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Europameister Griechenland : Rehhagels Fußball-Wunder

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Der neue Europameister Bild: REUTERS

Der Außenseiter hat eine Sensation im europäischen Fußball geschafft und das Finale der Europameisterschaft gegen Gastgeber Portugal gewonnen. Mit Bildergalerie.

          3 Min.

          Auf den Tag genau 50 Jahre nach dem „Wunder von Bern“ hat Otto Rehhagel mit Griechenland die größte Sensation der Europameisterschafts-Geschichte vollbracht.

          Durch ein Tor des Bremer Bundesligaspielers Angelos Charisteas in der 57. Minute setzte sich die hellenische Sensations-Mannschaft am Sonntag abend in Lissabon im EM-Endspiel überraschend 1:0 (0:0) gegen den favorisierten Gastgeber Portugal durch. 15.000 begeisterte Fans unter den 62.865 Zuschauern im ausverkauften Estadio da Luz feierten den ersten Titelgewinn ihrer Lieblinge bei einem großen Turnier.

          "Die griechische Mannschaft hat Fußball-Geschichte geschrieben“

          „Das ist ein außergewöhnlicher Moment für den griechischen und den europäischen Fußball“, sagte Otto Rehhagel (). „Der Gegner war technisch sicher besser als wir, aber die Tore müssen sie schon selbst schießen. Die griechische Mannschaft hat Fußball-Geschichte geschrieben. Hoffentlich kommen wir am Montag überhaupt noch nach Athen hinein.“

          Der neue Europameister Bilderstrecke

          Luiz Felipe Scolari, Nationaltrainer Portugals ergänzte: „Wir wollten doch eigentlich viel mehr erreichen. Wir haben bis hierhin gut gespielt. Wir haben das Beste gegeben, aber unsere Chancen nicht genutzt. Wir hätten treffen müssen. Leider haben wir einmal nicht aufgepaßt. Die Spieler sind trotzdem zu beglückwünschen. Andererseits haben wir auch gegen eine sehr starke griechische Mannschaft gespielt.“

          Markus Merk souverän

          Portugal blieb dagegen die erhoffte Revanche für das 1:2 im Eröffnungsspiel und vor allem die EURO-Krönung versagt. Im spielerisch schwächsten Finale der 44jährigen EM-Historie bot der deutsche Schiedsrichter Markus Merk (Kaiserslautern) eine souveräne Leistung und überzeugte vor allem durch seine klare Linie.

          Erstmals bei Welt- und Europameisterschaften gewann damit ein Team mit einem ausländischen Trainer den Titel. „König Otto“ Rehhagel, der den ersten deutschen WM-Triumph vor einem halben Jahrhundert als 15jähriger erlebte, kann sich mit seiner Mannschaft nach diesem Coup auf einen begeisternden Empfang am Montag in Athen freuen ().

          Im Beisein des portugiesischen Staatschefs Jorge Sampaio und des extra zum Endspiel eingeflogenen griechischen Ministerpräsidenten Kostas Karamanlis lieferten sich beide Mannschaften von Beginn an eine umkämpfte Partie. Die Griechen kehrten zu ihrem schon beim 2:1 im EM-Eröffnungsspiel über die Portugiesen erfolgreichen 4-4-2-System zurück, mit dem die Hausherren im Bemühen um konstruktive Angriffe abermals ihre liebe Mühe hatten. So entsprangen die ersten Chancen auch Einzelleistungen: Monteiro Miguel scheiterte mit einem Schuß von der Strafraumgrenze an Torwart Antonios Nikopolidis (14.), Nuno Maniche schoß zehn Minuten später aus 18 Metern knapp neben das Gehäuse.

          Figo abermals enttäuschend

          Ansonsten lief recht wenig zusammen bei den Gastgebern. Das lag auch daran, daß Luis Figo, der durch seinen 14. Einsatz bei einer EM zu den Rekordspielern Zidane, Thuram (beide Frankreich) und Poborsky (Tschechien) aufschloß, ebenso wie Cristiano Ronaldo nicht wie gewohnt zum Zug kam und enttäuschte. Gegen den klug gestaffelten Gegner wirkten Starakteur Figo in seinem 110. und vielleicht letzten Länderspiel und seine Mitspieler zunehmend hilf- und ratlos.

          Dies übertrug sich auch auf die Ränge: Die griechische Minderheit sorgte für Stimmung und berauschte sich am immer frecheren Auftritt ihrer Lieblinge. Diese hatten in der ersten Halbzeit allerdings nur eine gute Chance: Charisteas (16.) konnte nach Zisis Vryzas' Hackentrick-Vorlage Keeper Ricardo jedoch nicht überwinden.

          Nach Wiederanpfiff hofften die einheimischen Anhänger auf endlich mehr Angriffsdruck ihrer Mannschaft. Doch die Griechen, die nach dem Halbfinale einen Tag weniger Pause hatten, wirkten spritziger - und nutzten ihre zweite Einschußmöglichkeit konsequent zur Führung aus. Nach Angelos Basinas' Eckball war Charisteas per Kopf zur Stelle und markierte seinen dritten Turnier-Treffer. Dabei profitierte er noch von Ricardos Fehler, der zu spät aus seinem Kasten kam und keine Chance hatte, vor dem Torschützen an das Leder zu kommen.

          Schlußoffensive ohne Erfolg

          Luiz Felipe Scolari reagierte auf die trostlose Darbietung seines Teams und brachte in Rui Costa für Costinha einen neuen Ideengeber und später mit Nuno Gomez auch noch einen weiteren torgefährlichen Stürmer in die Begegnung. Und das Spiel wurde besser, weil die Portugiesen endlich aus ihrer Lethargie erwachten und nun doch noch ihre Chance suchten. Ronaldo (59.) und Figo (64.) fanden bei ihren Schüssen im starken Nikopolidis ihren Meister.

          In der portugiesischen Schlußoffensive hatten Ronaldo (75.) freistehend vor Nikopolidis und Ricardo Carvalho (81.) den Ausgleich auf dem Fuß, doch der bis dahin wenig geprüfte Keeper wurde nun zum großen Rückhalt. Kurz vor Schluß rannte ein portugiesischer Fan auf den Platz, warf Figo die Fahne des FC Barcelona vor die Füße und legte sich dann ins Tornetz. Mit Figos letztem Schußversuch (90.) ging auch Portugals letzte Chance vorbei.

          Portugal - Griechenland 0:1 (0:0)
          Portugal: Ricardo - Miguel (43. Ferreira), Carvalho, Andrade, Valente - Costinha (60. Rui Costa), Maniche - Ronaldo, Deco, Figo - Pauleta (74. Nuno Gomes)
          Griechenland: Nikopolidis - Seitaridis, Dellas, Kapsis, Fyssas - Zagorakis, Katsouranis, Basinas - Charisteas, Giannakopoulos (76. Venetidis) - Vryzas (81. Papadopoulos)
          Schiedsrichter: Dr. Markus Merk (Kaiserslautern)
          Tor: 0:1 Charisteas (57.)
          Zuschauer: 62.865
          Gelbe Karten : Costinha (2), Valente (2) - Basinas, Seitaridis (2), Fyssas, Papadopoulos

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