https://www.faz.net/-gtl-abqe1

FA-Cup-Finale mit Fans : Die Rückkehr der Emotion

  • -Aktualisiert am

Reklamierte ein vermeintliches Handspiel: Chelsea-Trainer Thomas Tuchel Bild: dpa

Erst purzeln die Chelsea-Fans über die Tribüne, dann die von Leicester City. Zum ersten Mal gewinnen die „Foxes“ ein englisches Pokalfinale – auch dank des Video-Schiedsrichters.

          3 Min.

          Im englischen Pokalfinale am späten Samstagnachmittag fiel zwar nur ein Tor, aber bei drei Gelegenheiten brach im Londoner Wembley Stadium großer Jubel aus. Zuerst feierten die Fans von Leicester City: Nach gut einer Stunde traf Youri Tielemans mit einem so strammen und präzisen Fernschuss in den linken Torwinkel zum 1:0, dass es einem selbst als neutralem Beobachter unwillkürlich eine Art Brunftschrei entlockte.

          Verpassen Sie keinen Moment

          Sichern Sie sich F+ 3 Monate lang für 1 Euro je Woche und lesen Sie alle Artikel auf FAZ.NET.

          JETZT F+ LESEN

          Kurz vor Schluss purzelten dann die Chelsea-Fans auf der Tribüne übereinander, als ihre Mannschaft den Ausgleich erzielt hatte – besser gesagt: den vermeintlichen Ausgleich. Denn weil in der Entstehung des Tores ein Chelsea-Spieler hauchzart und mit bloßem Auge nicht zu erkennen im Abseits gestanden hatte, erkannte der Schiedsrichter den Treffer nach Ansicht der Videoaufnahmen ab. Nun schrien wiederum Leicesters Fans ihre Freude heraus und lagen sich beseelt in den Armen. Ein paar Minuten später war das Spiel vorbei.

          21.000 Fans waren bei dem Spiel dabei – ein ungewohnter Anblick und Klang, nachdem in Großbritannien wegen der Corona-Pandemie Monate lang keine Zuschauer in Sportstadien erlaubt waren. Ihre allmähliche Rückkehr ist Teil des sogenannten Events Research Programme (ERP) der Regierung, bei dem unter anderem Wembley zum Labor umfunktioniert wird: Beim FA-Cup-Halbfinale zwischen Leicester und Southampton am 18. April waren 4000 Menschen im Stadion, beim Ligapokal-Finale zwischen Manchester City und Tottenham Hotspur am 25. April schon 8000. Alle Teilnehmer wurden vorher und nachher getestet.

          „Ich bin so froh“

          Das Spiel am Samstag war nun der nächste Schritt. Ab diesem Montag dürfen Klubs und Veranstalter wieder bis zu 25 Prozent ihrer Stadionkapazität öffnen, höchstens aber 10.000 Zuschauer einlassen. Bei den letzten beiden Premier-League-Spieltagen in dieser Woche und am Wochenende werden daher Zuschauer dabei sein. Ab dem 21. Juni will die Regierung alle gesellschaftlichen Restriktionen zum Corona-Schutz aufheben, sofern die Infektionszahlen nicht wieder steil nach oben schießen.

          Leicester mag nicht unbedingt Favorit auf den Pokalsieg gewesen sein, aber krasser Außenseiter waren die „Foxes“ auch nicht. In der Premier-League-Tabelle stehen sie auf dem dritten Platz. Der Klub gehört zwar nicht zu Englands sogenannten „Bix Six“, seit einigen Jahren aber sicherlich zum erweiterten Kreis. Trotzdem: Dies war der erste FA-Cup-Sieg in Leicesters Vereinshistorie, der Jubel der Mannschaft war dementsprechend ausgelassen.

          Torwart Kasper Schmeichel, der in der Schlussphase zwei überragende Paraden gezeigt hatte, sagte nach dem Schlusspfiff in einem emotionalen Interview mit der BBC: „Ich bin so froh, ich kann es nicht beschreiben. Wenn man bedenkt, wer diese Trophäe schon gewonnen hat, und es heute selber zu tun, das hätte ich in meinen wildesten Träumen nicht gedacht.“ Sein Vater hat den englischen Pokal mit Manchester United in den neunziger Jahren dreimal gewonnen.

          Chelseas Trainer Thomas Tuchel war nach dem Spiel vor allem genervt. Der Videoschiedsrichter hatte Chelsea den Ausgleich verweigert, mit der Hilfe digitaler Hilfslinien. Doch nicht nur das: Chelseas Spieler hatten in der Entstehung von Tielemans Siegtor auch ein Handspiel von Leicesters Ayoze Pérez erkannt, doch der Schiedsrichter gab das Tor. Tuchel nannte die Situation „entscheidend“ und beklagte die undurchsichtige Auslegung der Handspielregel: „Ich bin kein Experte für Handspiel mehr. Ich weiß nicht, wann es Handspiel ist und wann nicht. Ich weiß nicht mehr, wann sie es bestrafen müssen und wann es okay ist, den Ball mit der Hand zu spielen.“

          Die Gelegenheit zur Revanche bietet sich ihnen schon am Dienstag. Dann empfängt Chelsea den Pokalsieger in der Liga. Mit einem Sieg würde Chelsea Leicester den dritten Tabellenplatz entreißen. Für beide Klubs geht es um die Qualifikation für die Champions League. Für Tuchel und den FC Chelsea war das Spiel am Samstag indes nur das erste von zwei Endspielen: Am 29. Mai treten sie im Finale der Champions League gegen Manchester City an.

          Tuchel hat Chelsea erst Ende Januar übernommen und eine Verbesserung durch seine Arbeit ist deutlich sichtbar. Aber noch ist ein Szenario möglich, in dem der Klub am Ende mit leeren Händen dasteht: wenn sie in der Liga noch auf Platz fünf abrutschen und das Champions-League-Finale verlieren. Tuchel und seinen Spielern erginge es dann wie den Chelsea-Fans, die jubelten, dann aber schlagartig verstummten, als auf der Videowand im Wembley Stadium die Botschaft erschien: „Decision – No Goal“.

          Weitere Themen

          Moskau schließt EM-Fanzone Video-Seite öffnen

          Steigende Corona-Zahlen : Moskau schließt EM-Fanzone

          Wegen wieder stark steigender Corona-Infektionszahlen schließt Moskau seine Fanzone zur Fußball-EM und verbietet alle Freizeitveranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern. Als Grund für den starken Anstieg vermuten die Behörden neue Virusvarianten.

          Topmeldungen

          Schwieriges Terrain für die grüne Parteichefin: Annalena Baerbock am Freitag im Stahlwerk von ArcelorMittal in Eisenhüttenstadt

          Besuch im Stahlwerk : Baerbocks Auswärtsspiel

          Ausgerechnet in einem Stahlwerk in Eisenhüttenstadt präsentiert die Kanzlerkandidatin der Grünen ihre Pläne für eine klimafreundliche Wirtschaftpolitik. Wie kommt das an?
          Die frühere AfD-Vorsitzende Frauke Petry stellt am 18. Juni ihr neues Buch vor.

          Neues Buch : Frauke Petry rechnet mit der AfD ab

          Die ehemalige AfD-Vorsitzende Frauke Petry meint, dass ihre frühere Partei einen langsamen Tod sterben werde. Gegen Jörg Meuthen und Alice Weidel erhebt sie in ihrem Buch „Requiem für die AfD“ schwere Vorwürfe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.