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10:0 gegen Montenegro : Gelungener Kindergeburtstag für Fußballfrauen

Am eifrigsten und am treffsichersten: Deutschlands Spielführerin Alexandra Popp (l.) Bild: dpa

Die DFB-Frauen starten mit einem erwartet deutlichen Sieg in die EM-Qualifikation – und sind dabei sichtlich bemüht, die WM-Mängel auszubessern. Diesem Vorhaben kann auch die frühe Anstoßzeit nichts anhaben.

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          Alexandra Popp hatte noch nicht genug. Soeben war in der 38. Minute im ersten EM-Qualifikationsspiel gegen Montenegro das 5:0 gefallen. Das Spiel war für das deutsche Fußball-Nationalteam der Frauen entschieden, der Start auf dem Weg zum Endturnier in England im Sommer 2021 durfte schon als sicherer Erfolg bewertet werden. Aber die deutsche Spielführerin störte, dass es nicht sofort weiterging. Die montenegrinische Mittelstürmerin Armisa Kuc machte keine Anstalten, den rund fünf Meter entfernten Ball zu holen und das Spiel per Anstoß fortzusetzen. Also sprintete die Mittelstürmerin vom VfL Wolfsburg, die soeben ihren dritten Treffer erzielt hatte, zum Ball und knallte das Spielgerät mit ein wenig Wut im Bauch auf den Mittelpunkt.

          „Ich habe Verständnis, wenn der Gegner so unterlegen ist, dass er dann mit allen Tricks auf Zeit spielt. Aber wir wollten eben auch was zeigen, und das Spiel deshalb schnell machen“, sagte Popp nach der Partie. Und tatsächlich legten die deutschen Frauen im Kasseler Aue-Stadion danach noch einmal zu – vor allem, was die Schönheit der Treffer anging: Sarah Doorsoun traf nach dem Seitenwechsel mit einem sehenswerten Distanzschuss aus 25 Metern zum 6:0 (52. Minute), Turid Knaak fühlte sich dadurch offenbart angespornt, das 7:0 zwei Minuten später mit einem gefühlvollen Schlenzer von halbrechts ins lange Eck noch eleganter zu erzielen. Am Ende stand es dann 10:0, die weiteren Treffer hatten Svenja Huth mit dem schnellen Führungstor nach kaum zwei Minuten sowie Klara Bühl (34./59.), Lea Schüller (84.) und Linda Dallmann (88.) erzielt. Es war kein Rekordsieg, die Marke dafür hatte die Vorgängergeneration bei einem 17:0 gegen Kasachstan im November 2011 gesetzt. Aber es war der standesgemäße Auftakt in die Aufbauzeit nach der Enttäuschung bei der Weltmeisterschaft im Sommer, wo die deutsche Elf im Viertelfinale an Schweden gescheitert war, wodurch sie auch die Qualifikation für die Olympischen Spiele verpasste hatte. „Für mich persönlich war es natürlich gut, dass ich einen Dreierpack erzielt habe. Aber ich weiß einzuordnen, dass der Gegner nicht Schweden war, sondern Montenegro. Die bestreiten seit 2012 Länderspiele und haben jetzt 26 mal gespielt“, sagte Popp anschließend.

          Gegen einen in keiner Weise wettbewerbsfähigen Gegner bewies das deutsche Team viel Spiellaune. Der Wille, das Spiel mehr zu beschleunigen als noch beim Turnier in Frankreich war erkennbar, das Passspiel wirkte deutlich schärfer als noch im Sommer. Einzig die Wolfsburger Innenverteidigerin Sara Doorsoun wies in dieser Grundtechnik des Fußballs vor allem im Verhältnis zu ihrer sonst so engagierten Leistung selbst gegen einen derart überforderten und passiven Gegner weiter zu viele Mängel auf. Zudem stellte Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg vor allem eine vielleicht wegweisende personelle Weiche: Die erst 17 Jahre alte Lena Oberdorf, das derzeit größte Talent im deutschen Team, ist zumindest bis zur Wiedergenesung von Marina Hegering zur Abwehrchefin befördert worden. Die Spielerin von der SGS Essen nahm die Rolle gerne an, dirigierte lautstark und mit klaren Anweisungen und gestaltete das Spiel aus der hintersten Reihe mit viel Übersicht und klarem Passspiel. Defensiv war sie gegen Montenegrinerinnen, die nicht einmal eine Handvoll kontrolliert über die Mittellinie hinauskamen mit dem Ball, derweil gar nicht gefordert. Gerade die Organisation in der zentralen Defensive war aber das entscheidende Manko im deutschen Team bei der WM. Wie viel weiter die deutschen Frauen hierbei schon sind, wird wohl mehr noch das kommende Qualifikationsspiel gegen die Ukraine zeigen. Martina Voss-Tecklenburg warnte vor der Prüfung am Dienstag: „Die Ukraine wird uns ganz fordern. Sie sind kämpferisch sehr stark.“

          In Kassel reichte der deutliche Sieg aus, um eine angenehm positive Stimmung zu erzeugen unter den knapp über 6000 Zuschauern beim ungleichen Duell zur Kindergeburtstagszeit. Auf Wunsch des übertragenden Senders ARD ließ sich der DFB auf einen Anpfiff um 12:30 Uhr ein, was Offensivspielerin Lina Magull als „nicht so optimal“ bezeichnet hatte. Die Spielerinnen fühlen sich mit einer solchen Anstoßzeit nicht wirklich ernst genommen. Zumindest endete der Kindergeburtstag schließlich erfreulich – trotz der kurzzeitigen Anstoßverweigerung der montenegrinischen Stürmerin. „Wir wollten Spielfreude zeigen und das Tempo hochhalten. Beides ist uns gelungen“, fasste Voss-Tecklenburg den frühen Mittag aus deutscher Perspektive passend zusammen.

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