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EM-Qualifikation : Kunst im Format XXL mit einem Jungstar der Größe S

EURO 2004, Holland ist dabei Bild: AP

"Die Oranje-Magie ist wieder da", schrieb die Zeitung "De Telegraaf". Diese Magie, die Fußballkunst im Format XXL erzeugt, verbreitete vor allem einer, der Größe S trägt: Wesley Sneijder, 19 Jahre, 1,69 Meter.

          Wo man singt, rät Volkes Stimme, da laß dich ruhig nieder: Böse Menschen haben keine Lieder. Das muß ein Aufruf zum Stadionbesuch sein. Denn Fußballfans haben Lieder - am liebsten böse. Beim 0:3 gegen Frankreich etwa fanden deutsche Fans Trost im Liedgut: "Ohne Holland fahr'n wir zur EM." Vier Tage später mußte der Text wieder aus dem Repertoire gestrichen werden. Dafür bekam ein Deutscher den neuen Hit der Niederländer zu hören: "Schade Berti, alles ist vorbei." Zur Melodie von "Yellow Submarine" paßte das beim Resultat von 6:0 zu einem Abend, an dem Schottlands Hoffnung in einem Meer von Orange versank. Vogts blieb nur das Lied des guten Verlierers, der das "phantastische Team der Holländer" pries, und des guten Pädagogen, der den Abend als "wichtige Lektion für meine Spieler" sah.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          "Die Oranje-Magie ist wieder da", schrieb die Zeitung "De Telegraaf" am Tag nach dem EM-Qualifikationsspiel gegen Schottland. So schnell geht das im Fußball, besonders im niederländischen. Diese Magie, die Fußballkunst im Format XXL erzeugt, verbreitete vor allem einer, der dafür nur ein Oranje-Trikot Größe S brauchte. Wesley Sneijder, 19 Jahre, 1,69 Meter. Seine Aufstellung war die mutigste Veränderung, die Trainer Dick Advocaat vorgenommen hatte gegenüber der 0:1-Blamage vom Hinspiel in Glasgow. Schon nach 14 Minuten ließ Sneijder Gegenspieler McCann mit einer halben Pirouette stehen und traf aus 20 Metern. Da war sie, die Torgefahr aus dem Mittelfeld, die der ewige Kritiker Johan Cruyff lange vermißt hatte, weil das Spiel mit zwei Spitzen den Leuten aus der zweiten Reihe die Wege versperrt habe. Nun waren die Wege frei, weil Advocaat Patrick Kluivert auf die Bank gesetzt und Ruud van Nistelrooy als einzige zentrale Spitze aufgeboten hatte. Und sie wurden glänzend genutzt. "Sneijder war phantastisch", sagte Advocaat über den Mann des Tages und der Zukunft. Das zweite Sonderlob gebührte van Nistelrooy, der "arbeitete wie ein Pferd" - und mit drei Toren belohnt wurde.

          In seinem dritten Länderspiel leitete Sneijder schon die besten Angriffe ein und schoß alle Freistöße. Dabei offenbarte er mit seinem rechten Fuß eine Fähigkeit, den Ball scharf und schnittig auf seine Mitspieler zu servieren, die an David Beckham erinnert - und die Schotten überforderte. Sneijders Freistoßflanken, von links aufs Tor gezogen, fanden die Köpfe von Ooijer zum 2:0 und van Nistelrooy zum 3:0, sein Eckball die Stirn von de Boer zum 5:0. Beinahe hätte er auch noch kurz vor Schluß ein Traumtor erzielt, sein Schlenzer landete an der Latte. Kleiner Mann, große Entdeckung, und mehr als das: Sneijder erschien wie der wandelnde Beweis, daß der holländische Fußball sich immer noch erneuern kann; gerade wenn er es braucht.

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          Am Ende bewies Advocaat auch Gespür für die Fußball-Romantik, die das Publikum schätzt. Nach den Einwechslungen von de Boer, Seedorf und Kluivert (begleitet von Buhrufen, während van Nistelrooy gefeiert den Platz verließ) stand in der letzten Viertelstunde ein reines Ajax-Allstar-Ensemble auf dem Rasen der Amsterdam Arena. Acht Spieler aus dem Team, das 1995 die Champions League gewann, ehe es sich über ganz Europa verteilte, dazu drei Junge aus diesem ewigen Talentschuppen des europäischen Fußballs: van der Meyde, der im Sommer zu Inter Mailand wechselte, und die beiden Jungstars im Mittelfeld, Sneijder und van der Vaart, denen nach dieser Probe ihres Könnens wohl bald die üblichen Angebote aus dem Süden winken dürften. Oranje als wiedervereinigtes Ajax plus van Nistelrooy: Es könnte das EM-Thema der Niederländer werden.

          Die Risse im Gefüge überdeckte auch der rauschende Abend nicht. Advocaat mußte sich nach dem größten Sieg seiner Amtszeit fragen lassen, warum er Sneijder nicht schon am Samstag gebracht hatte. Schon klingt er wieder an, der landestypische Grundton des abgehobenen Fußball-Gourmets, der selbst an einem perfekten Abend mäkelt und fragt: Warum nicht immer so?

          Auch die Spieler wollten ihre schlechte Laune noch ein bißchen ausleben und weigerten sich, mit Journalisten zu reden. Den letzten Anstoß dazu hatte ein Bericht in "Het Parool" gegeben, wonach rund zehn Spieler in der Nacht nach der Schlappe von Glasgow eine rauschende Party im Hafen von Amsterdam gefeiert hätten - die Zeitung hat sich inzwischen entschuldigt, die Verstimmung blieb. Da hatten Vogts und sein junges Team wohl einfach nur das Pech, den Niederländern im falschen Moment über den Weg zu laufen. Denn die wollten zur Abwechslung mal wieder zeigen, daß sie sich nicht nur selbst zerfleischen können.

          Bei anderen Favoriten, die ihr Spiel finden, wären die Schotten vielleicht mit einem 0:3 oder 1:4 davongekommen; nicht bei den Holländern. Dabei wär es vielleicht auch für diese ratsam gewesen, es bei einem moderaten Erfolg zu belassen, um nicht die gewohnten Rituale der Selbstüberschätzung in der Öffentlichkeit wieder zu entfachen. Als van Nistelrooy das 4:0 per Heber nach herrlichem Doppelpaß mit van der Vaart geschossen hatte, hörte man einen Zuschauer stöhnen, nun sei es aber genug: "Sonst sind wir bei der EM schon wieder Favorit."

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