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Deutschland - Irland 1:1 : Geschrumpftes Fragment eines Weltmeisters

  • -Aktualisiert am

Das darf doch nicht wahr sein: Müller und Deutschland nur 1:1 gegen Irland Bild: Reuters

Eine dünne Personaldecke, einfallslose lange Bälle und Schlampereien in letzter Minute: So gelingen der deutschen Elf derzeit nicht einmal glanzlose Siege.

          3 Min.

          Emotional trennten beide Mannschaften nach dem Schlusspfiff Welten. Obwohl es unentschieden stand, fühlte sich die eine Partei als Sieger und die andere als Verlierer. Während die irischen Spieler beschwingt und von ihren Fans lautstark bejubelt den Rasen verließen, schlichen die Deutschen nach dem 1:1 vom Platz wie unter Schock. Der Weltmeister hatte einen sicher geglaubten Sieg nicht über die Zeit zu bringen vermocht.

          Buchstäblich in letzter Minute schrumpfte der unter großen Mühen scheinbar schon eingefahrene Ertrag von drei Punkten auf den mickrigen Rest von einem Zähler. „Das ist ärgerlich, weil wir im Prinzip die drei Punkte schon im Sack hatten“, sagte Mannschaftskapitän Manuel Neuer. Zum Schluss habe es an Cleverness gefehlt. „Wir waren mutlos und haben uns versteckt.“

          So führt nach drei Spieltagen in Qualifikation zur Euromeisterschaft 2016 nicht etwa Weltmeister Deutschland die Tabelle der Gruppe D an, sondern Irland, einer der Außenseiter. Den Start in das Pflichtprogramm nach der großartigen WM-Kür hatten alle ganz anders erwartet: die Fans, die Spieler und natürlich auch der Bundestrainer. „Wir hatten uns vorgestellt, mit mehr Punkten aus dem Oktober zu kommen“, sagte Joachim Löw, dessen Mannschaft wenige Tage zuvor in Warschau gegen Polen sogar eine Niederlage erlitten hatte. Allen meteorologischen Vorzeichen zum Trotz sahen sich die deutschen Elite-Kicker außerstande, das Publikum auch auf dem Fußballplatz mit einem Goldenen Oktober zu erfreuen.

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          Von einer derart ersatzgeschwächten Elf, wie Löw sie aufbieten musste, darf gewiss kein weltmeisterliches Flair erwartet werden und auch nicht allzu viel Innovation (wenngleich ein Profi wie Draxler gern etwas mehr zeigen dürfte, um als Nationalspieler eine wichtige Rolle zu ergattern). Neben Schweinsteiger, Khedira, Özil und Reus, die schon länger fehlen, fielen zusätzlich Kramer und Schürrle aus, die kurz vor der Partie erkrankt waren. Dennoch muss es in Spielen wie diesem zu einem Sieg reichen, sei er auch glanzlos.

          Nach genau so einem Erfolg hatte es bis weit in die Nachspielzeit hinein ausgesehen: Die deutsche Elf wirkte die meiste Zeit nicht gerade leichtfüßig, schien nach dem Führungstreffer von Toni Kroos (71. Minute) aber auf dem richtigen Weg, mag er sich auch uneben angefühlt haben. In den letzten acht, neun Minuten, die Nachspielzeit eingeschlossen, geriet die Mannschaft auf Abwege, und niemand wusste zu erklären, warum plötzlich eine Unsicherheit aufkam, die beinahe in Angst ausartete – Angst vor einem Gegner, der 85 Minuten lang leidenschaftlich verteidigt, nach vorn aber nichts Furchteinflößendes zustande gebracht hatte.

          Aus unerklärlichen Gründen wusste die Elf, die nicht nur personell zum Fragment eines Weltmeisters geschrumpft war, sich nicht anders zu helfen, als den Ball hoch nach vorne zu schlagen. Sich so über die Zeit retten zu wollen, gegen einen bis dahin harmlosen Gegner, nannte Löw „naiv“. Und die Spieler wunderten sich über ihre eigene Unart. „In den letzten Minuten spielen wir zwanzig lange Bälle“, sagt Kroos, „so viele haben wir, glaube ich, vorher in einem ganzen Jahr nicht gespielt. Der Bundestrainer nannte es naiv, auf diese Art einen physisch starken Gegner auf Distanz zu halten.

          Hart ging auch Innenverteidiger Jerome Boateng, wie Kroos in den erweiterten Kreis der Führungsspieler aufgestiegen, mit sich und seinen Kollegen ins Gericht. Es dürfe nicht passieren, dass die Mannschaft „in den letzten Minuten hundertmal den Ball verliert“, sagte er. Sogar Kroos, der beste deutsche Spieler, ließ sich anstecken von der Leere im Kopf, die gegen Ende einsetzte.

          Nicht einmal der Mittelfeldstratege behielt die Präzision bei, die ihn bei seinem Tor, einer Einzelleistung aus gut zwanzig Metern ausgezeichnet hatte. Mit zwei Ballverlusten bestärkte Kroos den Gegner darin, es auch einmal zu versuchen, und konterkarierte damit den guten Eindruck, den ein Tor, 138 Ballkontakte und 92 Prozent gelungene Pässe bis dahin erzeugt hatten.

          Die Iren zögerten nicht, die Einladung anzunehmen. Viel Zeit hatten sie ja nicht mehr. Kurz vor Ultimo nutzten sie die Schwächen der deutschen Elf, die inzwischen nicht mehr zu übersehen waren. Erst gelang es der Abwehr nicht, eine Flanke von rechts zu verhindern, dann sah sie zu, wie der Ball in die Mitte kam – und Mats Hummels einen Schritt zu spät im Duell mit dem Torschützen John O’ Shea. Löw wollte den Dortmunder Kapitän nicht beschuldigen, nahm ihn aber in die Kritik.

          Vieles gehe Hummels nach langer Verletzungspause wieder gut vom Fuß, „aber in diesem Moment hätte er sich besser postieren können, näher am Gegenspieler.“ Spätestens die letzten Minuten dieser Begegnung öffneten die Augen für Schwierigkeiten, die sich teils automatisch, teils zufällig aus der Weltmeisterschaft ergeben. „Man hat das Gefühl, manchen Spielern fehlen geistige Frische, Tempo, Dynamik und Entschlossenheit,“ sagt Löw. Noch immer sehnten sich viele Profis nach Ruhe, um wieder die Kräfte zu sammeln, die sie sonst mobilisieren könnten.

          Ob in der Ruhe die Kraft liegt oder die Kraft Ruhe gibt – am Ende mangelte es den Deutschen an beidem. Der Bundestrainer nimmt es zur Kenntnis, will daraus aber nicht den Schluss ziehen, es fehle an Substanz, schon gar nicht wenn Leistungsträger zurückkehren. Einige von ihnen werden vermutlich schon in einem Monat wieder zu sehen sein, bei einem vergleichsweise wenig brisanten Anlass. „Gegen Gibraltar werden wir gewinnen“, sagt Löw. „Und im nächsten Jahr schlagen wir dann zurück.“ Deutschland muss aufholen, das ist neu. Es kommt eine Spur von Spannung in eine Qualifikation, die ohne den Fehlstart des Favoriten langweilig wäre. Also sagt Jerome Boateng: „Wir müssen jetzt aufwachen und jedes Spiel gewinnen.“

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