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Löws neue Zeitrechnung : Mehr Tempo

Lukas Klostermann, Niklas Stark, Ilkay Gundogan, Marcel Halstenberg und Marco Reus laufen sich warm Bild: EPA

Bundestrainer Löw geht ins Risiko, sagt er. Einen radikalen taktischen Neuanfang verkündet er vor der EM-Qualifikation aber nicht. Reicht Detailarbeit nach dem Rauswurf von drei Weltmeistern?

          Das eine Problem hat Joachim Löw tatsächlich an der Wurzel gepackt. Nach den Zahnproblemen, die dem Bundestrainer am Wochenende zusetzten und einen operativen Eingriff nötig machten, sind zumindest diese Schmerzen bei Joachim Löw so schnell verflogen wie sie gekommen sind.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Die sportlichen Nachwirkungen seines eigenen tiefgreifenden sportlichen Eingriffs jedoch, die drei Weltmeister Thomas Müller, Mats Hummels und Jerome Boateng vor exakt zwei Wochen aus der Nationalelf entfernt zu haben, werden nun erstmals an diesem Mittwoch in aller Öffentlichkeit zu besichtigen sein: beim Test-Länderspiel gegen Serbien in Wolfsburg und vier Tage später im ersten EM-Qualifikationsspiel gegen die Niederlande in Amsterdam (beide 20.45 Uhr/RTL und im F.A.Z.-Liveticker zur Nationalmannschaft). Oder, um es nach den Erschütterungen der vergangenen Wochen, mit den richtigen Worten zu sagen: beim Aufbruch in eine neue Zeit.

          Der Ausgang ist völlig offen. Aber sicher ist auch für Löw schon jetzt: Die Erwartungen sind hoch. Auch die des Bundestrainers selbst. „Wenn man so eine Entscheidung trifft, die für mich alternativlos war, geht man auch ein gewisses Risiko ein. Wir wollen eine gute Qualifikation spielen und uns nicht irgendwie durchwursteln.“ Und so stehe der Test gegen Serbien auch ganz im Zeichen des Duells mit den Niederländern am kommenden Sonntag. Man wolle sich „in gewisser Weise“ einspielen in Wolfsburg, zumal es in der Spielanlage und den Automatismen der beiden Teams durchaus Parallelen gebe. Löw selbst gibt sich optimistisch: „Mein Vertrauen in die Spieler ist groß, das Potential gut.“

          Löw gibt sich entspannt: „Sie können mir glauben, dass ich verstehe, mit Druck umzugehen“

          Von einem radikalen taktischen Neuanfang nach der Weltmeister-Räumungsaktion will der Bundestrainer allerdings nicht sprechen. „Unsere Spielweise wird jetzt nicht völlig über den Haufen geworfen“, kündigte Löw mit Blick auf die Europameisterschaft 2020 an. Man müsse die Dinge nur „ein bisschen anpassen“ und „Korrekturen vornehmen“. Auch nach dem deutschen Scheitern in der WM-Vorrunde und dem Abstieg in der Nations League hält es Löw für einen Trugschluss, wenn man nun glaube, „dass der „Ballbesitz-Fußball tot ist. Das ist völlig falsch.“ Der Bundestrainer verwies in seiner Argumentation auf die Spielweise des FC Barcelona und von Manchester City, die meist eine Ballbesitzquote von über 70 Prozent aufwiesen und in der Primera Division und in der Premier League mit diesem Fußball an der Spitze stünden. „Wir brauchen und wollen Ballbesitz. Aber wir müssen Ballbesitz ummünzen in Entschlossenheit und Tempo. Was uns gefehlt hat: Tempo aus diesem Ballbesitz. Das hatten wir nicht mehr in dem Maß, wie in den Jahren zuvor.“

          Vor dem Test gegen Serbien steht nur eine einzige vollständige Trainingseinheit bei der Nationalmannschaft auf dem Programm. Im „Schnelldurchlauf“ will Löw dabei an „zwei Dingen“ mit seinem stark verjüngten Kader arbeiten. An „mehr Tempo, mehr Dynamik und mehr Zielstrebigkeit“ in den Aktionen auf dem Fußballplatz. Und jenseits davon will er den jungen Spielen „das Gefühl geben, dass wir diesen Spielern unser absolutes Vertrauen entgegenbringen“. Es sei ihm klar, dass es Rückschläge auf diesem Wege geben werde, aber die Spieler sollten wissen, dass die Trainer „auch in diesen Phasen mit Lösungen zur Seite stehen, dass sie Fehler machen können“.

          An der taktischen Ausrichtung im Herzen des Spiels, im Mittelfeld, wird sich laut Löw nichts ändern. Joshua Kimmich wird, anders als beim FC Bayern, in der Nationalelf weiter auf der Sechser-Position spielen. Dies habe sich bewährt in der spielstarken Kombination mit Toni Kroos, Leon Goretzka und Ilkay Gündogan. Wer am Mittwoch gegen Serbien und am Sonntag in den Niederlanden neben Kimmich stehen wird, ließ der Bundestrainer am Dienstagmittag offen. Er wolle sich, nicht nur in dieser Personalfrage, erst mal beim Abschlusstraining einen Eindruck über die Frische der Spieler machen – und auch mit ihnen über ihre Belastungen in den jeweiligen Ligen sprechen.

          In der Abwehr will sich Löw „auf keinen Fall“ mehr auf eine feste Formation mit Dreier- oder Viererkette festlegen. Die Mannschaft müsse zwei unterschiedliche Grundordnung beherrschen. Personell setzt er nun auf Niklas Süle und Antonio Rüdiger in der Innenverteidigung als Nachfolger von Boateng und Hummels. In den vier Spielen der Nations League, in der die einstige Nummer eins der Welt ohne Sieg gegen Frankreich und die Niederlande blieb, habe man gesehen, wenn sein Team in der Defensive gut organisiert war, habe es „keine Probleme gehabt“. Man müsse jetzt nur das eigene Spiel nach Ballverlusten und bei Standards verbessern – und in der Offensive nach Ballgewinn schnell umschalten. Löw klang bei seiner Analyse und in seinem Ausblick so, als handele es sich um Detailarbeit, mit der im deutschen Spiel die alte Klasse und Stärke wiederhergestellt werden könnte – und dass ihm dies nach dem tiefen Sturz auf diese Weise auch gelingen werde.

          In der Torwartfrage mochte sich der Bundestrainer am Tag vor dem Spiel nicht festlegen. „Aber was ich sage, hat Bestand“, behauptete er. Und deswegen werde Marc-André ter Stegen in den vielen Qualifikations- und wenigen Testspielen bis zur EM „auf jeden Fall“ seine Chance bekommen. In Wahrheit hatte der Bundestrainer allerdings noch im Dezember in einem ZDF-Interview angekündigt: „Wenn nichts Außergewöhnliches passiert, wird Manuel Neuer bis zur EM im nächsten Jahr die Nummer eins sein.“ Erst danach hat bei Joachim Löw ein Sinneswandel eingesetzt. Einer, der es in sich hat – und von dem man nicht weiß, wohin er die Nationalelf und den Bundestrainer führen wird.

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