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Englischer Fußball : Kaufen, kaufen, kaufen

Mann für die Massen: Gareth Bale bei seiner Vorstellung in Madrid Bild: AFP

Wenn Geld keine Rolle spielt: Die Vereine der englischen Premier League investieren auf dem Transfermarkt mal wieder brachial. Für neue Spieler geben sie mehr als 600 Millionen Euro aus.

          Krise? Welche Krise? Das Transferfenster war am Montag, in den letzten Stunden der offiziellen Wechselfristen im europäischen Fußball, noch gar nicht geschlossen, da stand bereits fest, dass das Geld nur so hin und her geflogen war. Als hätte man Geldscheine im Durchzug liegen lassen. Vor allem: Pfund-Noten. Die Unternehmensberatung Deloitte addierte am frühen Nachmittag für die englische Premier League einen neuen Brutto-Ausgaberekord von mehr als 600 Millionen Euro für neue Spieler. Die Netto-Ausgaben der zwanzig Klubs, also nach Abzug der Einnahmen für Verkäufe, lagen da schon bei fast 400 Millionen, ebenfalls Rekord. Das lässt ahnen, mit welcher Macht die Premier League, in der Champions League zuletzt nicht mehr erste Wahl, sich ihre alte Vormachtstellung zurückholen will.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Die Möglichkeit dazu eröffnet hat - neben der wirtschaftlichen Schwäche vieler Klubs in Südeuropa - die eigene finanzielle Stärke. Durch die abermalige Erhöhung der Fernseh-Einnahmen, auf dem Pay-TV-Markt in die Höhe getrieben vom neuen Mitbieter BT, nimmt die Premier League von dieser Saison an pro Jahr allein auf dem Heimatmarkt knapp 1,2 Milliarden Euro ein, fast doppelt so viel wie die Bundesliga.

          Trotz 120 Millionen nur zweite Wahl

          Dabei blieben zum Zeitpunkt der Deloitte-Addition noch mehr als zehn Stunden für die üblichen späten Geschäfte. So war bis Montagmittag etwa der FC Arsenal noch gar nicht als Käufer in Erscheinung getreten - ehe er sich mit einem 50-Millionen-Euro-Angebot um Mesut Özil bemühte, der nach dem 100-Millionen-Euro-Einkauf von Gareth Bale bei Real Madrid entbehrlich schien. Dass der große Real-Deal mit dem Waliser von Tottenham Hotspur erst nach dem 0:1 am Sonntag bei Arsenal bekanntgegeben worden war, hatte die übliche Lawine an Folgegeschäften, die solche Mega-Transfers auslösen, ein wenig gestaut. Tottenham hatte in den Wochen zuvor schon 120 Millionen Euro für sieben neue Spieler ausgegeben und zugleich auf Zeit gespielt - um es Liga-Konkurrenten zu erschweren, nach dem Bale-Transfer noch einen der im Schlussverkauf angebotenen Real-Stars zu ergattern.

          Doch obwohl sie die Einnahme für Bale längst wieder investiert haben, konnten die Spurs, die abermals die Champions League verpassten, den Eindruck nicht abschütteln, auf dem Transfermarkt zweite Wahl zu sein. So wie schon 1997 bei Emmanuel Petit, dem späteren französischen Welt- und Europameister, der mit Spurs-Besitzer Alan Sugar verhandelte, sich von ihm Geld fürs Taxi geben ließ - und damit zu Arsenal fuhr, wo er unterschrieb. In diesem Sommer konnte man Liverpool zwar den umworbenen Willian wegschnappen. Doch dann, als der Brasilianer schon seine medizinische Untersuchung überstanden hatte, bot Chelsea mehr, 38 Millionen Euro, und Willian dockte dort an. Immerhin soll er das Taxi selbst bezahlt haben.

          Selbst kleine Klubs zahlen Millionen

          Die Scheich- und Oligarchenklubs treiben die Preise nicht mehr allein. Allerdings können sie ihre Einkäufe früher machen als andere, die auf günstige Gelegenheiten warten müssen oder darauf, eigene Spieler zur Gegenfinanzierung zu verkaufen. Manchester City hatte schon im Juni vier neue Stars für mehr als 110 Millionen Euro im Einkaufskorb. Chelsea angelte sich früh den Leverkusener André Schürrle (22 Millionen).

          Aber auch die Kleinen der Premier League sind Jäger auf dem Transfermarkt. Ihr Revier sind kleinere Ligen in Europa und die zunehmend klammen Klubs in Spanien, Italien oder Frankreich. Sie geben Summen aus, die für vergleichbare Klubs im unteren Drittel der Bundesliga undenkbar wären. Swansea City zahlte 14 Millionen Euro für Wilfried Bony, Torschützenkönig der niederländischen Eredivisie. Southampton kaufte drei Spieler für jeweils mehr als zehn Millionen (Wanyama, Lovren, Osvaldo), Norwich für zehn Millionen Ricky van Wolfswinkel von Sporting Lissabon. Sunderland, hauchdünn dem Abstieg entronnen, schaffte es gar, neben dem Zehn-Millionen-Einkauf Jozy Altidore (Alkmaar) dem italienischen Meister Juventus Turin Nationalspieler Emmanuele Giaccherini für 7,5 Millionen Euro abzukaufen - man habe ihn „aus Kostengründen“ abgeben müssen, klagte Juve-Trainer Antonio Conte. Und Aufsteiger Cardiff City gab mehr als 35 Millionen Euro aus. Da klingen die 2,3 Millionen, die Stoke an Werder Bremen für Marko Arnautovic zahlt, fast wie ein Taschengeld. Wer aber freut sich am meisten über die Rekord-Spendierlaune? Die Spielerberater. Sie verdienten allein seit 2009 an der Premier League mehr als 330 Millionen Euro. 2013 dürfte den Agenten der englische Transfer-Zirkus erstmals mehr als 100 Millionen einbringen - mehr als Gareth Bale gekostet hat.

          Doppel-Transfer in letzter Sekunde

          Kurz vor Schließung des Transferfensters hat Manchester United noch einmal zugeschlagen. Der englische Rekordmeister verpflichtete in der Nacht zu Dienstag den belgischen Fußball-Nationalspieler Marouane Fellaini. Manchester lässt sich den 25 Jahre alten Mittelfeldspieler von Liga-Konkurrent FC Everton laut Medienberichten etwa 32 Millionen Euro kosten. Vor der Saison hatte United von Everton bereits David Moyes als Nachfolger des langjährigen Teammanagers Sir Alex Ferguson geholt. „Ich habe mit Marouane fünf Jahre zusammengearbeitet. Ich denke, er wird uns wirklich verstärken“, sagte Moyes auf der Homepage des aktuellen Meisters.

          Manchester lieh zudem Fabio Coentrao von Real Madrid aus, nachdem Everton ein Angebot für Leighton Baines sowie Athletic Bilbao einen Wechsel von Mittelfeldspieler Ander Herrera abgelehnt hatten. Everton wiederum lieh Stürmer Romelu Lukaku von Liga-Konkurrent FC Chelsea aus. Der 22-Jährige hatte am Freitag bei Chelseas Niederlage im Supercup-Finale gegen den FC Bayern München den entscheidenden Elfmeter verschossen. Zudem verpflichtete Everton für 16 Millionen Euro Mittelfeldspieler James McCarthy von Wigan Athletic.

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