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Drama für Borussia Dortmund : „Wir haben auf einmal Schiss bekommen“

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Ein Spiel, für das es keine Worte gibt: BVB-Kapitän Hummels (links) und Trainer Tuchel nach dem Aus in Liverpool. Bild: dpa

In einem epischen Fußballdrama in Liverpool fliegt Dortmund aus der Europa League. Ein Irrtum führt zum irren Spielverlauf. Dabei vollzieht sich der Fall des BVB in zwei Stufen.

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          Thomas Tuchel weiß sicher mehr über Fußball als viele andere Menschen. Nach diesem Spiel stieß jedoch selbst er an Grenzen. Es war erst ein paar Minuten her, dass der FC Liverpool mit dem Tor zum 4:3 in der Nachspielzeit das Aus der Dortmunder Borussen im Europa-League-Viertelfinale besiegelt hatte, da gab der sonst so eloquente Trainer des BVB zu, dass es ihm nicht möglich sei, das Ergebnis mit dem, was die Schulweisheit lehrt, in Einklang zu bringen. Ob ihm Erklärungsansätze einfielen für das, was gerade geschehen war, wurde er gefragt. Tuchel tat so, als läge die Antwort auf der Hand. „Natürlich nicht“, sagte er, „natürlich nicht.“

          Nächster Versuch: Können Sie in Worte fassen, wie Sie die zweite Halbzeit erlebt haben? Antwort: „Nein, kann ich nicht. Es gibt wohl auch keine Worte dafür.“ Nur so viel sei sicher: „Das wird nicht mehr oft passieren.“ Unter dem Eindruck eines irren Spielverlaufs stand selbst Tuchel, dem Meister der Analyse, nicht der Sinn danach, ein zuweilen surreal anmutendes Spiel mit Expertisen voller Tiefgang zu erläutern. Also beließ er es bei einem Spruch, der dieses epische Fußballdrama kurz, aber nicht schmerzlos zusammenfasste. „Shit happens.“

          Nach den beiden frühen Toren von Henrich Mchitarjan (5. Minute) und Pierre-Emerick Aubameyang (9.) hatte es so ausgesehen, als sollten die Dortmunder leichter ins Halbfinale gelangen, als sie nach dem Hinspiel (1:1) selbst gedacht hätten. Der Anschlusstreffer von Divock Origi zu Beginn des zweiten Durchgangs (48.) änderte noch nichts an der Richtung dieser Partie, weil Marco Reus alsbald den alten Abstand wieder herstellte (57.).

          Nach knapp einer Stunde wähnten die Dortmunder sich auf der sicheren Seite. Niemand, vermutlich nicht einmal die Profis des FC Liverpool und deren Trainer Jürgen Klopp konnten sich vorstellen, dass die Borussen in der letzten halbe Stunde auf ein Niveau zurückfallen würden, das Tuchel später als „deutlich unter unseren Ansprüchen“ bezeichnete.

          Den ersten Sieg einer deutschen Mannschaft an der Anfield Road vor Augen, bekamen die Dortmunder zu spüren, wohin es führen kann, wenn man zu früh mit sich und der Welt zufrieden ist im Wettstreit mit einer Mannschaft, die in scheinbar aussichtsloser Lage nicht daran denkt aufzugeben. „Mit dem 3:1 haben wir gedacht, das Ding ist durch“, sagte Mats Hummels. Welch ein Irrtum! Der Fall des Favoriten vollzog sich in zwei Stufen. Erst hätten die Dortmunder „aufgehört, aggressiv zu verteidigen“, nach dem Anschlusstreffer zum 3:2 hätten sie „aufgehört, Fußball zu spielen“, befand der Kapitän des BVB mit Blick auf die „schmerzlichste Niederlage der Saison“.

          Neben der Wucht und der Vehemenz des Gegners wurde den Dortmundern die eigene Psyche zum Verhängnis. Eingeschüchtert von einem Publikum, das die „Reds“ lautstark nach vorn trieb, geriet der Bundesliga-Zweite auf Abwege. „Wir haben auf einmal Schiss bekommen und hatten überhaupt keinen Zugriff mehr“, sagte Hummels. „Das Ding haben wir hergeschenkt.“

          Bei allem Respekt vor der Leistung der gegnerischen Spieler sah er die Ursache für das Scheitern vor allem in den Schwächen der eigenen Elf. „Sie wären niemals zurückgekommen, wenn wir nach dem 3:1 weiter unseren Stiefel runtergespielt hätten“, sagte Hummels. Das gelang den Dortmundern jedoch nicht; sie hatten dem Ansturm der Heimmannschaft kaum mehr etwas entgegenzusetzen.

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          So konnten Philippe Coutinho (66.) und Mamadou Sakho (78.) mit ihren Toren die Basis für ein sportlich wie emotional außergewöhnliches Finale furioso legen, das Dejan Lovren in letzter Minute mit dem alles entscheidenden Treffer krönte. Kampf, Charakter und Jürgen Klopps Charisma kumulierten zu einem Energiefeld, in dem die Dortmunder am Ende zu stark unter Strom standen, als dass sie die erste Niederlage im neunzehnten Pflichtspiel der Rückrunde noch hätten abwenden können.

          Als hätte der späte Knockout den Westfalen nicht genug Schmerzen bereitet, bezog die Niederlage einen zusätzlichen dramaturgischen Reiz aus dem viel beschriebenen Wiedersehen mit Klopp, dem vormaligen BVB-Trainer, der inzwischen auf der Bank des FC Liverpool sitzt, genauer gesagt: vor dieser Bank mit aller Kraft, mit Gesten und mit Blicken auf sein Personal und sein Publikum einwirkt.

          So wild er sich während der Partie zuweilen gebärdete, so gefasst wirkte Klopp nach dem Schlusspfiff. Wie seine Mannschaft hatte auch der Trainer offenbar alles aus sich herausgeholt. Er fühle sich „eher ruhig und müde“, sagte Klopp, „das Adrenalin ist nach Spielschluss aus dem Körper geflossen.“

          Kein Wunder. Nicht einmal Klopp, mag er auch unbändigen Siegeswillen zur Schau stellen, hatte nach dem dritten Gegentor noch an die Wende geglaubt. Er habe seinen Männern allerdings mit auf den Weg gegeben, was ungeachtet der nur noch minimalen Siegchance von ihnen verlangt werde.

          „Es ging darum, Charakter zu zeigen und jedes Tor, das wir schießen können, mitzunehmen“. Was dann passiert sei, besonders in der Nachspielzeit, habe auch mit Glück zu tun. „Wir sind nicht besser als Dortmund“, sagte Klopp, „aber das 4:3 ist cool und am Ende nicht unverdient.“

          Während Klopp weiter auf seinen ersten internationalen Titel hoffen darf, steht sein Nachfolger in Dortmund nun vor einer ganz anderen Aufgabe. Tuchel muss den Spielern helfen zu verarbeiten, dass an diesem Abend „irgendwann der schlimmste Fall eingetreten ist“. Die Borussen, wochenlang hoch gelobt, haben einen bedeutsamen Stresstest nicht bestanden. Daraus ergibt sich eine spannende Herausforderung. „Interessant wird jetzt sein, wie wir damit gemeinschaftlich umgehen und wie viel Energie uns das kostet“, sagt Tuchel.

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