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Niersbach bei WM-2006-Prozess : „Ich will mich endlich vom Albtraum befreien“

  • Aktualisiert am

Wolfgang Niersbach (Mitte) und seine Anwälte auf dem Weg zum Bundesstrafgericht in Bellinzona Bild: dpa

Im Sommermärchen-Prozess verlangen Anwälte eine Aussetzung des Verfahrens. Die Richterin ist unbeeindruckt. Der frühere DFB-Präsident Wolfgang Niersbach ist anwesend – gegen den eindringlichen Rat seines Arztes.

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          Mit entschlossener Miene und einem dicken grauen Schal um den Hals marschierte Wolfgang Niersbach am Mittwochmorgen zum Schweizer Bundesstrafgericht in Bellinzona. Während die ebenfalls angeklagten Theo Zwanziger und Horst R. Schmidt auch zum zweiten Startschuss des großen Sommermärchen-Prozesses nicht erschienen, nahm der frühere DFB-Präsident Niersbach überraschend auf der Anklagebank Platz, um seine Sicht der Dinge im Fall um dubiose Millionenzahlungen rund um die Heim-WM 2006 darzulegen. Zu Wort kam er vor Gericht aber nicht, da es zu viele Verfahrensfragen gab.

          „Ich bin angereist gegen den eindringlichen Rat meines Arztes, sogar gegen seine Warnung, sich angesichts der aktuellen Lage in der Schweiz und dem nahen Italien nicht der Gefahr einer Infektion auszusetzen“, hatte Niersbach vor Verhandlungsbeginn mitgeteilt. Dem ursprünglich angesetzten Prozessbeginn am Montag war der 69-Jährige aus Furcht vor dem grassierenden Coronavirus noch ferngeblieben - umso überraschender war seine Kehrtwende. Er müsse, meinte Niersbach, „dieses gesundheitliche Risiko in Kauf nehmen, weil ich mich endlich vom Albtraum dieses über vier Jahre dauernden Verfahrens befreien will. Dadurch wolle er „verhindern, dass in meiner Abwesenheit verhandelt wird, ohne dass ich persönlich Gelegenheit habe, die gegen mich erhobenen Vorwürfe mit allem Nachdruck zurückzuweisen, weil sie völlig haltlos sind“.

          Dennoch verlangte Niersbachs Anwalt Bernhard Isenring am Mittwoch wieder eine Verschiebung der Hauptverhandlung bis zum 15. März. Zwar findet die Verhandlung wegen der Virus-Bedrohung unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, Isenring verwies aber auf das Ansteckungsrisiko außerhalb des Gerichtssaals. Richterin Sylvia Frei lehnte den Verschiebungsantrag jedoch ab. Das Tessin verhängte am Abend jedoch einen Corona-Notstand, Veranstaltungen mit über 50 Personen werden bis zum 29. März untersagt. Ob dies Auswirkungen auf den Prozess hat, ist noch offen.

          Am Montag war Niersbach wie auch der frühere DFB-Präsident Zwanziger und Schmidt, der ehemalige Schatzmeister und Generalsekretär des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), dem Prozess ferngeblieben. Richterin Frei hatte deren Fehlen als „unentschuldigt“ gewertet und die Verhandlung auf Mittwoch vertagt. Der ebenfalls angeklagte frühere Fifa-Generalsekretär Urs Linsi (70/Schweiz) war am Mittwoch wieder vor Ort. Die Schweizer Bundesanwaltschaft (BA) forderte, auch Zwanzigers und Schmidts weiteres Fehlen trotz ärztlicher Atteste als „unentschuldigt“ zu werten. Wird die Abwesenheit entsprechend beurteilt, könnten die Beschuldigten keine Wiederholung der Verhandlung verlangen. Eile ist ohnehin geboten, da am 27. April die Verjährung der Vorwürfe eintritt, wenn kein erstinstanzliches Urteil vorliegt.

          Die Richterin bestellte deshalb am Mittwoch einen Sachverständigen, um die Reisefähigkeit Zwanzigers und Schmidt zu beurteilen. Laut dem Tessiner Medizinprofessor Luca Gabutti sei dem herzkranken Schmidt die Reise in die Schweiz zuzumuten, dessen Verhandlungsfähigkeit könne hingegen nur vor Ort in Bellinzona beurteilt werden. Bei Zwanziger sah sich der Sachverständige hingegen außerstande, ein Urteil über die Reise- und Verhandlungsfähigkeit mit den vorliegenden Unterlagen abzugeben. Ein Gespräch mit dem deutschen Arzt, der im Februar zwei Augenoperationen bei Zwanziger durchgeführt hatte, soll Klarheit bringen. Die Richterin traf deshalb noch keine Beschlüsse.

          Schmidts Anwalt Nathan Landshut hatte zuvor argumentiert, es sei ein „Skandal“, dass das Gericht seinen Mandanten einem „lebensbedrohlichen Risiko“ aussetze, indem es ihn zur Teilnahme an einer dreiwöchigen Verhandlung im Tessin zwinge. Den vier Angeklagten wird von der BA Mittäterschaft (Zwanziger, Schmidt, Linsi) bzw. Gehilfenschaft (Niersbach) zum Betrug vorgeworfen. Sie sollen über den eigentlichen Zweck einer Zahlung aus dem Jahr 2005 in Höhe von 6,7 Millionen Euro vom DFB an den Weltverband Fifa getäuscht haben. Die Beschuldigten haben den Vorwurf stets bestritten. Bereits im vergangenen Sommer war das Verfahren gegen den früheren OK-Boss Franz Beckenbauer (74) aufgrund dessen gesundheitlichen Zustands abgetrennt worden. Der DFB tritt in dem Prozess als Privatkläger auf.

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