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Nations League : England will jetzt endlich mal gewinnen – egal was

Harry Kane möchte mit den Engländern endlich mal etwas gewinnen. Bild: dpa

Seit der WM 1966 hat die englische Fußball-Nationalmannschaft nicht einen Titel gewonnen. Das soll sich nun ändern – auch wenn es nur die Nations League ist. Und die Aussichten sind gut.

          Er fristete nur ein kurzes Dasein, und auch unter eingefleischten Fußballfans werden sich nur wenige an ihn erinnern: der Anglo-Scottish Cup. Und doch hatte er seinen Platz in der größten Aufstiegsgeschichte des englischen Fußballs. Eine, die sich nun wiederholen soll – bei einem Wettbewerb, den die Welt auch nicht gerade herbeigesehnt hat, aber vielleicht ebenfalls nicht unterschätzen sollte: die Nations League.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Der Anglo-Scottish Cup war Ende der siebziger Jahre ein jährlicher Wettbewerb zwischen 16 englischen und acht schottischen Teams, den jeweils besten, die sich nicht für den Europacup qualifiziert hatten – ein schlechter Trostpreis also. Doch für Brian Clough, den legendären Trainer von Nottingham Forest, der diesen Wettbewerb 1977, im Jahr des Aufstiegs in die erste Liga, gewann, war es viel mehr: „Alle, die diesen Titel für wertlos hielten, hatten keine Ahnung. Er machte den ganzen Unterschied.“ Den zwischen einem Team, das nie etwas gewonnen hatte, und einem, das alles gewann: die englische Meisterschaft 1978, den Europapokal der Landesmeister 1979 und abermals 1980.

          Nations League
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          Englands Nationalteam hofft auf einen ähnlichen Effekt: Jetzt endlich mal etwas gewinnen, egal was, dann läuft die Sache. Seit Kapitän Bobby Moore 1966 aus den Händen der jungen Königin Elisabeth entgegennahm, blieb man erfolglos, bei 26 Welt- und Europameisterschaften. Nun aber gibt es eine neue Trophäe, die der Nations League, und die Engländer sehen den geschwungen aufwärts strebenden Pokal als „Sprungbrett“ zu weiteren, größeren Titeln, wie Raheem Sterling sagt. Er wird das Team im Halbfinale gegen die Niederlande an diesem Donnerstag (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Nations League und bei DAZN) erstmals als Kapitän anführen – in eine Art Verlängerung des Champions-League-Endspiels, mit acht Spielern, die am vergangenen Samstag in Madrid auf dem Platz standen, sechs Engländern und zwei Holländern.

          „Silberware macht süchtig“, beschreibt Verteidiger John Stones, der drei nationale Trophäen mit Manchester City gewann, den erhofften Effekt, der Erstgewinner zu Wiederholungstätern macht. Die Schwere und Kühle der silbernen Beute, dieses haptische Begreifen des Erfolgs, sieht Nationaltrainer Gareth Southgate, so wie einst Clough, als Schritt zu einer „Siegeskultur“. Und damit als Vorspiel zu einem „richtigen“ Titel, den sie im nächsten Jahr anstreben, dann mit Heimvorteil. Die EM 2020 wird erstmals in ganz Europa ausgetragen, am Ende aber in einem „Final Four“ in London entschieden.

          „Wenn du die erste Trophäe erst hast, fühlt sich der Weg zur nächsten leichter an“, glaubt Sterling, mit zwei Toren beim 3:2-Sieg in Spanien der entscheidende Mann für das Erreichen der Finalrunde. Die renovierte Qualität der Premier League steht seit den beiden rein englischen Europacup-Finals der vergangenen Woche außer Frage, und mehr denn je wird sie nicht nur von TV-Geld und ausländischen Stars getragen, auch von inzwischen erstklassiger Nachwuchsarbeit – und einer neuen Mentalität, die sie schafft.

          Southgate, der ehemalige U-21-Nationaltrainer, hat damit ein Problem seiner Vorgänger behoben. Als englische Klubs von 2005 bis 2012 die Champions League ebenfalls mit dominierten, blieb das Nationalteam erfolglos – weil die Klubrivalität der Spieler die Loyalität zum Nationalteam überlagerte. „Das killte dieses Team, diese Generation“, findet der frühere Verteidiger Rio Ferdinand. Er selbst habe sich nie gegenüber den Kollegen von Chelsea oder Liverpool geöffnet, um keine Angriffspunkte für Klubduelle zu liefern. „Ich war so besessen, mit ManUnited zu gewinnen, nichts anderes zählte.“

          Unter Southgate ist ein neues Denken spürbar. „Es ist egal, für welchen Klub du spielst, sobald wir beim Nationalteam sind, kämpfen wir füreinander“, sagt der junge Stürmer Marcus Rashford: „Es fühlt sich an wie in einem Klub.“ Niemandem müsse man sagen, „dass er hier seine Klubrivalität abschalten muss“, findet Torjäger Harry Kane. „Jeder tut das automatisch. Wenn wir zum Nationalteam kommen, freuen wir uns, Freunde zu treffen.“

          Und nun kann es den neuen Engländern gar nicht mehr schnell genug gehen. Der junge Außenverteidiger Ben Chilwell, einer der Aufsteiger der Saison, macht nicht nur auf der linken Außenbahn Tempo: „Wir wollen nicht die nächsten Jahre lernen und dann anfangen, etwas zu gewinnen. Wir wollen es jetzt gewinnen, diesen Sommer. Und dann weitermachen bis ans Ende unserer Karrieren.“

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