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Europa-League-Finale : Fulhams wunderbare Europareise

Fußball-Lehrer Roy Hodgson: Fachlich unterschätzter Typ Zugvogel Bild: REUTERS

Es war eine langer Weg bis Hamburg für Roy Hodgson und seinen FC Fulham: Fast immer waren sie Außenseiter, einmal mussten sie im Bus reisen, jetzt stehen sie am Mittwochabend im Europa-League-Finale gegen Atlético Madrid. Es winkt der größte Triumph der Vereinsgeschichte.

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          Der Norden ist ein gutes Pflaster für Roy Hodgson. Dort gewann er alle Titel seiner Trainerkarriere. Als junger Mann mit Halmstad und Malmö in Schweden. Später mit dem FC Kopenhagen in Dänemark. Mit Finnland schaffte er beinahe die Qualifikation zur EM 2008. Da klingt Hamburg, das deutsche Tor zum Norden, wie ein verheißungsvoller Ort für den englischen Trainer - und für seinen Versuch, mit dem FC Fulham eine der größten Überraschungen in der Geschichte des Europapokals zu schaffen.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Der kleine Klub aus dem Londoner Westen war in jeder Runde des Wettbewerbs Außenseiter, gegen Titelverteidiger Schachtjor Donezk, gegen Juventus Turin, gegen den deutschen Meister VfL Wolfsburg, gegen den Hamburger SV - und wird es auch an diesem Mittwoch im Endspiel (20.45 Uhr, FAZ.NET-Live-Ticker: Europaliga) gegen Atlético Madrid sein.

          Doch was heißt das schon? Was Fulham in dieser Saison erreicht habe, sei jetzt schon „fast ein Wunder“, urteilt der „Daily Telegraph“ und findet: „Hodgson hat gezeigt, dass er der richtige Mann sein kann, um Fabio Capello als englischer Nationaltrainer zu ersetzen“ - sollte der Italiener nach der WM aufhören wollen. Die Fans im Craven Cottage, dem altertümlichen Stadion am Themse-Ufer, lieben ihn. Und der große Kollege Alex Ferguson hatte eine klare Wahlempfehlung: „Roy sollte Trainer des Jahres werden, da gibt es keinen Zweifel.“ Die Kollegen folgten Ferguson prompt - die Trainer und Manager der vier Top-Ligen votierten mehrheitlich für Hodgson.

          Fulhams Abenteuer: Wie die Rückkehr in eine unschuldigere Ära

          Hodgson ist jemand, den man einfach mögen muss. Fein gekleidet, vielsprachig, stets verbindlich, auch zu Schiedsrichtern und Journalisten - ein Gentleman. Der 62 Jahre alte Trainer steht für die gute alte Zeit, wie ein Journalist im „Guardian“ fand: mit den Manieren, den Sakkos und der Stimme eines „ehrenhaften Bankräubers der sechziger Jahre“. Es war die Zeit, als „Die Gentlemen bitten zur Kasse“ noch eine Beschreibung für den legendären Postraub von 1963 war und noch nicht für die Art, mit der heute der englische Fußball von Investoren, Agenten und Profis geplündert wird. „In einer Saison der Premier League, die von Finanzkrise und murrenden Fans geprägt ist“, so der „Guardian“, „fühlen sich Fulhams Abenteuer wie die Rückkehr in eine unschuldigere Ära an.“

          Er galt nicht gerade als Messias, als er kam

          Hodgson ist der Typ sympathischer Zugvogel, den man fachlich, wie fast jeden, der seinen Weg im Ausland macht, unterschätzte. Er arbeitete in acht Ländern, darunter als Nationaltrainer der Schweiz, die er nach 28 Jahren 1994 wieder zur WM führte. Mit Inter Mailand verlor er das Uefa-Cup-Finale 1997 im Elfmeterschießen gegen Schalke 04. Aber ausgerechnet seine Rückkehr in die Heimat missriet zunächst völlig. Er wurde 1999 auf dem letzten Tabellenplatz in Blackburn entlassen. So galt er nicht gerade als Messias, als er zum zweiten Mal heimkehrte und Fulham Ende 2007 auf Rang 19 übernahm. Er wendete den Abstieg aus der Premier League hauchdünn durch die bessere Tordifferenz gegenüber Reading ab.

          In seiner ersten kompletten Spielzeit in Fulham holte er dann einen großartigen siebten Platz, der für die Europa League berechtigte, und startete die laut Hodgson „wunderbare Reise“ dieser Saison. Eine lange Reise: Sie führte durch die Qualifikation, begann im Juli 2009 in Litauen, bis heute 18 Spiele. Das Hamburger Finale ist bereits der zehnte Europa-Trip des Wettbewerbs für Fulham, nach den Stationen Vilnius, Perm, Sofia, Rom, Basel, Donezk, Turin, Wolfsburg, was ungefähr 30.000 Flugkilometer ausmachte; sowie, wegen der Vulkanwolke, eine fast tausend Kilometer lange Busfahrt von London nach Hamburg vor dem Halbfinale.

          Jetzt soll er bleiben: „Wir schließen ihn in seinem Zimmer ein“

          „Was wir in diesem Klub erreicht haben, ist unglaublich“, sagt Torwart Mark Schwarzer. „Ich liebe jede Minute, ich will nicht, dass es aufhört.“ Kollege Simon Davies findet, der Trainer habe „Wunder bewirkt“. Hodgson gilt als taktischer Pedant, der jedes Training selbst leitet. Übungen des defensiven Positionsspiels wiederholt er, bis es wie im Schlaf funktioniert. Er habe ihnen einen Fußball „italienischen Stils“ beigebracht, so Kapitän Danny Murphy, ein geduldiges, eher europäisches Spiel.

          1996 war Fulham Vorletzter der fünften Klasse, der letzten englischen Profiliga. Ein Jahr später kaufte der Ägypter Mohamed Al-Fayed, Besitzer des Kaufhauses Harrods, den Klub. Mit dessen Geld schaffte es Fulham in die Premier League, blieb dort aber ein Kellerkind. Mit Hodgson winkt nun der erste Titel der 131-jährigen Vereinsgeschichte. Fans und Profis fürchten aber, dass der Erfolg sie den Vater des Erfolges kosten wird. Sie lesen in den Zeitungen von angeblichen Avancen aus Liverpool und vom Interesse des englischen Verbandes. Schwarzer will ihn nicht hergeben. Er hat sich einen Plan ausgedacht: „Wir schließen ihn in seinem Zimmer ein.“

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