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Europa League : „Wir sind alle 96“

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96-Trainer Slomka: „Sicher, dass das Spiel ein großes Fest wird” Bild: dpa

Für Hannover 96 ist die Europa-League-Partie an diesem Donnerstag (20.30 Uhr) gegen Sevilla das Spiel des Jahres. Und die ganze Stadt scheint mitzumachen. Die selbstbewussten Fußballprofis machen sich kein bisschen kleiner, als sie sind.

          Mit dem Begriff wird oft verschwenderisch umgegangen: Spiel des Jahres. Wer sich an diesem Mittwoch jedoch auf den Weg machte vom Bahnhof zum Stadion, der sah so viele Menschen in Fußballtrikots mit dem „96“-Abzeichen, der hörte so oft das Wort „Sevilla“ und sah so viele Autos mit wehendem Fanschal, dass man bei aller Unschärfe dieser Momentaufnahmen feststellen kann: für Hannover 96 findet an diesem Donnerstag um 20.30 Uhr (im FAZ.NET-Europa-League-Liveticker) wirklich das wichtigste Match 2011 statt. Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, hätte man sich auch am Mittwoch vor einer Woche um sechs Uhr morgens zu den ersten Wartenden in die Schlange reihen können, die sich vor dem Fanshop von Hannover 96 nahe dem Maschsee bildete. Um zehn Uhr, als die Kassen öffneten, standen dann schon 1000 Fans an, um an die letzten Karten für das erste Play-off-Spiel der Europa League gegen den FC Sevilla zu gelangen. Um kurz vor 12 Uhr war dann das letzte Ticket weggegangen: Block S 11, Reihe 4, Platz 1. Für 25 Euro.

          Hannover 96 bekommt das Spiel des Jahres, und die ganze Stadt scheint mitzumachen. Die „Roten“ als Stadtgespräch, das gab es schon öfter hier, aber beginnend mit einem geseufzten „Ach“. Mal wieder in Abstiegsgefahr, mal wieder ein neuer Trainer. Mal wieder ein neuer Sportchef. Trüber Fußball mit Jiri Stajner als einziger Aufhellung. In diesen Tagen „sind wir alle 96“, wie Präsident Martin Kind mit der für ihn typischen ironischen Distanz sagt. Kind spricht so gern im Börsenjargon von der „Marke 96“. Näher dran, tatsächlich zumindest in Norddeutschland eine solche zu werden – und zwar eine relativ sympathische, ohne Arroganz und Großmannssucht –, waren die „Roten“ nie: Sie haben Werder Bremen, den HSV und den VfL Wolfsburg im vergangenen Jahr mit ordentlichem Fußball hinter sich gelassen. Sie stehen auch jetzt als einziger Teilnehmer Norddeutschlands am europäischen Wettbewerb wieder vor den großen Nordrivalen. Mag das auch nur eine virtuelle Wertung sein, den Fans bedeutet es etwas, zu singen: „Die Nummer eins im Norden sind wir!“ Kapitän Steven Cherundolo sagt es so: „Schon die Vorfreude ist doch eine Riesenbelohnung für die Fans, die all die Jahre gelitten haben.“

          „Hannover 96 ist sexy“

          Jörg Schmadtke ist ein Typ, der all diese kleinen und großen Zeichen der Begeisterung und Anteilnahme registriert, ohne besonders beeindruckt zu wirken. Vielleicht ungewollt hat er vergangene Woche schmunzelnd einen Satz ausgesprochen, der zur ewigen grauen Maus noch vor einem Jahr so gut gepasst hätte wie Lederhosen zum Maschseefest: „Hannover 96 ist sexy.“ Schmadtke musste selbst ein bisschen grinsen, als würde er seine Worte erst auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen. Aber niemand widersprach. Beim niedersächsischen Bundesligaklub wollen sie nach den Siegen in den ersten drei Pflichtspielen mehr sein als eine flüchtige Mode. Warum sollte es nicht Stück für Stück gelingen, Werder und dem HSV eine ernsthafte Konkurrenz zu werden?

          Hannover 96 bekommt das Spiel des Jahres, und die ganze Stadt scheint mitzumachen

          Sportlich ist Hannover auf gutem Weg. Schmadtke sagt: „Wir haben zum ersten Mal seit Jahren die Mannschaft beibehalten. Wir sind ein Stück reifer geworden und haben einen Kader mit einigen Luxusproblemen.“ Im Angriff, aber auch in der Abwehr gibt es inzwischen starke Alternativen zur ersten Besetzung. Weil das so ist und der Saisonverlauf Hannover eine gute Frühform bescheinigt, ist aus dem frustrierend übergroßen Gegner, der der FC Sevilla in den Tagen nach der Auslosung zu sein schien, ein schlagbarer Widersacher geworden. Zweimal haben die Spanier den Uefa-Pokal gewonnen, einige große Namen wie Torwart Palop, Stürmer Kanouté und Perotti im Mittelfeld stehen bei Sevilla unter Vertrag. Seit diesem Sommer auch der ehemalige Hamburger Trochowski. Verstecken wollen sich die „Roten“ nicht. Trainer Mirko Slomka sagt: „Die Mannschaft ist mit großen Namen gespickt, und sie ist klasse. Ich bin aber der Meinung, dass wir eine sehr gute Chance haben. Ich bin mir sicher, dass das Spiel ein großes Fest wird.“ Die selbstbewussten Hannoveraner machen sich kein bisschen kleiner, als sie sind. Sie wollen groß denken und reden mutig von der Gruppenphase. Und Millionen-Einnahmen.

          Aus Sicht des Wettbewerbs wäre es wünschenswert, dass ein Klub wie Hannover 96 nach 19 Jahren Europapokal-Abstinenz die nächste Runde erreicht. Die garantierten drei Heimspiele wären unabhängig vom Gegner Höhepunkte, denn in Hannover hat keiner gemault, dass die Champions League im Schlussbogen der letzten Serie verpasst wurde. Die Europa League ist hier Hauptgewinn, kein Trostpreis. „Dass wir in Europa spielen, ist unser kleines Wunder“, sagt Kind. „Allerdings ist es kein Zufall. Es ist das Ergebnis guter Entscheidungen.“ Damit lobt er auch sich: Es war die richtige Entscheidung, an dem Duo Schmadtke/Slomka festzuhalten. Vor einem Jahr stand Slomka nach dem Pokal-Aus in Elversberg vor der Entlassung. Am 18. August 2011 hat er das Spiel des Jahres erreicht.

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