moralische Gewicht. Warum soll das Phantomtor von Stefan Kießling schließlich anders behandelt werden als jene Bälle, die deutlich vor der Linie abgewehrt werden oder aber nach einem Lattentreffer nach Ansicht der Videobilder eindeutig nicht hinter der Linie aufspringen? Diese Fälle werden gemeinhin leichter akzeptiert als Tatsachenentscheidung. Hier sollte aber Gleichberechtigung unter „Phantomtoren“ herrschen.

          Der einzige Sieger heißt Goal Control

          Die TSG Hoffenheim wird sich damit abfinden müssen, die Begegnung gegen Leverkusen verloren zu haben. Was bleibt, ist allein die Frage nach dem Sportsgeist der Bayer-Spieler und -Verantwortlichen, die unmittelbar nach dem Treffer von dem Fehler erfahren haben.

          Aber es ist wohl wie einst bei Helmer zu viel verlangt von Profis, eine wirkliche Lanze fürs Fairplay zu brechen und Hoffenheim beispielsweise umgehend ohne Gegenwehr einen Anschlusstreffer zu ermöglichen. Das hätte auch dem bemitleidenswerten und machtlosen Schiedsrichter Brych die Leitung der restlichen Parrtie deutlich erleichtert. Das Höchste der Gefühle ist meist aber der bei Verletzungen ins Aus geschlagene Ball, um dem Gegner eine Behandlung zu ermöglichen.

          Die einzigen echten Sieger des Abends sind Torlinientechnik-Hersteller wie Goal Control. Es ist nach dem Phantomtor von Hoffenheim immer weniger denkbar, dass die Bundesliga anders als beispielsweise die englische Premier mit der Einführung zögert.

          Weitere Themen

          PGA Championship findet Ersatz für Trump-Kurs

          Golfturnier : PGA Championship findet Ersatz für Trump-Kurs

          Eigentlich sollte die PGA Championship auf einem Golfkurs von Donald Trump stattfinden. Doch die Veranstalter gehen seit dem Sturm auf das Kapitol auf Distanz zum ehemaligen Präsidenten. Nun wurde ein Ersatzort für das Turnier gefunden.

          Letzte Frustaktion der deutschen Handballer

          WM in Ägypten : Letzte Frustaktion der deutschen Handballer

          Nach einem Unentschieden gegen Polen verlassen die deutschen Handballer die WM mit der schwächsten Platzierung ihrer Länderspielgeschichte. Mit der Olympia-Qualifikation im März wartet bereits die nächste Herausforderung auf die DHB-Auswahl.

          Topmeldungen

          Ob er gerade spielt? Ramelow im Juli 2020 im Thüringer Landtag

          PR-Profis auf Clubhouse : Besser als „Bodo“

          Clubhouse gilt als Trend-App und hat in Deutschland nun das erste PR-Desaster verursacht. Wie verhält man sich richtig in den virtuellen Quasselrunden? Wie aktiv sind die PR-Agenturen schon? Und lohnt es sich, dabei zu sein?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.