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U-21-Nationalspieler Emre Can : Der „Magic Man“ auf Khediras Spuren

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„Ich denke, er wird sich zum Weltklassespieler entwickeln“: Brendan Rodgers über Emre Can (rechts) Bild: dpa

Der Weg von Emre Can in die A-Elf des DFB scheint vorgezeichnet. In Liverpool soll er Steven Gerrard ersetzen, bei der U 21 ist er ein Leader. Doch vor der EM hat er seinen Mund ziemlich voll genommen.

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          Sein erster Treffer zum 1:1 für die U-21-Nationalmannschaft gegen Serbien war der hellste Moment in der dunkelsten Phase des deutschen Spiels, und er verriet viel über die Finesse und Wucht dieses Profis, der von sich sagt: „Ich bin von meinem Typ her einfach ein Führungsspieler.“ Das konnte man auch am Mittwochabend sehen, als die besten Fußballjunioren des Deutschen Fußball-Bundes in eine Europameisterschaft stolperten, bei der sie noch immer, wenn auch von ersten Zweifeln begleitet, als Favorit gelten.

          Emre Can, Frankfurter Sohn türkischer Einwanderer und seit 2009 mit einem deutschen Pass ausgerüstet, lässt daran keinen Zweifel, da er immer und überall den Anspruch erhebt, bei den Siegern zu sein. Umso erstaunter war der 21 Jahre alte Mittelfeld- und Abwehrspieler des FC Liverpool über den zumindest eine Halbzeit lang zögerlichen und tempoarmen Auftritt seiner Mannschaft.

          „Ich weiß nicht, wo unsere Lockerheit war, wir müssen klarer auftreten und uns steigern.“ Unbedingt, da an diesem Abend (20.45 / Live im ZDF und im EM-Ticker bei FAZ.NET) in Dänemark der vermutlich schwerste Gegner in der Gruppe A auf das Team von Trainer Horst Hrubesch wartet. Und das nach einem für das eigene Selbstbewusstsein besonders wertvollen 2:1-Erfolg über die Mannschaft der Gastgebernation Tschechien.

          Emre Can: „Ich gehe hart ran“

          Im Prager Eden-Stadion wird Can, gegen die Serben bester deutscher Spieler, aufs Neue das Spiel der U21 antreiben und zu beflügeln versuchen. Sechs Jahre nach dem ersten deutschen Titelgewinn bei dieser EM der Jungprofis erinnert der bei Eintracht Frankfurt und Bayern München ausgebildete Dampfmacher und Vorkämpfer an Sami Khedira, der das deutsche Team 2009 in Malmö als Kapitän zum Titel pushte und fünf Jahre später wie fünf andere Mitstreiter von damals zu den deutschen Weltmeistern von Rio de Janeiro zählte.

          Wie Khedira ist der bei den Bayern und Bayer Leverkusen in der Bundesliga erprobte und in Liverpool zu einem Jungstar der „Reds“ aufgeblühte Chefmotoriker im defensiven Mittelfeld ein mitreißender Leader, der sich selbst gegenüber dem Fußballmagazin „11 Freunde“ einmal so beschrieb: „Ich bin laut, ich gehe hart ran, laufe vorweg. So war ich immer, das werde ich nicht ändern.“

          Wer es mit Can zu tun hat, muss auch schon mal mit blauen Flecken rechnen. Insofern ist dieser Emre Can in der Premier League bei einem der beliebtesten Klubs ideal aufgehoben. Ihm ist nicht einmal bange davor, in der neuen Saison den Part des legendären Steven Gerrard zu übernehmen, der seine Karriere nach einem langen Sportlerleben für seinen Heimatverein in den Vereinigten Staaten bei L.A.Galaxy ausklingen lässt.

          „Ich will in Liverpool Titel gewinnen“

          27 Premier-League-Einsätze hat der mit einem vitalen Selbstbewusstsein ausgerüstete Deutsche in seiner ersten Saison für den Tabellensechsten der Premier League bestritten – eine stattliche Anzahl für einen auf der Insel vorher kaum bekannten Profi. Can aber, den Bayer Leverkusen 2014 für eine festgeschriebene Ablösesumme von zwölf Millionen Euro transferierte, biss sich durch und will nun mehr. „Ich bin nicht dahin gegangen“, sagt er, „um einfach Fußball zu spielen, sondern um Titel zu gewinnen.“ Der letzte der 18 englischen Meisterschaftstriumphe des FC Liverpool liegt freilich 25 Jahre zurück.

          Egal, der offensiv denkende, offensiv handelnde und in seinen Mannschaften defensiv verortete Can agiert nach der Devise: Nichts ist unmöglich. Aus seiner hohen Meinung über den Frankfurter aus der Nordweststadt macht sein Liverpooler Teammanager Brendon Rogers keinen Hehl: „Emre ist sich für die Drecksarbeit nicht zu schade. Er ist aggressiv und ich denke, er wird sich zu einem Weltklassespieler entwickeln.“ Sein Weg in die deutsche A-Nationalmannschaft scheint wie seinerzeit der von Khedira vorgezeichnet, nachdem er nun sämtliche Nachwuchs-Nationalmannschaften von der U15 bis zur U21 durchlaufen hat.

          Sätze, die ihm noch leid tun könnten

          „Emre hat auf jeden Fall Führungsqualitäten“, lobt Hrubesch den Mann, der sein Team gegen die Serben wachrüttelte und nun von sich und den Kollegen mehr erwartet. Dem vielseitig einsetzbaren Spieler, den sie deswegen an der Anfield Road „Mr. Versatile“ nennen, huldigen die Fans dort mit einem eigenen Song. „Emre Can, he is our magic man“, singen sie dem Deutschtürken bei Heimspielen ein Ständchen.

          Seine Präsenz, seine Aura, sein Mut kommen in England und Deutschland gleichermaßen gut an. Geht es aber um den internationalen Vergleich, ist Can Deutscher durch und durch. Für den Fall, dass die Deutschen in der Tschechischen Republik im Halbfinale oder Endspiel auf die Altersgenossen aus England treffen sollten, hat er den Kollegen von der Insel schon eine Kampfansage entgegengeschleudert: „Wenn die gegen uns spielen, tun sie mir jetzt schon leid.“ Kann aber auch sein, dass Emre Can dieser Satz noch leid tut. Er hat ihn vor dem mickrigen 1:1 gegen die Serben hinausposaunt.

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