https://www.faz.net/-gtl-6m4q8

England : 22 Millionen Euro für ein Bahnticket

Chelseas neuer Trainer: Andre Villas-Boas Bild: (c) AP

Die Premier League startet in die neue Spielzeit. Der FC Chelsea will dann wieder angreifen nach der größtmöglichen Verjüngung auf dem Trainerstuhl. Zudem ist der neue Drogba am Bahnhof angekommen.

          3 Min.

          Das hatte man noch nicht gesehen beim FC Chelsea: Der neue Star kam mit dem Zug. Sorgen um die Spesenkasse des Londoner Topklubs muss sich trotzdem niemand machen. Ein Flug wäre wohl immer noch drin gewesen. Nur war der „Eurostar“ unter dem Ärmelkanal hindurch einfach praktischer für die Anreise aus Brüssel. Auf der einen Kanalseite tauchte Romelu Lukaku als junger Sturmriese des RSC Anderlecht ein – und auf der anderen als jüngste Hoffnung von Chelsea wieder auf. Mit 16 Profi, mit 17 Nationalspieler, mit 18 nun bei einem der Top-Klubs Europas – und irgendwann der neue Drogba?

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Es ist nicht oft passiert, dass Chelsea mit den Abermillionen seines Eigentümers Roman Abramowitsch Spieler für die Zukunft kaufte. Es mussten immer gereifte Stars sein, die sofort funktionierten. Aber nach acht Jahren, in denen er sieben Trainer verschliss, eine Milliarde Euro in das Fußballteam steckte und dennoch die Champions League nicht gewann, scheint wohl auch der russische Milliardär geduldiger zu werden.

          Aber nicht geiziger. 15 Millionen gab er in diesem Sommer für die größtmögliche Verjüngung aus, als Ablöse für den 33-jährigen Trainer Andre Villas-Boas. Der Portugiese gilt als Mourinho II, er war dessen Scout bei Porto, Chelsea und Inter Mailand, hat als Trainer wie Mourinho Double und Europacup mit Porto gewonnen und soll nun auch dessen Erfolge in London wiederholen, wo momentan aber ganz andere Probleme im Vordergrund stehen. Die Partie zwischen Tottenham und Everton wurden wegen der Ausschreitungen in der Hauptstadt nach Sicherheitsbedenken auf nächsten Donnerstag verlegt.

          Planmäßige Ankunft in St Pancras: Chelseas Sturmhoffnung Romelu Lukaku
          Planmäßige Ankunft in St Pancras: Chelseas Sturmhoffnung Romelu Lukaku :

          Chelsea, das an diesem Sonntag in Stoke beginnt, hofft auf ein Titelduell zweier Männer, zwischen denen gleich mehrere Trainergenerationen liegen. Denn Villas-Boas könnte fast der Enkel von Alex Ferguson sein. Der wird in der 25. Saison bei Meister Manchester United seinen 70. Geburtstag feiern.

          Liverpool hat heftig investiert

          Andere Herausforderer gibt es auch. Liverpool hat heftig investiert. Ebenso Manchester City, das 45 Millionen Euro für den Maradona-Schwiegersohn Sergio Aguero ausgab. Aber nach dem giftigen Spiel um den „Community Shield“, der englischen Version des Supercups, in dem Meister United Pokalsieger City nach 0:2-Rückstand 3:2 besiegte, sprach Wayne Rooney von einer „Lehrstunde“ für den Lokalrivalen, den man nicht als Herausforderer anerkennen will. Kollege Patrice Evra erklärte, der Gegner bleibe Chelsea: „Sie sind unsere härtesten Rivalen.“

          Auch Chelsea gibt immer noch viel Geld aus, allein im letzten Winter mehr als 80 Millionen Euro für Torjäger Fernando Torres und Verteidiger David Luiz. Aber es fällt nicht mehr so auf wie vor fünf, sechs Jahren, als Abramowitsch fast allein die Preise im europäischen Fußball hochtrieb.

          Inzwischen tun das die Araber. Auf Manchester City, das sich mit dem Geld aus Abu Dhabi binnen drei Jahren in die Champions League hoch gekauft hat, folgen nun der FC Malaga und Paris St-Germain. Dank neuer Eigentümer aus Qatar sind sie in diesem Sommer die bisher spendabelsten Klubs auf dem Kontinent. Die Pariser haben Chelsea für 42 Millionen Euro den Argentinier Javier Pastore weggeschnappt. Das war für Abramowitsch ein noch ungewohnter Rückschlag auf dem Transfermarkt. In das eher von der Physis als von der Phantasie geprägte Chelsea-Spiel soll unter Villas-Boas jugendliche Leichtigkeit einkehren. Der Jungtrainer, nur wenige Monate älter als seine Stars Lampard und Drogba, will im Spiel seines Teams „Schönheit“ und „Flair“ sehen. Der leichtfüßige Ballkünstler Pastore hätte da gut gepasst. Nun spekulieren die üblichen Zeitungen ersatzweise über Interesse an anderen Spielmachern, die derzeit auf dem Markt sein sollen: Sneijder, Modric, Kaka.

          Die Launen des Milliardärs

          Kommt es am Ende doch wieder zum Rückfall in das alte Kaufrauschverhalten? Auch Trainer kaufte Abramowitsch sich öfter gern wie im Supermarkt. Zuletzt hat Guus Hiddink ihn zu einem Sinneswandel umzustimmen versucht. Der Holländer ist bei Profis, Fans und Eigentümer sehr beliebt, seit er Chelsea im Frühjahr 2009 als Aushilfstrainer zum Pokalsieg und fast sogar zum Champions-League-Gewinn führte. Er sprach sich nun beim Boss dafür aus, dem neuen, jungen Kollegen mehr Zeit und Geld zu schenken als seinen Vorgängern: „Das habe ich Roman gesagt, und ich glaube, er sieht das genau so.“

          Aber wer weiß schon, wie lange er das genau so sehen wird? Die Launen des Milliardärs sind bekannt, auch denen, die daraus Kapital schlagen, weil sie mit Chelsea Geschäfte machen. Im Ringen um Lukaku schlug Anderlecht die ersten Angebote aus, war sich aber im Transfer-Poker ganz sicher, dass Chelsea den geforderten Preis bezahlen würde. So sicher, dass Sportdirektor Van Holsbeeck das sogar einer belgischen Zeitung erzählte: „Stell dir vor, dass Roman Abramowitsch eines Tages in einer guten Stimmung ist und diesen Betrag bietet“, sagte er einer belgischen Zeitung. „Das kann schon morgen passieren.“ Er behielt recht. Abramowitsch spendierte eine Fahrkarte nach London für 22 Millionen Euro.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Astra-Zeneca ist Hersteller eines schon in mehreren Ländern zugelassenen Impfstoffs gegen Covid-19.

          Impfstoff-Hersteller : Chef von Astra-Zeneca weist Vorwürfe der EU zurück

          Die EU habe keinen Grund, über Lieferengpässe zu klagen, sagt Pascal Soriot. Brüssel habe erst spät unterschrieben, es gebe keine Pflicht für eine bestimme Menge. Meldungen, wonach der Astra-Zeneca-Impfstoff nicht bei Älteren wirke, bezeichnete er als „dummes Zeug“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.