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Englische Befindlichkeiten vor dem deutschen Finale : Der Zeitgeist verjagt die Luftwaffe

In London akzeptiert: Dortmund-Fans am Denkmal für Admiral Nelson Bild: dpa

Gut für das deutsche Finale in Wembley: Seit der Fußball-WM 2006 haben Vorurteile gegen Deutsche in England nachgelassen. Das fördert die Stimmung vor dem Champions-League-Endspiel in London.

          Diesmal besteht kein Zweifel, dass Gary Lineker recht behalten wird. Nach der Niederlage gegen die deutsche Nationalelf im Halbfinale der Weltmeisterschaft von 1990 klagte Englands damaliger Stürmer mit britischer Ironie, Fußball sei ein einfaches Spiel: „Zweiundzwanzig Männer jagen neunzig Minuten lang einem Ball hinterher, und am Ende gewinnen immer die Deutschen.“ London ist gefasst auf eine Invasion von bis zu 100 000 deutschen Fußballanhängern.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Die Briten sähen das Ereignis wohl weniger gelassen, wenn sie selbst beteiligt wären. Selbst ein Finale zwischen Barcelona und Real Madrid würde stärkere Emotionen wecken als das deutsch-deutsche Endspiel, meint Owen Gibson, Sportredakteur des „Guardian“. Vor einigen Jahren hätten sich die britischen Medien allerdings in groben Spötteleien über die deutsche Dominanz ergangen, wären stereotypisierende Anspielungen auf die beiden Weltkriege gang und gäbe gewesen. Gewiss, hier und da erklingt bei deutsch-britischen Fußballbegegnungen auf den Tribünen noch das patriotische Lied „Ten German Bombers“ aus dem Zweiten Weltkrieg.

          Im Großen und Ganzen aber beschränken sich die Hiebe auf harmlose Frotzeleien über die Handtuchschlachten um die besten Liegestühle. Wagenbesitzer mit deutschem Kennzeichnen müssen, anders als bei der Europameisterschaft 1996, als eine Boulevardzeitung mit der Schlagzeile „Achtung! Surrender. For you Fritz, ze Euro 96 Championship is over“aufmachte, in London nicht mehr fürchten, dass ihre Autos zur Zielscheibe für Vandalen werden. Schließlich hat die britische Nationalelf auch einen Trainer, der Stefan Zweig empfiehlt. Die Beliebtheit, der sich Zweig neuerdings in England erfreut, ist eines der Zeichen einer größeren Aufgeschlossenheit gegenüber der deutschen Kultur, die leider keinen Niederschlag findet im allgemein schwindenden Fremdsprachenunterricht. Im ganzen Königreich lernten im vergangenen Jahr bloß 4773 Schüler Deutsch bis zur Abiturstufe, ein Rückgang von 4,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

          „Kraut-Bashing“ kommt nicht mehr an

          England besinnt sich zwar noch gern seiner „größten Stunde“, wie sich dieser Tage wieder in Haworth zeigte, dem kleinen Ort auf der moorigen Hochebene Yorkshires, wo die Brontë-Geschwister aus ihrem tristen Dasein im Pfarrhaus in ihre Phantasiewelten flüchteten. Dort findet seit achtzehn Jahren jeden Mai ein „Vierziger Jahre Wochenende“ statt, bei dem Teilnehmer in Uniform und Mode aus der Zeit in heiterer Kriegsnostalgie schwelgen, um Gelder für Veteranenstiftungen aufzubringen. „Im Interesse der Rassenharmonie und des öffentlichen Anstandes“ bitten die Veranstalter „respektvoll vom Tragen von Nazi-Insignien und -Uniformen abzusehen“.

          Auch in diesem Jahr, in dem des siebzigsten Jahrestags der Zerstörung deutscher Talsperren gedacht wurde, verwechselten Einzelne, die der kuriosen britischen Faszination für die Nazis erlegen sind, Humor mit Geschmacklosigkeit und stolzierten als SS-Offiziere in vollem Ornat durch das Dorf. Selbst die patriotische „Daily Mail“, die früher an der Spitze der Zeitungen stand, die lustvoll das Zerrbild der „Hunnen“ pflegten, nahm jetzt Anstoß an den Nazi-Kostümen - ein Zeichen, dass „Kraut-bashing“ bei den Lesern nicht mehr ankommt, denn kaum eine Zeitung misst den Puls des nationalen Empfindens so genau wie das konservative Massenblatt.

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