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Englischer Fußball in der Finanzkrise : Irgendeiner zahlt immer noch mehr

Die Rückennummer auf der Brust, weil der Trikotsponsor pleite ist: West Hams David Di Michele Bild: AP

Die Finanzkrise tangiert auch den Sport: vor allem die britischen Profiklubs zittern um ihr Geld. Der Verbandspräsident malt schon ein Horrorszenario an die Wand. Sind die Spitzenklubs künftig von der Gnade zwielichtiger Gestalten abhängig?

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          Die Premier League ist ein teurer Spaß. Doch bei West Ham United wird man derzeit sein Geld nicht so leicht los. Vom „Home Kit“, der Kleidung für die Heimspiele, sind nur Socken zu kaufen. Der Grund: Auf den bei Saisonbeginn bedruckten Trikots steht der Name einer Firma, die es nicht mehr gibt.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Der Trikotsponsor XL Holidays meldete im September Konkurs an und hinterließ beim Fußballklub ein Loch von fünf Millionen Pfund. West Ham hatte, weil es mit einem Reise- und nicht mit einem Finanzunternehmen warb, weniger Glück als Newcastle und Manchester United. Deren Partner Northern Rock und AIG wurden durch Verstaatlichung vor dem Exitus bewahrt.

          Angst im East End wegen isländischer Pleite

          Inzwischen ist man im Londoner East End endgültig von den Socken. Erst wurde West Ham für den irregulären Transfer des Stürmers Carlos Tevez zu einer Entschädigung von 30 Millionen Pfund verurteilt. Und nun herrscht Existenzangst, denn Klub-Eigentümer Bjorgolfur Gudmundsson, der bisher zweitreichste Isländer, hat böse Verluste in der Heimat.

          Seriös finanziert? Scheich Sulaiman al-Fahim (r., mit Pairoj Piempongsant) ist Anteilseigner an Manchester City
          Seriös finanziert? Scheich Sulaiman al-Fahim (r., mit Pairoj Piempongsant) ist Anteilseigner an Manchester City : Bild: AFP

          Dort gehörten ihm und seinem Sohn 42 Prozent der Landsbanki – ehe die zweitgrößte Bank des Landes am Dienstag notverstaatlicht wurde. Der Klub teilte mit, nun kein Geld mehr für neue Spieler zu haben.

          FA-Boss warnt vor „schrecklicher Gefahr“

          Passend zum Weltthema, das nun auch den Fußball erschreckt, hielt Lord Triesman, der Vorsitzende der englischen Football Association (FA), am selben Tag eine Brandrede – die beim Kongress „Leaders in Football“ in London erst nach Verzögerung durch zwei Feueralarme begann. Viele der Zuhörer dürften sich gewünscht haben, dass auch Triesmans Worte falscher Alarm wären.

          Die globale Finanzkrise nannte er eine „schreckliche Gefahr“ für die 92 englischen Profiklubs und bezifferte deren Schulden auf drei Milliarden Pfund. Man habe „sein Schicksal nicht mehr in der eigenen Hand“, weil Gläubiger „nun oft selber in ernsten Schwierigkeiten sind“. Niemand sei immun, auch ein großer Klub könne „unter Druck geraten wie noch nie“. (siehe auch: Sport und Finanzkrise: Sponsoren knipsen das Licht aus“

          Auch der Verband hat Schulden

          So ging Triesman auf Konfliktkurs zur fremdfinanzierten Geldmaschine der Premier League. Deren Chef Richard Scudamore widersprach eilig und nannte die Schulden „beherrschbar“ – sie betrügen „nur“ rund 2,5 Milliarden Pfund und damit so viel wie der kumulierte Jahresumsatz. Er giftete zurück, dass die FA als „eine der höchstverschuldeten Organisationen der Welt“ durch ihr Wembley-Projekt mit 340 Millionen in der Kreide stehe - was einer größeren Summe entspricht als ihrem jährlichen Umsatz.

          Es ist ein Machtkampf zwischen Verband und Liga. Und es ist mehr: der Versuch, die Lehre aus dem Debakel des Finanzsystems – der entfesselte Markt führt in den Abgrund – auf den Fußball zu übertragen. Triesman, ein Labour-Mann, weiß die Regierung auf seiner Seite. So forderte Kulturminister Andy Burnham „eine starke und reformierte FA“. Sportminister Gerry Sutcliffe verlangte eine Untersuchung des Profifußballs.

          Blatter: „Investment im Fußball außer Kontrolle“

          Auch Sepp Blatter, der Präsident des Internationalen Fußball-Verbandes, meldete sich und mahnte, die Europäische Fußball-Union (Uefa) müsse „etwas mit dem Lizenzierungssystem tun“, denn das Investment im Fußball sei „außer Kontrolle geraten“. Und Uefa-Generalsekretär David Taylor kündigte am Mittwoch wegen der „prekären Lage“ an, „die finanziellen Richtlinien zu verschärfen“.

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