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Fankultur und Gewalt : „Die Sache ist eskaliert“

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Fußball-Fans und Pyrotechnik: Aus einem Gestaltungselement wurde ein Kampfbegriff Bild: imago sportfotodienst

Der Psychologe Martin Thein spricht im F.A.Z.-Interview über die Gefahr einer Eskalation der Gewalt in der Fußballszene, das Desinteresse von Vereinen sowie Lösungen des Problems.

          Martin Thein ist Mitbegründer des Kölner Instituts für Fankultur und der Forschungsplattform fankultur.com. In der Publikation „Ultras im Abseits?“ wird die komplexe Struktur der Fanszene beschrieben. Mitherausgeber Thein fordert die Beteiligung der Fans an der Diskussion.

          Das von Ihnen und Jannis Linkelmann herausgegebene und in der Fußballszene vielbeachtete Buch heißt „Ultras im Abseits?“. Müsste der Titel nicht lauten: „Ultras im Mittelpunkt“?

          Das könnte man auch sagen. Mit dem Begriff „Abseits“ ist ein Prozess gemeint, in dem sich die Ultras selbst ins Abseits manövriert haben. Abseits und Mittelpunkt - das gilt bei Ultras gleichermaßen.

          Was hat der Profifußball in dieser Saison von den Ultras zu erwarten? Die Befürchtungen sind groß.

          Für die Ultras wird das eine ganz entscheidende Saison. Es wird darum gehen, wie sie mit den Verfehlungen der vergangenen Saison umgehen werden, wie die Ultraszene das intern aufarbeiten wird. Es hat ja Gewalthandlungen von Ultras auch gegenüber völlig Unbeteiligten gegeben. Wie die Ultras zur Gewalt stehen, wird eines der spannendsten Themen, die uns in dieser Saison erwarten.

          Polizeibeamte berichten davon, dass sie mittlerweile gezielt von Ultras angegriffen würden. Haben sich in der vergangenen Saison die Grenzen verschoben?

          Ja, die Sache ist eskaliert. Man muss dabei immer wieder sagen, dass es nicht „die Ultras“ gibt. Aber es haben in zu Gewalt neigenden Szenen Entwicklungen eingesetzt, die nicht mehr steuerbar sind. Das hängt mitunter aber auch mit gruppeninternen Prozessen zusammen. Wir haben es teilweise mit völliger Anarchie in einigen Ultragruppen zu tun, da ist die Hierarchie völlig verschwunden. Einige Personen haben wild um sich geschlagen, teilweise spontan, aber auch mit gezielten Attacken gegen andere Fans. Da ist eine neue Dimension erreicht worden. Ein Beispiel dafür sind Gruppierungen, die sich zu Unrecht Fans des 1. FC Köln nennen, die einem Fanbus von Borussia Mönchengladbach auf der Autobahn aufgelauert haben. Es sind Steine geworfen worden, die vorher in Vereinsfarben besprüht worden waren. Da steckt also Planung dahinter. Auch wenn man mit Sturmhauben in der Umgebung von Mönchengladbach belgische Gladbach-Fans angreift, dann sind das geplante Straftaten.

          Martin Thein glaubt nicht an einen Königsweg zur Lösung des Konflikts

          Warum zu Unrecht - was unterscheidet die Gruppierung „Wilde Horde“, die an dem Angriff beteiligt gewesen sein soll, von anderen Ultra-Gruppen, die doch auch zur Fanszene gerechnet werden?

          Nicht die gesamte „Wilde Horde“ ist damit gemeint, aber Teile davon. Wir stellen fest, dass sich in der Peripherie der Ultragruppen, wie bei der „Wilden Horde“, ein gewaltaffines Publikum bildet, das man nicht der Fanszene zurechnen kann, das nämlich nur Gewalt ausleben möchte. In Köln gibt es die Besonderheit von drei verschiedenen Ultragruppen. Und zwischen den normalen organisierten Fans und den Ultras gibt es auch keine Schnittstelle. Die Fans haben sich im letzten Bundesligaspiel sogar in Sprechchören von der „Wilden Horde“ klar distanziert.

          Wovon geht die größte Gefahr in dieser Saison für eine weitere Eskalation aus?

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