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Ärger in EM-Qualifikation : Militärische Schau der Türken hat ein Nachspiel

Die türkische Mannschaft zeigt sich solidarisch mit dem Militär, das seit einigen Tagen in kurdischen Gebieten in Nordsyrien kämpft. Bild: EPA

Fußball ist ein Spiegel der türkischen Gesellschaft. Nun unterstützen auch die Nationalspieler nach ihrem späten Sieg über Albanien in der EM-Qualifikation die Offensive gegen kurdische Gebiete in Nordsyrien.

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          Möglicherweise waren die Spieler mit ihren Gedanken und Herzen zu sehr mit der Offensive der türkischen Armee in Nordsyrien beschäftigt. Schließlich hatte der Präsident des türkischen Fußballverbands, Nihat Özdemir, vor dem EM-Qualifikationsspiel seines Landes gegen Albanien versprochen: „Wir alle, die Spieler und die sportliche Leitung, sind mit Gebeten an der Seite unserer Soldaten.“ Bis zur letzten Spielminute mussten die türkischen Fans dann auch warten, bis ihre hoch favorisierte Mannschaft gegen den Außenseiter aus Albanien durch ein Tor des in Wetzlar geborenen und für den FC Everton spielenden Cenk Tosun doch noch den 1:0-Sieg einfuhr. Denn die Albaner haben besser verteidigt als es die Türken erwartet hatten.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Der Fußball ist der Resonanzboden der türkischen Gesellschaft, ob die Nationalmannschaft spielt oder ob es um die Fußballvereine geht. Ereignisse um Fußballspiele lassen Rückschlüsse über die Befindlichkeit der türkischen Seele und Gesellschaft zu. Und so endete das Spiel im Stadion von Fenerbahce Istanbul mit der Habachtstellung und dem militärischen Gruß aller türkischen Spieler, und es klang in der Umkleidekabine mit einem Foto aus, das große Verbreitung gefunden hat. Wieder grüßen darauf alle Spieler und Betreuer militärisch.

          Die Uefa hat bereits angekündigt, dass dieses Verhalten ein Nachspiel haben wird. Der europäische Fußballverband will deswegen eine Untersuchung gegen die Türkei einleiten. Bereits im Trainingslager von Riva am Schwarzen Meer nahe Istanbul hatten sich die türkischen Spieler mit einem Poster gezeigt, auf dem stand: „In der Operation Friedensquelle sind wir an der Seite unserer heldenhaften Armee“. Am Mittwoch hatte die Türkei ihre Offensive, die sie „Friedensquelle“ nennt, begonnen. Man wolle allen eine moralische Stütze sein, die an der Operation eine Pflicht übernommen hätten, erklärte dazu in Riva Verbandspräsident Özdemir. Schließlich gehe es darum, „einen Terrorkorridor zu beseitigen sowie der Region Frieden zu bringen.“ Und Inschaallah, so Gott will, würden alle siegreich in ihre Heimat zurückkehren.

          Zusätzlich zur militärischen Schau im Stadion verfassten einzelne Fußballspieler persönliche Grußbotschaften an die türkische Armee – unter ihnen Hakan Calhanoglu (AC Milan), Merih Demiral (Juventus Turin), Enes Ünal (Real Valladolid) und Okay Yokuslu (Celta Vigo).

          Auch der für den St. Pauli spielende Cenk Sahin setzte über seinen privaten Instagram-Account einen Post zum Einsatz der türkischen Armee ab. Der Verein distanzierte sich klar von davon und von seinem Inhalt, da er mit den Werten des Vereins nicht vereinbar sei. Die Erklärung des Vereins endet mit den Worten: „Nie wieder Krieg!“ Über den Vergleich der Offensive mit Krieg und über die Forderung des St.-Pauli-Ultras, den Vertrag mit Sahin aufzulösen, empören sich seither die türkischen Medien wortreich.Da jedoch oppositionelle Stimmen zur militärischen Offensive zum Verstummen gebracht werden – so hatte es in der vergangenen Woche eine Verhaftungswelle wegen kritischer Posts zum Krieg gegeben –, kann der Kriegstaumel große Teile des Landes erfassen. Ein Korrektiv gibt es nicht mehr.

          Anders als Cenk Sahin ist ein weiterer, ehemaliger Spieler von St. Pauli kein Liebling der Türken. Deniz Naki war von Hamburg nach Diyarbakir, die größte kurdische Stadt der Türkei, gewechselt, wo er die Kurdenpolitik der Türkei kritisierte. Darauf wurde er als „Terrorist“ beschimpft und attackiert, wegen „ideologischer Propaganda“ wurde er zu einer Bewährungsstrafe und einer hohen Geldstrafe verurteilt. Anfang 2018 sperrte ihn der türkische Fußballverband lebenslang für Spiele in der Türkei.

          Krieg: St. Paulis Sahin ist für den Einsatz, der Verein empört sich.

          Die Verehrung für die türkische Armee und der Umgang mit dem Kurdenkonflikt sind nur zwei Beispiele, wie sich in der Türkei gesellschaftliche Entwicklungen und Probleme im Fußball wiederfinden. Es gibt mehr: Ein Vereinspräsident musste wegen Spielabsprachen ins Gefängnis, ein anderer Vereinsvorstand leitete Einnahmen aus Spielertransfers in seine Taschen. Hakan Sükür, der größte Fußballspieler in der Geschichte des türkischen Fußballs, ist aus dem kollektiven Gedächtnis gestrichen und wurde zum „Terroristen“ erklärt, weil er Anhänger des Predigers Fethullah Gülen ist, den die türkische Führung für den Putschversuch im Juli 2016 verantwortlich macht. Mit einem wie Hakan Sükür hätte die Türkei gegen Albanien aber vielleicht deutlicher als nur mit einem mageren 1:0 gewonnen.

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