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Ernst Happel : Riskanter Spielstil, ausschweifende Lebensweise

  • -Aktualisiert am

Happel (r.) mit Walter Zeman, (1953) Bild: AP

Vor fünfzehn Jahren ist Ernst Happel gestorben. Die Fußball-Philosophie des grantigen Narziss aus Wien ist aktueller denn je. Und Hamburg trauert dem Österreicher noch immer nach, seit seinem Weggang hat der HSV keinen Titel mehr gewonnen.

          Willem van Hanegem erinnert sich gerne an seinen Chef bei Feyenoord Rotterdam. "Ernst Happel war der Beste. Mit seiner Philosophie war er seiner Zeit weit, weit voraus. Er hatte großen Einfluss auf den totalen Fußball in den Niederlanden und auf meine Karriere als Spieler und Trainer." Der ehemalige Rotterdamer Mittelfeldstar spart nicht mit Komplimenten. Obwohl Van Hanegem mit Happel so manchen Strauß ausfocht, gewannen sie mit Feyenoord 1970 den europäischen Meistercup und den Weltpokal, dazu noch zwei niederländische Meistertitel und einmal den Pokal. Wenn der jetzige Coach des FC Utrecht von Happel erzählt, klingt jede Menge Respekt durch vor "seinen Visionen, seiner Intelligenz und seiner Art von Humor". Auch heute noch, eineinhalb Jahrzehnte nach der letzten persönlichen Begegnung. Happel starb am 14. November 1992.

          Ihren Anfang nahm die große Karriere des Ernst Happel im Wien der Zwischenkriegszeit: Am 29. November 1925 als Sohn zweier Wirtsleute geboren, wuchs er bei der Großmutter in der Vorstadt auf und debütierte mit 17 Jahren in der ersten Mannschaft des SK Rapid, mit dem Happel als Spieler sechs Meistertitel und 1951 den Sieg im Zentropacup, einem Vorgänger des Europacups, holte. An Ideen mangelte es dem für seinen ausschweifenden Lebenswandel und seinen riskanten Spielstil bekannten Abwehrchef schon damals nicht. Nach einer Südamerika-Tournee modernisierte er das 2-3-5-System der Hütteldorfer und gab fortan den "statischen Libero".

          Bewusst erzieltes Eigentor

          Im Nationalteam ging der größte Erfolg mit einer schweren persönlichen Niederlage einher. Zwar errang das österreichische Team bei der WM 1954 in der Schweiz Platz drei, nach der 1:6-Halbfinalniederlage gegen Deutschland wurde Happel aber von der enttäuschten Presse als einer der Hauptschuldigen ausgemacht. Sogar Bestechungsgerüchte machten die Runde. Happel wurde im sogenannten kleinen Finale aus der Mannschaft verbannt. Als Trainer zahlte er den Medien diese Angriffe auf seine Ehre später mit einsilbigen Auftritten und spürbarer Abneigung zurück.

          Jeder HSV-Neuzugang muss sich vor dem Happel (l.)-Foto ablichten lassen - auch Ailton im Jahr 2006

          Vor der WM hatte sich die Welt noch ungleich rosiger präsentiert. Österreich galt als Mitfavorit auf den Titel, und Happel konnte sich bei einem Testspiel gegen eine lokale Auswahl in Innsbruck sogar ein bewusst erzieltes Eigentor gegen seinen Freund und Rapid-Keeper Walter Zeman erlauben. Gegenüber dem Teamchef rechtfertigte sich der "Wödmasta", wie er in Wien schon damals genannt wurde, nachher damit, dass er einen Drehschuss habe probieren wollen.

          Kartenspieler und Kettenraucher

          Nach Ende seiner aktiven Karriere wechselte Happel ins Ausland. In den Niederlanden machte er aus dem Aufsteiger ADO Den Haag einen Pokalsieger. Bei einem der ersten Trainings soll sich folgende Geschichte abgespielt haben: Es regnete in Strömen, und die Spieler hatten keine Lust, Fußball zu spielen. Happel ließ eine Bierdose aufs Lattenkreuz stellen, schoss sie mit einem Schuss von der Strafraumgrenze herunter und sagte den Spielern, dass jeder, der es ihm gleichtue, nach Hause fahren dürfe. Nach zahllosen vergeblichen Versuchen nahm schließlich der gesamte Kader am Training teil.

          Wo immer der Fußball ihn auch hinführte, von seinem Naturell her blieb Ernst Happel ein prototypischer Wiener. Sein grantiges Auftreten wurde rasch zum Markenzeichen, daneben war der passionierte Kartenspieler und Kettenraucher der Zigarettenmarke "Belga" zeit seines Lebens ein selbstbewusster und sturer Narziss. Als Trainer führte er ein strenges Regiment, wie auch Willem van Hanegem bestätigt: "Wenn Happel sagte, der Bus fährt um sieben, dann ist er um sieben gefahren. Der Manager kam nach einem Match eine Minute zu spät, und er hat den armen Mann wirklich laufen lassen. Happel hat den Bus nicht angehalten." Anderen Autoritäten begegnete Happel ebenfalls ohne viel Respekt. Beim FC Brügge ließ er sogar einmal das Stadtoberhaupt aus der Kabine werfen, mit dem Verweis, dass es hier nur einen Bürgermeister - nämlich ihn - gebe.

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