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Energie Cottbus : Wie aus einer anderen Zeit

Nonkonformist: Im blauen Anzug wird man Wollitz nicht erleben Bild: dpa

Klaus-Dieter Wollitz ist ein Trainer der besonderen Art. Laut und extrem, aber verständnisvoll. In Cottbus arbeitet er am Image - des Vereins, nicht des Trainers. Um 19 Uhr kann er das im Pokal in Wolfsburg beweisen.

          3 Min.

          Trainer wie Claus-Dieter Wollitz gibt es im deutschen Profifußball eigentlich nicht mehr. Trainer, die an der Seitenlinie gegen einen imaginären Ball treten, wenn der Stürmer gerade zum Schuss ansetzt. Trainer, die es nicht kümmert, wie sie in der Öffentlichkeit „rüberkommen“, die mit verwaschenen Jeans, Sportschuhen und Dreitagebart auf dem Platz stehen. Trainer, die sich vor den Kameras ungeniert an Stirn, Nase, Ohr kratzen, die sich fürchterlich aufregen, wenn sie etwas aufregt, und die so reden, wie ihnen gerade ist. Trainer, denen Begriffe wie vertikales Passspiel, Matchplan oder proaktive Spielphilosophie nicht über die Lippen kommen. Trainer also, über die die Entwicklung hinweggegangen ist. Nur Wollitz, dessen Spitzname schon von gestern ist, Pelé - er ist noch da.

          Michael Horeni
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Wollitz wirkt wie der Letzte seiner Art, wie ein Relikt. Er weiß das, aber es kümmert ihn nicht. Wollitz misst sich daran, was er leistet - und es ist ihm gelungen, den Zweitligaklub Energie Cottbus neu zu erfinden. Aufstieg in die Bundesliga nicht ausgeschlossen. „Letztens war da eine Titelgeschichte im 'Focus': authentisch sein, sich nicht verstellen. Ich denke, dass sich in Deutschland zu viele Menschen verstellen. Aber wozu soll ich mich verstellen? Weil ich Emotionen habe und sie lebe?“, sagt Wollitz. „Am Spielfeldrand bin ich halt ein anderer Mensch. Ich schieße mit, ich leide mit, ich freue mich mit. Ich muss mich nicht verstellen.“

          „Jeans, Käppi, Dreitagebart - das war's“

          Cottbus spielte im April 2001 als erster Bundesligaklub mit elf Ausländern. Bei den letzten Spielen standen neun Deutsche in der Startaufstellung. Das ist das neue Cottbus. Und aus einer reinen Kontermannschaft hat Wollitz eine offensiv ausgerichtete und kombinationsfreudige Auswahl geformt, die nach Augsburg die meisten Tore erzielt hat. Nach dem 4:0-Sieg am Sonntag in Oberhausen ist Cottbus ganz nah an den Aufstiegsrängen dran, diesen Mittwoch tritt das Team im DFB-Pokal in Wolfsburg an (siehe: FAZ.NET-DFB-Pokal-Liveticker), eine schöne Zugabe. „Noch sind wir nicht gefestigt genug und für jede positive und negative Überraschung gut. Aber wir sind ein Kandidat der nächsten Jahre.“

          Der alte Ruf von der Legionärstruppe aus der Lausitz, ist trotz des Wandels noch nicht verflogen. „Es braucht vier, fünf Jahre, um von diesem Image wegzukommen. Sich neu zu erfinden, das dauert“, sagt Wollitz. Er arbeite jeden Tag für dieses Ziel, auch an trainingsfreien Tagen ist er im Klub. „Sobald man das hier loslässt, geht es auch wieder in die andere Richtung, das muss man wissen.“

          Man hat ihn schon als „Wessi-Arschloch“ beschimpft

          Zuletzt gab es Ärger mit einigen Fans. Die hatten ihm krummgenommen, dass er sagte, dass man den Namen „Stadion der Freundschaft“ gegen einen Sponsor eintauschen könne, um mit dem Geld die Infrastruktur des Klubs zu verbessern. Wollitz hat mal wieder geredet, wie ihm gerade war. Da hat man ihn als „Wessi-Arschloch“ beschimpft, aber seitdem gehen auch Mails in der Geschäftsstelle von Fans ein, die sich entschuldigen.

