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EM-Qualifikation : Holland hat nur ein Problem - der Guten zuviel

Immer locker bleiben: Roy Maakay Bild: AP

Holland hat ein in Cliquen gespaltenes Star-Ensemble. Und doch ein Team, das vielleicht nur ein Erfolgserlebnis braucht, um sich wieder am eigenen Können zu berauschen - das ewige Wunder des holländischen Fußballs.

          Hollands Fußballnot läßt sich datieren: auf den 1. September 1976. An jenem Tag wurden in der Hauptstadt und in der Provinz Limburg zwei strammbeinige, quäkende Neugeborene ihren stolzen Eltern entgegengehalten. Der kleine Patrick und der kleine Ruud entwickelten sich prächtig, sie wurden Fußballer. Und zwar solche, die, seit sie groß sind, jedes Team der Welt verstärken könnten. Nur eines nicht. Das ist ihr Nationalteam.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          "Es paßt einfach nicht mit uns", sagte Patrick Kluivert am Samstag nach dem 0:1 in Schottland, dem wieder mal mißlungenen Feldversuch mit Ruud van Nistelrooy. Man kann das so verstehen, daß Kluivert wohl nie gemeinsam Geburtstag feiern wird mit dem ungleichen Zwilling. Aber mehr noch als Kritik an Trainer Dick Advocaat und an den Mitspielern, die dem Sturmrivalen in der ersten Halbzeit nach Kluiverts Zählung "sechs Bälle zuspielten, viel mehr als mir".

          Zeitung fordert „deutsche Einstellung"

          Die Kollegen hielten lieber den Mund vor dem Rückspiel diesen Mittwoch, in dem sich die Sache ja noch hinbiegen läßt. Flügelspieler Andy van der Meyde fiel am Montag bei einer Pressekonferenz sogar lieber in Ohnmacht, als etwas Falsches zu sagen (ein Schwächeanfall durch niedrigen Blutdruck, der seinen Einsatz aber nicht gefährdet). Nur Kluivert ließ seiner Mißlaune freien Lauf, als wolle er die Amsterdam Arena zum Wildwestkaff erklären: er oder ich. Dabei sitzen noch Meisterschützen wie Makaay und Hasselbaink auf der Bank. So ist das fast immer mit dem holländischen Fußball: Er hat des Guten zuviel. Sogar zwei strammbeinige, quäkende Torjäger, die am selben Tag geboren wurden.

          Teamwork nur im Training

          Dabei hat das Land längst genug von Kickern, die sich wie verwöhnte Kleinkinder aufführen. Das "Algemeen Dagblaad" fordert vom eigenen Team endlich "eine deutsche Einstellung" - so weit ist es gekommen. Die "deutschen" Fußballtugenden, mit denen bei der WM 1974 die Holländer gestoppt wurden, als Hilfe gegen Holland in Not?

          Alte Oranje-Arroganz

          Dem ewigen Mahner Cruyff muß das den Rest geben. König Johan der Letzte hat noch so gut wie jedem den Verrat am "totalen Fußball" vorgeworfen, den als Patent anzumelden er leider in den Siebziger Jahren vergaß. Besonders arrogant zeigt er sich gegenüber uneleganten Kämpfern wie Advocaat, die ihn schon als Spieler nervten, wie es etwa Berti Vogts im Finale 1974 tat. Von einem Advocaat, so Cruyff, könne er nicht erwarten, "daß er meine Ansichten teilt, weil er nie auf diesem Niveau gespielt hat." Den Mangel an Mannschaftsgeist, die Tradition des Aufruhrs bei Oranje hat Cruyff begründet, als er 1978 nicht mit zur WM wollte.

          1988 forderte er Marco van Basten auf, von der EM in Deutschland heimzureisen, weil Rinus Michels den Stürmer erst auf die Bank setzen wollte. Van Basten hörte nicht auf die Einflüsterungen und schoß Holland zum Titel. 1994 ließ Kapitän Ruud Gullit das Team kurz vor der WM im Stich, weil er mit der Taktik des Trainers nicht einverstanden war - der hieß, weil Cruyff den Job nicht wollte, Advocaat. Heute ist Gullit als Juniorentrainer Mitarbeiter von Advocaat in dessen zweiter Amtszeit - und offenbart als Fernsehexperte alte Oranje-Arroganz gegenüber als minderbemittelt eingestuften Gegnern. Holland werde locker siegen, prophezeite Gullit - und wußte dann, auf die Frage nach den gefährlichsten Schotten, keinen einzigen Namen zu nennen.

          "Wenn unser Team ruhig ist, glaubt jeder, es sei krank"

          Noch mehr als ihre Vorgänger ist die heutige Oranje-Generation von Eigensinn und Disziplinlosigkeit geprägt. Allein in den letzten zwölf Monaten mußte Advocaat eine Kabinen-Schlägerei zwischen Davids und van Bommel schlichten, Ricksen nach einem Saufgelage nebst zerstörter Hoteltür aus dem Team werfen, Seedorf vom Platz holen, weil er Anweisungen mißachtete und "nur für sich selbst spielte", und van Nistelrooy disziplinieren, weil er nach der Auswechslung beim 1:3 in Tschechien eine Flasche in Richtung des Trainers getreten und ihn als "Feigling" beschimpft hatte.

          David Winner, der britische Autor der kenntnisreichen Analyse "Brilliant Orange - der neurotische Genius des holländischen Fußballs", sieht die Ursache für die Unfähigkeit, kollektives Talent zu Teamwork umzusetzen, in der nationalen Psyche: "Die Niederländer haben in allen Bereichen des Lebens ein Problem mit Autorität. Lieber diskutieren sie und treffen die Entscheidungen unter sich." Dem, der Autorität ausüben und Entscheidungen fällen muß, bleibt da manchmal nur Galgenhumor, wie ihn Advocaat äußert: "Wenn unser Team ruhig ist, glaubt jeder, es sei krank."

          Das ewige Wunder des holländischen Fußballs

          Er päppelte es nach der Blamage in der WM-Qualifikation wieder auf, blieb in 14 Spielen ohne Niederlage, bis die zwei Niederlagen in Prag und Glasgow die Rituale der Selbstzerfleischung wieder in Gang setzten. Holland hat im Mittelfeld mit Davids einen Mann mit zuviel Antrieb und mit Seedorf einen mit zuwenig; eine alternde, wackelnde Abwehr; ein in Cliquen gespaltenes Star-Ensemble. Und doch immer noch ein Team, das vielleicht nur ein, zwei Erfolgserlebnisse braucht, um sich wieder am eigenen Können berauschen und Spielkunst in Vollendung bieten zu können - das ewige Wunder des holländischen Fußballs.

          Aber dafür braucht es nun Tore, letzte Lieferfrist: Mittwoch ab 20.30 Uhr. Sonst winkt der dritten herausragenden Oranje-Generation nach der Ära Cruyff und der Ära van Basten ein Begräbnis dritter Klasse als ewige Versager. Wer soll sie schießen? Kluivert oder van Nistelrooy? Oder doch Makaay? Hasselbaink? Die Stürmer "sind sich zu ähnlich", findet Nationalverteidiger Bert Konterman. Alle können sie nur in der vordersten Reihe spielen, nicht in der Rolle des Unterstützers dahinter. Oder wollen sie nur nicht, ist es das Ego? In Hollands Sturm ist es wie in diesen Ballon-Witzen, in denen einer rausmuß aus dem Korb, damit nicht alle abstürzen. Noch ist ein Rest Luft im orangenen Ballon.

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