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Enttäuschung in Moskau : Arschawin, der russische Patient

  • -Aktualisiert am

Kein Motor: Andrej Arschawin gelingt das meiste aus dem Stand der Hoffnungslosigkeit Bild: AFP

Stimmung ist bei Andrej Arschawin, dem Star der Sbornaja alles - und die war gegen Deutschland schlecht. Er zündet, wenn man es am wenigsten erwartet, und lässt die Fans im Regen stehen, wenn sie fest auf ihn bauen. Jetzt ist die WM-Qualifikation in Gefahr.

          „Der deutsche Patient“ hatte der russische „Sport Express“ hoffnungsvoll getitelt, denn den englischen Patienten hatte man auf dem Weg zur letzten EM-Qualifikation in Moskau effektiv behandelt. Chefarzt sollte Andrej Arschawin sein, doch die Besucher aus dem Westen wollten sich ihrer Patientenrolle nicht fügen. Vor dem Spiel sah es so aus, als hätte sich ganz Deutschland gegen Arschawin verschworen. Er wurde nicht nur von der Presse, sondern auch von Joachim Löw über den grünen Klee gelobt. Vielleicht war das die stärkste Waffe, die man gegen ihn einsetzen konnte. Denn was am Ende fehlte, war, wie Guus Hiddink nach dem 0:1 mehrmals auf Deutsch feststellte: „Durchschlagskraft“.

          Arschawins Genius ist sehr empfindlich; er zündet, wenn man es am wenigsten erwartet, und lässt die Fans im Regen stehen, wenn sie fest auf ihn bauen. Sein erstes Tor für seinen neuen Klub Arsenal schoss er, nachdem ein Gegner ihm den Fuß zerquetscht hatte und er mit einer genähten Wunde in den Schuhen weiterlief. Gegen Wales trat er in der WM-Qualifikation gegen den Wunsch seines Arsenal-Trainers Arsène Wenger an und half, die Heimat mit einem Sieg zu beglücken.

          Bei der letzten EM war er für die ersten Spiele gesperrt, wurde danach zur allgemeinen Verwunderung trotzdem aufgestellt und beförderte sein ohne ihn schwächelndes Team ins Halbfinale. Als dann die halbe Welt auf ihn setzte, stand er gegen Spanien nur noch auf dem Platz herum. Stimmung ist bei Arschawin alles. Nachdem er gegen Liverpool im Alleingang vier Tore geschossen hatte, war er nach dem Match deprimiert und entschuldigte sich, weil er nicht häufiger punkten konnte.

          Ließ die Fans im Regen stehen, als sie fest auf ihn bauten: Andrej Arschawin

          Mit anderen Worten, Andrej Arschawin ist kein Motor, der sich direkt vom Enthusiasmus der Menge antreiben lässt. Das meiste gelingt ihm aus dem Stand der Hoffnungslosigkeit. Und so wie er sich in der Kindheit mit Lehrern, Trainern und Zahnärzten anlegte, die seine Sturheit erfolglos zu zähmen versuchten, wird er auch auf dem Platz erst ganz lebendig, wenn das Schicksal ihm seinen Willen aufzwingen will.

          Aufreizende Trägheit

          Am Samstagabend erwartete ihn etwas anderes. Einerseits 145 Millionen Russen, die auf seiner Seite standen, andererseits ein beinahe zwei Meter langer persönlicher Aufpasser namens Boateng. Dem wurde die Arbeit dadurch nicht leichter gemacht, dass Arschawin auf dem ganzen Feld navigierte. Immer wieder kehrte er zur Kommandozentrale im Mittelkreis zurück, trug fast aufreizend Trägheit zur Schau, wandte sich bei jeder Spielunterbrechung ab, ging seiner Wege und tankte auf, um bei der nächsten Erhitzung des Spiels das Fieber blitzschnell hochzutreiben.

          Als er Boateng in der 29. Minute entkam und den Ball auf Bystrow durchreichte, scheiterte der an Adlers Geistesgegenwart. Die Russen hatten sich spürbar warm gespielt, doch ausgerechnet in diesem Moment brachte Klose den Gegner in Führung, und das Fieber des deutschen Patienten, das ohnehin nie sehr hoch gewesen war, sank in den Keller. Mehr und mehr entstand der Eindruck, dass hier ein russischer Patient von Ärzten behandelt wurde, die Spezialisten der Temperaturbekämpfung waren.

          Melancholische Unterkühlung

          Schon in der Pause litt das Stadion an melancholischer Unterkühlung. Und Arschawin hatte zu Beginn der zweiten Halbzeit einen weiteren Hünen zum Gegner, den Spielstand. In der 53. Minute war er rechtzeitig am Tor, um Adler zu testen, zwei Minuten später versuchte er es wieder, der Ball rochierte zu Bystrow und landete auf dem Tor. In der 69. Minute, als Boateng die Gelb-Rote-Karte erhielt, schien Arschawins Moment gekommen. Das Stadionfieber flammte noch einmal auf, doch Michael Ballack kümmerte sich nun persönlich um den russischen Chefarzt, so dass es wenige Minuten vor Schluss zwischen ihnen vor Adlers Tor zu einem unschönen Zweikampf kam.

          Wie infiziert vom deutschen Realitätsprinzip strömten die Zuschauer zu diesem Zeitpunkt schon dem Ausgang zu. Betäubtes Schweigen herrschte vor, enttäuschte Zuversicht stand in den Gesichtern. Das Wunder war ausgeblieben, die Revanche für Dortmund: Das eine Tor, das nötig war, fiel auf der falschen Seite. Danach marschierte das russische Team im Eilschritt aus dem Stadion: kein Kommentar.

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