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England : Erste Zweifel an Capello

Fabio Capello rückte gegen „Team USA” von seinem alten System ab - warum nur? Bild: AP

Nach dem 1:1 zum Start hat England viele Baustellen, nicht nur auf der Torwartposition. Auch der Trainer ist nicht über jeden Zweifel erhaben. Zum Glück kam Beckenbauer Capello vor dem Spiel gegen Algerien (20.30 Uhr) zu Hilfe.

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          Fabio Capello hat nach nur einer WM-Woche schon Probleme, die für ein ganzes Turnier reichen. Wer soll an diesem Freitag gegen Algerien (20.30 Uhr / FAZ.NET-WM-Liveticker) in der Abwehr den verletzten Ledley King ersetzen, der wiederum nur Ersatz war für Kapitän Rio Ferdinand? Wie findet der nicht hundertprozentig fitte Wayne Rooney, der zuletzt nicht an jedem Training teilnahm, seine alte Weltklasseform?

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Wer soll ihm assistieren, der zu ungefährliche Emile Heskey oder der zu leichtgewichtige Jermain Defoe? Und vor allem: Wer soll ins Tor? Robert Green, der gegen die Vereinigten Staaten einen Kullerball über die Linie rollen ließ und den Sieg hergab? Der alte David James? Der junge Joe Hart?

          Der 23-jährige Hart gilt als größtes Torwart-Talent, hat aber noch kein Länderspiel von Beginn an bestritten, und eine WM scheint nicht die optimale Bühne für ein Praktikum. Warum hat Englands Nationaltrainer ihm nicht in einem der Testspiele vor der WM eine Einsatzgelegenheit gegeben? Es ist eine der Fragen, die auf ein weiteres, ein neues Problem für Capello hinweisen: Dass man in England ganz allmählich auch ihn in die Kritik nimmt. Es kommen erste leise Zweifel daran auf, dass man endlich einen Trainer hat, mit dem England einen Titel gewinnen kann.

          Gegen die Vereinigten Staaten von Bob Bradley (r.) gab es nur ein 1:1
          Gegen die Vereinigten Staaten von Bob Bradley (r.) gab es nur ein 1:1 : Bild: AP

          England findet nach Greens Patzer keine Lösungen

          Die starken Leistungen in der WM-Qualifikation hatten den Italiener zum Hoffnungsträger des Fußball-Mutterlandes gemacht. Doch nun fällt auf, wie oft er zuletzt wütend und brüllend an der Seitenlinie auftauchte, ohne Wirkung zu erzielen. Auch kam ausgerechnet er, der das statische, immergleiche 4-4-2- System der Engländer nach seinem Amtsantritt 2008 durch ein moderneres, flexibleres 4-2-3-1 ersetzt hatte, im Auftaktspiel der WM zu dem 4-4-2 zurück, das fast archaisch wirkte und in dem die Engländer nach dem Ausgleich durch Greens Patzer keine Lösungen fanden.

          Die einzelnen Linien fanden darin kaum Zusammenhalt oder gar dynamische Überschneidungen wie etwa im deutschen Spiel gegen Australien. Viele Kommentatoren fragen nun, warum Capello von seinem alten System wieder abkam, und warum er den Platz von Joe Cole opferte, mit seiner Pass- und Dribbelstärke einer der wenigen Engländer, die zwischen Mittelfeld und Angriff überraschende Verbindungen schaffen können.

          Zum Glück kam Franz Beckenbauer Fabio Capello zu Hilfe. Die Engländer hätten „einen Schritt rückwärts in die schlechten Zeiten des Kick and Rush gemacht“, schrieb Beckenbauer in einer Kolumne für eine südafrikanische Zeitung. Er schimpfte, das „hatte mit Fußball sehr wenig zu tun.“ Nun gibt es in England kaum eine schlimmere Schmähung der Fähigkeiten eines Gegners, als ihn ein „long ball team“ zu nennen, als eines, das nur lange Bälle nach vorn schlägt und hinterherrennt (also das, was Beckenbauer mit „Kick and Rush“ meint). Aber wenn, dann beschimpfen die Engländer sich damit gegenseitig und lassen sich das nicht von anderen, schon gar nicht einem Deutschen, vorhalten.

          Beckenbauer und der Ball als Nebenschauplatz

          Mit anderen Worten: Beckenbauers Kritik hat Capello geholfen, weil sie die Diskussion über die Defizite im Team auf die Abwehr gegen Angriffe aus Deutschland umlenkte. „Der Kaiser gibt uns einen Tritt“, schrieb das Boulevardblatt „Sun“ und vermutete einen Hintergedanken im Hinblick auf das mögliche Achtelfinale zwischen England und Deutschland: Beckenbauer hoffe, „dass seine üble Attacke ihnen in einem geplanten Psychospielchen unter die Haut gehen wird.“ Capello, den Beckenbauer noch vor einem Monat gelobt hatte, reagierte nicht öffentlich auf die Vorwürfe, doch berichteten Medien aus dem englischen Lager, der Trainer sei nicht überrascht von der Attacke und betrachte sie als Kompliment. „Telegraph“ zitiert eine Quelle, wonach Capello gesagt habe: „Sie haben Angst vor uns, weil wir aufeinandertreffen können.“

          Ein anderer Nebenschauplatz, der von den spielerischen Mängeln ablenkte, war der Ball. Die beiden Mittelfeldstars Steven Gerrard und Frank Lampard sahen die Hauptursache für Greens Fehler in der Flatterhaftigkeit des „Jabulani“. Diese wird zwar von vielen Torhütern beklagt, konnte sich aber beim Ausgleich der Amerikaner kaum auswirken, weil Dempsey den Ball so schwach traf, dass er kaum vom Boden hochkam und damit auch nicht in den Luftstrom geraten konnte, der die Flugbahn des Balles aufgrund von dessen glatter Oberfläche instabil hätte machen können – das so genannte „Flattern“.

          „Schlechtester Ball, den ich je gesehen habe“

          Auch hier deutet sich eine weitere deutsch-englische Grundsatzdebatte an. Aus Capellos Sicht profitieren die Deutschen, weil sie schon seit Februar mit dem WM-Ball von Adidas in der Bundesliga spielen konnten, die Engländer ihn aber erst 15 Tage vor dem Turnier bekamen – die Premier League hat Verträge mit anderen Ball-Lieferanten, Umbro und Nike. Laut Capello ist es „der schlechteste Ball, den ich in meinem Leben je gesehen habe“. Er begünstige Teams mit Kurzpass-Spiel, weil er bei langen, hohen Zuspielen unberechenbar sei.

          Während die Eigenschaften des Balles umstritten bleiben, betonte dessen Produzent, bekanntlich eine deutsche Firma, allen WM-Teilnehmern sei er rechtzeitig vier Monate vor dem Turnier zum Testen angeboten worden. So läuft es am Ende für Capello und sein Team eher wieder aufs Gewohnte hinaus: Ihr Problem ist nicht der deutsche Ball, sondern der englische Fußball.

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