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FC St. Pauli : Ein Treffen mit der alten Liebe

  • -Aktualisiert am

63 und kein bisschen leise: Ewald Lienen gibt immer noch alles. Bild: dpa

Es passt zwischen Ewald Lienen und dem FC St. Pauli, das zeigt sich in jeder Geste und jedem Satz. Und jetzt kommt die alte Liebe Gladbach. Gegen diesen Klub würde wohl selbst der ehrgeizige Lienen eine Niederlage verkraften.

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          Jetzt sei es doch genug - mit den Erinnerungen, mit den alten Geschichten, findet Ewald Lienen. Er möchte lieber über die Gegenwart sprechen, den FC St. Pauli mit seinem guten Saisonstart in die zweite Liga. Aber bei einem Mann mit einer solch schillernden Biographie wie es beim 63 Jahre alten Trainer der Kiezkicker der Fall ist, muss man doch mal nachfragen: Ist es nicht doch etwas Besonderes, an diesem Montag (20.30 Uhr/ Live bei Sky und im DFB-Pokal-Ticker bei FAZ.NET) in der ersten Pokalrunde gegen den Verein zu spielen, der acht Jahre seine Heimat bildete, der Identität stiftete?

          „Borussia Mönchengladbach war für mich das Tor zu einer neuen Welt“, hebt Lienen an. Damals, 1977, kam er als talentierter Stürmer von Arminia Bielefeld ins Gladbacher Starensemble. Der junge Ewald stellte sich hinten an, denn Rainer Bonhof, Jupp Heynckes, Hacki Wimmer, Jürgen Wittkamp und Berti Vogts bestimmten die Szenerie. Doch er fand bald seinen Platz, erzählt Lienen, auch dank seiner furiosen Sturmläufe, mit denen er geradezu prädestiniert war für die Spielweise der „Fohlen“: „Wir hatten besonders zu Beginn meiner Zeit eine Weltklassemannschaft, in der ich auch gelegentlich mitspielen durfte“, sagt Lienen bescheiden - und schiebt nach: „Ich habe gerade in den ersten vier Jahren tolle Dinge erlebt. Wir haben die Welt bereist, ich habe die Bundesliga kennengelernt, in den großen Stadien gespielt und durfte im Europacup gegen Real und Liverpool spielen.“

          Die Liebe zum alten Verein besteht bis heute

          Von 1977 bis 1981 und dann, nach zwei Jahren in Bielefeld, noch einmal von 1983 bis 1987, war Lienen für den Traditionsklub vom Niederrhein aktiv. Was sind das für schöne Bilder vom jungen Ewald, den Ball eng am Fuß, das Trikot mit der „Erdgas“-Werbung um den schlanken Oberkörper schlotternd, dazu die Zunge, die beim Dribbling in größter Konzentration von innen gegen die Wange bohrt.

          Die Liebe zum alten Verein besteht bis heute, Kontakte sind geblieben. In der „Weisweiler-Elf“, einer Traditions-Mannschaft, spielt Lienen gern mit, den gesamten Vorstand des aktuellen Champions-League-Teilnehmers kenne er, erzählt Lienen. Und: „Mit Jupp Heynckes, Uli Sude oder Winnie Hannes verbinden mich Freundschaften.“ Der oft bissige, misstrauische Querdenker schmilzt dahin, wenn er von früher erzählt.

          Stets aufmerksam: Lienen hat immer einen Block dabei.
          Stets aufmerksam: Lienen hat immer einen Block dabei. : Bild: dpa

          Doch er bleibt skeptisch. Zu viel altes Zeug, stempelt ihn das nicht auch zum alten Eisen? Mit jeder Geste und jedem Satz möchte er dokumentieren, dass es passt zwischen ihm und dem Verein vom Millerntor. Er sagt: „Es ist für mich etwas Besonderes, diesen Verein zu trainieren.“ Längst schätzen ihn die Fans wegen seiner impulsiven Art. Wie er die Fäuste ballt vor dem Spiel, zu den Fans läuft, und die Anhänger auf den Tribünen des schmucken, neuen Stadions so aufweckt. Wie er mitgeht, schimpft, anfeuert am Spielfeldrand. Altes Eisen? Ganz bestimmt nicht.

          Eher scheint die junge Mannschaft mit dem energiegeladenen, ewig kritischen, aber hochloyalen Vereinsumfeld ein Jungbrunnen für Ewald Lienen zu sein. Dass der immer noch irgendwie andere, auf jeden Fall links positionierte Klub bestens zum ehemaligen Unterstützer der DKP passt, würde er nie so sagen - viel zu plakativ. Doch irgendwie spürt man die Wesensverwandtschaft von Trainer und Verein. Denn die Werte, für die der FC St. Pauli steht, die kann auch Ewald Lienen für sich reklamieren.

          Der Einsatz zahle sich irgendwann aus

          Als Lienen vom neuen Präsidium um Oke Göttlich im vergangenen Herbst aus einer Fülle von Bewerbern herausgefiltert wurde, lag das weder an seiner politischen Einstellung noch daran, womöglich keinen anderen zu finden. Lienen ging sofort ans Eingemachte, analysierte die Fehler im Spiel des FC, machte Verbesserungsvorschläge, wirkte bestens präpariert. Nach vielen Stationen im In- und Ausland ging es für ihn nun also beim abstiegsbedrohten FC St. Pauli weiter.

          Wie er die bedrohliche Lage mit dem zwischenzeitlichen Abrutschen auf den letzten Rang meisterte, nötigte vielen Respekt ab. Eine ganze Reihe von ordentlichen Leistungen lieferte seine Mannschaft ab. Doch die Belohnung blieb aus. Lienen nahm den Druck vom Team, er redete es stark, sprach stets davon, dass sich der Einsatz irgendwann auszahlen werde. Die Abwehr hatte er da schon stabilisiert. Als endlich Tore fielen, kletterte der FC aus dem Keller.

          Nun hat er eine erste komplette Vorbereitung hier hinter sich. Das, was jeder Vorstand vom Trainer erwartet, ist eingetreten: Einige der jungen Spieler scheinen unter Lienen beständiger, besser geworden zu sein. Herzstück des mit vier Punkten aus zwei Spielen gut gestarteten FC ist das neue Mittelfeld. Obwohl mit Dennis Daube und Julian Koch zwei Stammkräfte gingen, hat Lienen mit Marc Rzatkowski, Enis Alushi und Sebastian Maier ein spielstarkes Trio im Mittelfeld installiert, das St. Paulis Probleme im Spielaufbau beseitigen könnte. Sollte das am Montagabend nicht so herüberkommen - weniger schlimm, findet Lienen: „Lucien Favre und Max Eberl haben tolle Arbeit geleistet. Sie haben die Borussia toll entwickelt.“ Gegen diesen Klub würde wohl selbst der ehrgeizige Lienen eine Niederlage verkraften.

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