          Aber wie hat Wollitz es geschafft, einen Verein zu drehen, ein Team zusammenzustellen mit jungen, deutschen Spielern, die dauerhaft Identifikation in der Lausitz stiften sollen, die jetzt schnelles Kurzpassspiel pflegen und den Ball nicht mehr nur hoch und weit nach vorne jagen? Wollitz gibt eine Antwort, die selbst bei Fachleuten aus dem Management zum neuesten Stand gehört. Es geht ihm darum, Spieler so zu entwickeln, dass sie es als ihre Aufgabe ansehen, nicht nur optimal den eigenen Job zu erledigen, sondern sich auch verantwortlich für die Entwicklung und Förderung des Mitspielers zu fühlen. Als sie in der letzten Saison immer wieder verloren, sagte Wollitz seinem Team: „Das ist das Produkt, wie wir uns begegnen. Wir begegnen uns nicht mit Verständnis, wir haben kein Interesse aneinander.“

          Man kann von einem ganzheitlichen Ansatz sprechen

          Das wollte er ändern. Im Sommer hat Wollitz den damals 22 Jahre alten Mittelfeldspieler Daniel Adlung von Wolfsburg überzeugt, nach Cottbus zu kommen. Es ist eine längere Geschichte, aber Wollitz erzählt sie, weil man dann besser verstehen soll, wie er arbeitet und was ihm wichtig ist. Der Spieler fiel ihm auf, als Wollitz noch Osnabrück trainierte. Drittletzter Spieltag, 30 Grad: Osnabrück kämpfte gegen den Abstieg, Adlung spielte für Fürth, es ging für den Klub um nichts mehr. „Aber der ist marschiert, der hat einfach nicht aufgehört. Da habe ich ihm von der Trainerbank gesagt: ,Junge, hör auf zu laufen.' Da sagte er zu mir: ,Trainer, dafür werde ich bezahlt. Mein Job ist nicht nach 32 Spieltagen vorbei, sondern 34.'“ Da war Wollitz einmal sprachlos.

          Er verfolgte Adlungs Weg. Im Sommer bot sich endlich die Gelegenheit, ihn nach Cottbus zu holen. Doch der Spieler wirkte zögerlich. Wegen des Standorts, wie Wollitz vermutete. Er sprach ihn darauf an. Adlung sagte, dass der Verein in der Außendarstellung noch immer einen schlechten Ruf habe, dass sich zwar schon etwas verändert habe in der Wahrnehmung durch Wollitz als neuem Trainer und die ehemaligen Dortmunder Spieler Kruska und Brzenska. Aber dass Spieler in Cottbus nach Niederlagen nicht positiv begleitet würden, dass Niederlagen eigentlich gar nicht akzeptiert würden. Wollitz gab Adlung die Nummern einiger Spieler. Adlung informierte sich, und Wollitz versprach ihm, „dass er ihm auch als Menschen etwas geben kann - Wärme. Eine andere Art der Begleitung, wie sie im Profifußball üblich ist.“ Es hat fünf Wochen gedauert, dann hat Adlung unterschrieben.

          Man kann fast von einem ganzheitlichen Ansatz sprechen, mit dem Wollitz Energie auf einen neuen Weg bringt. Aber fast wäre er in Bielefeld gelandet. Eigentlich war schon alles klar, aber dann habe ihn jemand aus dem Verwaltungsrat nicht gewollt. Das Äußerliche. Er kennt das ja. „Jeans, Käppi, Dreitagebart - das war's“, sagt er. „Im blauen Anzug bin ich nicht Pelé Wollitz.“

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