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England-Coach Gareth Southgate : Ein Mann für die deutliche Aussprache

Gareth Southgate Bild: dpa

Englands neuer Trainer hält seinen Spielern den Spiegel vor – und zwar so schonungslos wie keiner vor ihm. Führt er die einst große Fußball-Nation gegen Deutschland zum Erfolg?

          Gareth Southgate hätte mit seinen für deutsche Zungen tückischen th-Lauten auch für eine Rolle bei Loriot getaugt – als Statist in Evelyn Hamanns legendärer Kurzzusammenfassung des Fernsehkrimis „Die zwei Cousinen“. An der Seite von Lord und Lady Hesketh-Fortescue, ihrem Sohn Meredith, den Cousinen Priscilla und Gwyneth Molesworth und dem Onkel Jasper Fetherstone hätte er in Middle Fritham, Nether Addlethorpe und Thrumpton Castle eine wohlklingende Figur abgegeben. Immerhin schaffte er es stattdessen ins Sportprogramm. Deutsche Fußballfans nehmen den englischen Zungenbrecher gern in den Mund, seit Southgate im EM-Halbfinale 1996 im Elfmeterschießen an Andreas Köpke scheiterte und Deutschland Europameister wurde.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Er bewies später guten britischen Humor, als er sich mit zwei anderen Fehlschützen gegen Deutschland, Stuart Pearce und Chris Waddle aus dem WM-Halbfinale 1990, in einer Pizza-Reklame selbst auf den Arm nahm. Am Montag hat er die Sache noch einmal aufgewärmt, diesmal allerdings humorlos. Vor der Abreise nach Dortmund, wo England an diesem Mittwoch (20.45 Uhr / Live in der ARD und im Länderspiel-Ticker bei FAZ.NET) gegen Weltmeister Deutschland antritt, zeigte er seinen Spielern das Video seines Fehlschusses – als Botschaft dafür, sich von Rückschlägen nicht unterkriegen zu lassen.

          Southgate findet deutliche Worte – lässt aber auch den Spaß nicht zu kurz kommen.

          Es war eine Art Regierungserklärung, die der 46-jährige Southgate vor seinem ersten Spiel als offizieller Cheftrainer den Spielern darbot – so schonungslos, wie noch kein Nationaltrainer die Situation des englischen Fußballs geschildert hat: „Wir reden immer davon, was wir erreichen wollen, aber schauen nie auf die Realität, in der wir uns befinden.“

          Während britische Athleten bei Olympischen Spielen, im Rugby, Cricket, Tennis oder Profiradsport Weltspitze sind, hinkt der Fußball dem Eigenanspruch weit hinterher. „Wir scheinen in fast jedem anderen Sport Medaillen gewonnen zu haben“, so Southgate. „Nur wir haben nicht geliefert.“

          Im Oktober, nach dem Rücktritt von Roy Hodgson in Folge der EM-Blamage gegen Island und, nur zwei Monate später, dem von Nachfolger Sam Allardyce, der vor versteckter Kamera Spieler geschmäht und den englischen Verband, seinen Arbeitgeber, als „dumm“ bezeichnet hatte, fühlte sich Southgate, Trainer der englischen U-21-Junioren, „noch nicht bereit“ für den Job des Cheftrainers. Er übernahm ihn aber interimsweise, und nach vier Spielen wurde aus der Übergangs-dann doch eine Dauerlösung. Southgate erhielt einen Vierjahresvertrag bis 2020 – ohne Ausstiegsklausel für den Verband, der mangels geeigneter einheimischer Kandidaten in einer schlechten Verhandlungsposition war. Immerhin ist Southgate, obwohl er sein Jahresgehalt mit rund 2,4 Millionen Euro gegenüber dem U-21-Job vervierfacht hat, eine relativ preisgünstige Lösung. Seine erfolglosen Vorgänger Sven-Göran Eriksson, Fabio Capello und Roy Hodgson bekamen mehr als das Doppelte.

          Bisher zeigt sich der ehrgeizige Aufsteiger deutlich energischer und unbequemer als die gemütlichen, überbezahlten Senioren. So lud er den 31-jährigen Kapitän Wayne Rooney vergangene Woche für die Spiele gegen Deutschland und, vier Tage später in der WM-Qualifikation, gegen Litauen, aus und setzte lieber auf Zöglinge aus der U-21-Auswahl, wie die Debütanten Nathan Redmond und James Ward-Prowse. Der abservierte Altstar blieb, obwohl dafür ausdrücklich eingeladen, Southgates Präsentation der „langfristigen Vision“ vor dem Kader am Montag fern – vermutlich, weil er ahnt, dass er in dieser Vision kaum noch vorkommen wird. Auf der Position des „Zehners“ ist Rooney selbst bei Manchester United nicht mehr erste Wahl, und im Nationalteam hat Southgate mit Dele Alli oder Adam Lallana bessere und jüngere Optionen.

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          Es kommt Southgate nicht ungelegen, sich in seinem Debüt als offizieller Nationaltrainer nur ein Jahr nach dem gefeierten, aber trügerischen 3:2-Sieg in Berlin gleich wieder mit dem Weltmeister zu messen: „Wir müssen auf die Top-Teams schauen und darauf, wie wir ihr Level erreichen können.“ Zu den „brutalen Wahrheiten“ über den englischen Fußball, die Southgate seinen Spielern vor Augen hielt, gehört die Statistik dessen, was England seit 1990, als man den möglichen Weltmeistertitel durch eine unglückliche Halbfinalniederlage gegen Deutschland im Elfmeterschießen verpasste, im Vergleich zu den Deutschen bei Welt- und Europameisterschaften erreicht hat: „Wir haben seitdem drei K.-o.-Spiele gewonnen.“ Deutschland gewann 21.

          Und Deutschland wurde seitdem Weltmeister, Europameister, WM-Zweiter, EM-Zweiter, erreichte bei den letzten sechs Welt- oder Europameisterschaften immer mindestens das Halbfinale. Ein Endspiel erreichte England nie mehr, ein Halbfinale nur einmal, bei der Heim-EM 1996 – als Southgate verschoss. Nun will er den Deutschen endlich Schwierigkeiten bereiten. Nicht nur bei der Aussprache.

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