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Basaksehir erstmals Meister : Erdogan gratuliert seinem Lieblingsklub

  • -Aktualisiert am

Erdogan will die Jugend erreichen. Bild: AP

Die Dominanz der großen Istanbuler Fußballklubs ist gebrochen – sehr zur Freude des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Basaksehir wird Meister der Süper Lig, der prominenteste Fan gratuliert sofort.

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          In den vergangenen Jahren hatte sich der Machtwechsel in der türkischen „Süperlig“ bereits angedeutet, nun ist er vollzogen: Die Vormacht der großen drei Istanbuler Vereine Galatasaray, Beşiktaş und Fenerbahçe ist gebrochen. Zum ersten Mal ist der junge Verein aus der Istanbuler Retortenstadt Başakşehir, der Lieblingsverein des türkischen Präsidenten Tayyip Erdogan, Meister. Noch vor einem Jahr hatte Başakşehir in sechs Spielen einen Vorsprung von sechs Punkten auf Galatasaray leichtfertig verspielt.

          In dieser Saison, den die Süperlig am 12. Juni mit Spielen vor leeren Rängen wiederaufgenommen hat, steht Başakşehir zwei Spieltage vor Saisonschluss als Meister fest. Damit ist Başakşehir erst der sechste Verein, der in der 1959 gegründeten Liga Meister wurde. Zuletzt hatten im Jahr 2010 Bursaspor und davor 1984 Trabzonspor die großen drei aus Istanbul düpiert.

          Eine Eintagsfliege wird dieser Erfolg nicht bleiben. Bereits die vergangenen fünf Spielzeiten hatte der Verein nie schlechter als auf dem vierten Platz abgeschnitten. Zum einen profitiert der Verein von der Krise der bisherigen Großen des türkischen Fußballs. Sie sind zusammen mit weit mehr als 1,5 Milliarden Euro verschuldet. Zum Verhängnis wurde ihnen, dass sie meist alternde Fußballer mit gigantischen Summen, die sie in Devisen auszahlten, noch für ein paar Jahre an den Bosporus gelockt hatten. Nicht erst seit dem Verfall der türkischen Lira können die Vereine diese Gehälter aber nicht mehr bezahlen.

          Zudem sind Kontinuität und langfristige Aufbauarbeit bei diesen Vereinen nie ein Ziel gewesen. Der Kampf um die Führung erforderte schnelle Erfolge, dem wurde alles geopfert. Bleibt der Erfolg nur ein paar Spiele aus, wird der Trainer gefeuert und werden schnell noch teurere Spieler verpflichtet. Dieses Geschäftsmodell ging bis zum Ende der Saison 2018/19 gut. Anders als diese Vereine ist Başakşehir schuldenfrei, er setzt auf Kontinuität, Nachhaltigkeit und professionelle Strukturen.

          Erdogans Rückennummer wird nicht mehr vergeben

          Als Vater des Erfolgs gilt Abdullah Avci, ein für türkische Verhältnisse ruhiger Trainer. Er hatte den Verein, mit Ausnahme der zwei Jahre als Nationalcoach, von 2006 bis 2019 trainiert und wurde dann von Besiktas verpflichtet – wo er nach einer halben Saison gefeuert wurde. Er führte den Verein, der 1990 als Betriebsmannschaft der Stadtverwaltung Istanbul gegründet wurde und 2014 nach Başakşehir umzog, in die erste Liga und hatte, anders als bei der Konkurrenz, weitgehend freie Hand bei der Verpflichtung von neuen Spielern. Anders als die großen drei investiert Başakşehir viel Geld in die Jugendarbeit. Bis sie Früchte trägt, sollen auch große Namen in die Retortenstadt kommen, die an der Autobahn nach Edirne liegt. Im Kader sind der 36 Jahre alte Brasilianer Robinho, auch ehemalige Bundesligaspieler wie Demba Ba (Hoffenheim), Júnior Caiçara (Schalke 04) und Eljero Elia (Hamburg und Bremen) sowie der Schweizer Gökhan Inler.

          Einen großen Unterschied haben die Spiele für Başakşehir seit dem 12. Juni nicht gemacht. Die Mannschaft spielt meist vor leeren Rängen, bestenfalls verfolgen 3000 Zuschauer ein Heimspiel. Wichtigster Sponsor ist die Krankenhauskette Medipol, die Fahrettin Koca gehört, dem Gesundheitsminister der Regierung von Tayyip Erdogan und dessen Leibarzt. Der Präsident des Vereins, Göksel Gümüşdag, ist mit einer Nichte von Erdogans Frau Emine verheiratet, und als 2014 in Başakşehir das neue Stadion eingeweiht wurde, durfte Erdogan zunächst mitspielen, drei Tore schießen und trug dabei die Nummer 12, die seitdem nicht mehr vergeben wird.

          In der Uefa-Rangliste rangiert Başakşehir nach Rapid Wien und Leicester City auf Platz 71. Im Oktober traf Borussia Mönchengladbach im Europapokal auf Başakşehir. Beim 1:1 in Istanbul nahm die Polizei den Gladbacher Fans etwas robust die Fahnen weg – nicht wegen des Kreuzes, wie zunächst behauptet worden war, sondern weil Fahnen in türkischen Stadien verboten sind. Das war keine Schikane, sondern Alltag der türkischen Polizei.

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