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EM-Qualifikation : Rüütli eint die Esten

Held mit russischen Wurzeln: Konstantin Vassiljew (r.) soll Estland zur EM schießen Bild: REUTERS

Nur noch zwei Schritte bis zur EM-Teilnahme Estlands: Die erstaunliche Geschichte eines kleinen Fußball-Landes.

          Die besten Kiiker der Welt hatte Estland schon immer. „Kiik“, das ist im Estnischen der Schwung. Er beschreibt ein populäres Vergnügen in dem baltischen Land, das dort seit 15 Jahren auch als Wettkampfsport betrieben wird - auf einer Art überdimensionaler Schaukel, deren Brett nicht an Seilen, sondern an stählernen Stangen befestigt ist. Der Mensch darauf versucht stehend genug Energie für einen 360-Grad-Überschlag zu gewinnen. Der Weltrekord im Kiiking, gehalten natürlich von einem Esten, steht bei einem Überschlag mit einem Schaukelradius von 7,02 Metern, also in über 14 Metern Höhe.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Die besten Kiiker also hat Estland schon. Jetzt werden auch die Kicker besser. An diesem Freitag stehen sie im Play-off-Hinspiel für einen Platz bei der Europameisterschaft 2012. Die 9692 Plätze für das Spiel gegen Irland in Tallinn waren nach einer halben Stunde ausverkauft. Das hat in Estland, dem europäischen Land mit den wenigsten Besuchern bei Erstligaspielen (im Durchschnitt 188 pro Partie in der Saison 2009/10), zu einem neuartigen Problem geführt: Schwarzmarktspekulation mit Fußballtickets.

          Noch nie ist ein so kleines Land einem großen Turnier so nahe gekommen wie Estland, das 1,3 Millionen Einwohner hat. Das Nationalteam gewann in Serbien und Slowenien und ließ die beiden WM-Teilnehmer hinter sich. Sogar gegen Italien führte man lang. Zugleich brauchte das Team viel Glück, weil die Leistungen extrem schwankten. Nach der 0:2-Niederlage auf den Färöern im Juni waren die Hoffnungen fast dahin. Doch dann half das Unvermögen der Konkurrenz - vor allem das der Serben, die am letzten Spieltag die Esten noch hätten überholen können, jedoch durch einen bizarren Freistoß aus 45 Metern in Slowenien verloren. In Tallinn, wo die Esten am selben Tag ein Testspiel gegen die Ukraine 0:2 verloren, im Kopf aber das nervenaufreibende Fernduell gegen die Serben bestritten, ließ der Schlusspfiff im 1500 Kilometer entfernten Maribor das ganze Stadion erbeben.

          Satelliten des Sowjetsreichs

          Wie war das möglich? Noch in der letzten EM-Qualifikation verloren die Esten ihre ersten sieben Spiele (0:14 Tore), ehe durch einen Treffer in der Nachspielzeit der erste Sieg gelang - gegen Andorra. Anders als die Letten 2004 mit dem Stürmer Maris Verpakovskis haben sie keinen Star, nicht mal einen kleinen. Ihre Nationalspieler tragen kuriose Namen wie Alo Bärengrub oder Enar Jääger.

          Sie spielen in einem Dutzend Ländern meist am Rande Europas, von Norwegen bis Zypern und Aserbaidschan. Aber wie damals beim Nachbarn Lettland, der bei der EM in Portugal gegen Deutschland ein 0:0 erreichte, gibt es nun auch in Estland eine Erklärung für den Erfolg, die eher politisch als sportlich ist. Sie hat mit der schwierigen Integration der beiden großen Bevölkerungsgruppen zu tun.

          Esten wie Letten waren ein halbes Jahrhundert lang als Satelliten des Sowjetreichs einer Politik der Russifizierung unterworfen. Die von Moskau gesteuerte russische Zuwanderung sollte die kulturelle und sprachliche Eigenständigkeit untergraben. Deshalb gibt es auch zwanzig Jahre nach der Unabhängigkeit dort sehr große russischsprachige Minderheiten, was immer wieder zu politischen und sozialen Spannungen geführt hat. Nun wächst die Hoffnung, dass der Fußball hilft, weil er am Beispiel der Nationalmannschaft zeigt, dass Integration Kräfte freisetzen kann.

          Wider die übliche Fußballrhetorik

          Die Fußballauswahl spiegelt in etwa die Verteilung der Bevölkerung, zwei Drittel estnischer Herkunft, ein Drittel russischer. Einige der wichtigsten Spieler tragen russische Namen, wie Torwart Sergei Pareiko und Torjäger Konstantin Vassiljew, der fünf der 15 Tore des Teams in der Qualifikation schoss, darunter beide bei der entscheidenden Wende zum 2:1 im letzten Spiel in Nordirland. Vor allem geht Integrationswirkung von Trainer Tarmo Rüütli aus. Er trainierte zuvor die beiden Spitzenklubs des Landes, die den Meistertitel zumeist unter sich ausmachen: Flora Tallinn, den Klub der Esten, und Levadia Tallinn, den der Russen.

          Entgegen der üblichen Fußballrhetorik, die stets aus dem nächsten Gegner den schwersten macht, sagte Rüütli nach der Auslosung zu den Play-offs ganz offen: „Ich leugne nicht, dass wir Irland mehr wollten als die anderen. Vielleicht hilft die Erfahrung unserer beiden Siege gegen Nordirland. Beide Teams haben denselben britischen Fußballstil.“ Sollte diese Rechnung der Kicker aufgehen, dürften sie die Kiiker in den Schatten stellen. Dann stünde ein ganzes Land Kopf.

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