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FC Augsburg gegen FC Liverpool : Die Fugger-Beatles

FCA-Fab-Four: Kapitän Paul „John“ Verhaegh (von rechts), Torwart Marwin „Ringo“ Hitz, Spielmacher Daniel „Paul“ Baier, Torjäger Raúl „George“ Bobadilla. Bild: WWK/FCA

Sogar der britische Premierminister David Cameron erkundigt sich nach dem kleinen FC Augsburg, der jetzt auf Klopps großen FC Liverpool trifft. Auch Angela Merkel ist begeistert.

          „In Europa kennt euch keine Sau“, skandierten am Sonntag Fans des FC Bayern beim 3:1-Sieg des Meisters beim FC Augsburg. Es war eine spöttische Variation des Gesangs, mit dem die FCA-Fans die sensationelle Qualifikation ihres Klubs für die Europa League gefeiert hatten („In Europa kennt uns keine Sau“). Natürlich stimmt die Aussage längst nicht mehr.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Am Dreikönigstag, beim Treffen der CSU-Landesgruppe in Wildbad Kreuth, erkundigte sich sogar der eingeladene britische Premierminister David Cameron nach diesem kleinen deutschen Klub, der nun den großen FC Liverpool empfängt. Bundeskanzlerin Angela Merkel konnte ihm helfen: Sie nannte es eine „begeisternde Geschichte“.

          Der passende Hashtag zum FCA bei „Twitter“ oder Instagram“ heißt inzwischen #jedesau. Das Understatement des Newcomers ist dem selbstbewussten Auftritt in der Liga der Arrivierten gewichen. Vor dem „Traumspiel“, wie Sportdirektor Stefan Reuter das Hinspiel gegen Liverpool an diesem Donnerstag nennt, verbreitet der Klub über die sozialen Medien eine freche Fotomontage.

          Sie zeigt das Cover des Beatles-Albums „Abbey Road“ – aber statt John Lennon schreitet dort Kapitän Paul Verhaegh über den berühmten Zebrastreifen; Ringo Starr ist durch Torwart Marwin Hitz ersetzt, Paul McCartney durch Spielmacher Daniel Baier, George Harrison durch Torjäger Raúl Bobadilla. Darüber steht die berühmte Zeile, mit denen die Fans an der Anfield Road ihr Team begrüßen: „You’ll Never Walk Alone“.

          So hat man gleich beide großen Liverpool-Mythen kopiert, die Hymne der „Reds“ und die Hits der „Fab Four“. Ganz schön frech, dieser Auftritt – und ganz schön schlau, sich zugleich vor dem Duell mit Jürgen Klopps Team als dankbarer Außenseiter zu geben. Dieses Los sei „ein Geschenk für uns“, so Trainer Markus Weinzierl. Es helfe, „den FCA auf großer Bühne zu präsentieren“. Live im Free-TV laufen nicht die Großklubs Dortmund oder Schalke, sondern die Augsburger, und die Eintrittskarten waren eine Stunde nach Beginn des Vorverkaufs vergriffen.

          „Ich mag Augsburg, ich mag den Klub“, sagt Klopp. Das größte Handicap des FCA sieht er im Fehlen des „Schlüsselspielers“ Baier, der nach einem Haarriss im Sprunggelenk gerade erst wieder mit dem Lauftraining beginnt. Im Gegensatz zu den heimischen Pokalspielen, in denen er Stammspieler für die Liga schonte, will Klopp in Augsburg auf die beste Elf setzen, die zuletzt 6:0 beim Tabellenletzten Aston Villa gewann. „Die Europa League ist uns sehr wichtig“, sagt er.

          Bei Augsburg geht es darum nicht abzusteigen

          Für die Augsburger ist die Verteilung der Kräfte schwieriger. Es ist „das größte Spiel der Vereinsgeschichte“ (Kapitän Verhaegh) – aber nicht das wichtigste. „Das wichtigste Spiel ist das in Hannover“, sagt Trainer Weinzierl. Es ist, drei Tage später, die Reise ans Tabellenende der Bundesliga, wo der FCA noch vor knapp drei Monaten selbst stand, ehe ein furioses Vorrunden-Finale mit 13 von 15 möglichen Punkten gelang.

          Das dabei gewachsene Gefühl, mit dem Abstieg nichts zu tun zu haben, ist mit dem Fehlstart ins neue Jahr (zwei Punkte in vier Spielen), wieder brüchig geworden. Nach zwei Jahren, in denen Platz acht und fünf erreicht wurde, geht es in der fünften Bundesligasaison des FCA wieder allein darum, nicht abzusteigen.

          Klopp kehrt in der Europa League wieder nach Deutschland zurück: „Ich mag Augsburg, ich mag den Klub.“

          Zu diesem Zweck macht man in Augsburg, dem Trend der Liga folgend, die Schotten dicht. Einer der beiden Trainingsplätze wurde mit einer grünen Sichtschutzplane eingezäunt, damit das nichtöffentliche Training nun tatsächlich ohne ungebetene Zuschauer stattfinden kann. Im Dezember hatte Weinzierl davon berichtet, auch durch den FC Bayern schon im Training ausgespäht worden zu sein. Was kein Affront wäre, sondern übliche Praxis: Dort, wo es geht, etwa die Eckball- und Freistoß-Varianten eines Konkurrenten zu studieren.

          Dass die Stützen der Augsburger Erfolgsgeschichte weiter ins Blickfeld der Branche geraten, gerade in den Spielen gegen Liverpool, kann allerdings kein Sichtschutz verhindern. Das Werben von RB Leipzig um Weinzierl ist lange bekannt. Und in der Premier League spricht sich herum, dass Spieler aus der Bundesliga gut zu gebrauchen sind: wie Christian Fuchs, aus Schalke gekommen, beim Tabellenführer Leicester City oder wie Son Heung-Min (aus Leverkusen) beim Tabellenzweiten Tottenham.

          Augsburg kann sich nicht mehr verstecken

          Und, mit Verzögerung, nun auch Abdul Rahman Baba. Im Sommer für mehr als zwanzig Millionen Euro aus Augsburg zum FC Chelsea gewechselt, kam er unter José Mourinho kaum zum Einsatz, bot unter Nachfolger Guus Hiddink am Dienstag beim 1:2 im Hinspiel der Champions League bei Paris St-Germain aber eine gute Leistung.

          Laut „Daily Mirror“ besteht inzwischen gleich bei drei englischen Klubs – Tottenham, Southampton und West Ham – Interesse an FCA-Mittelfeldspieler Dominik Kohr. Nach knapp fünf Jahren klammheimlichen Aufstiegs können sie sich wohl nicht mehr verstecken, die Augsburger. Und wollen das auch nicht, schon gar nicht in ihrem größten Spiel.

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