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EM Gruppe D : Kein Zurück mehr beim "Ah" und "Oh" des Fußballs

Trotz guter Leistung droht van Nistelrooy und den Holländern das Aus Bild: REUTERS

Berauschende Tschechen, ernüchterte Niederländer bei der stürmischsten Party der Europameisterschaft: Der 3:2-Sieg des letzten deutschen Gruppengegner begeistert alle.

          3 Min.

          Nach dem Abend, an dem der Fußball bei dieser Europameisterschaft eine neue Qualität erreichte, mochte zunächst kaum jemand die kunterbunte Arena von Aveiro verlassen. Da und dort zückte ein Augenzeuge im "Oranje"-Trikot seinen Fotoapparat, um sich ein letztes Bild zu machen von dieser niederländischen Niederlage der Extraklasse. Die tschechischen Zuschauer waren bis lange nach Spielschluß damit beschäftigt, ihre Nationalmannschaft mit Jubelgesängen und Trainer Karel Brückner mit Sprechchören zu feiern, als sei man nicht soeben in das EM-Viertelfinale eingezogen, sondern hätte schon den Titel gewonnen. Die allergrößten Fans des tschechischen Offensivspiels, das bei diesem Turnier kein Zurück kennt und unaufhaltsam scheint, standen aber drunten auf dem Rasen. "Ein phantastischer Abend, ein phantastischer Tag, ein phantastisches Match", sagte Pavel Nedved, der zum "Mann des Spiels" gekürt wurde, obwohl die Auszeichnung auch eine ganze Reihe seiner Kollegen verdient gehabt hätte. "Ich werde dieses Spiel niemals vergessen", schwärmte Tomas Rosicky schon kurz nach Abpfiff, und sein Dortmunder Vereinskollege Jan Koller rang nach Worten, bis er den Superlativ "das wichtigste Spiel in meiner Karriere" gefunden hatte. 0:2 hatte die tschechische Auswahl nach 19 Minuten zurückgelegen gegen ein ebenso passioniert aufspielendes Starensemble aus den Niederlanden und sich doch noch einen 3:2-Erfolg erstürmt. "Wir können nicht anders", beteuerte Torhüter Petr Cech, "wir spielen immer, um zu gewinnen." Und wie!

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Unverständliche Auswechslung von Robben

          Exakt 94 Minuten dauerte die großartigste Fußballfiesta, die Portugal bislang gesehen hat, und sie hätte noch stundenlang weitergehen können, ohne daß sich einer der 30000 Zuschauer abgewendet oder ein Spieler freiwillig den Platz verlassen hätte. Daß Arjen Robben, der die Treffer von Wilfred Bouma (4. Minute) und Ruud Van Niestelrooy (19.) vorzüglich vorbereitet und sich auch den Rest der Zeit auf famose Spielweise vertrieben hatte, dennoch nach einer Stunde gehen mußte, sorgte für Unverständnis im niederländischen Lager. Da konnte Dick Advocaat, Bondscoach und Spielverderber, noch so sehr an seinen Argumenten feilen und beteuern, daß der Angreifer vom PSV Eindhoven sein erstes Spiel nach dreimonatiger Verletzungspause machte und er dem tschechischen Übergewicht im Mittelfeld in Paul Bosvelt etwas entgegensetzen wollte - verstanden hat ihn niemand. Er wisse nicht, was in des Trainers Kopf vorgehe, sagte Marc Overmars, und Patrick Kluivert vertrat demonstrativ die Gegenthese zu Advocaat. "Ich finde, Angriff ist die beste Verteidigung."

          Jan Koller feiert Tschechiens Sieg

          Am Ende durfte sich Kluivert bestätigt fühlen, hatte Karel Brückner doch schon zwei Minuten nach Kollers 1:2-Anschlußtreffer (23.) die Viererabwehrkette um ein Glied verkleinert und in Wladimir Smicer noch einen Angreifer aufs Feld geschickt; als Marek Heinz nach einer Stunde dazustieß, standen gar sieben Offensivkräfte auf dem Platz, die den Zuschauern das "Ah" und "Oh" des Fußballs beibrachten. Um die Taktik der Niederländer habe er sich zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr gekümmert, sagte Brückner, der sein Team zu Angriffslust und Spiellaune animierte, "der Gegner soll sich nach uns richten". Sogar die drei einsamen Verteidiger genossen die Kniffe ihrer kreativen Kollegen, ohne sich selbst überfordert zu fühlen. "Der Kampf Mann gegen Mann hat mir großen Spaß gemacht", sagte Tomas Ujfalusi vom Hamburger SV, der die Duelle mit van Nistelrooy ebenso wenig scheute wie jene mit Robben.

          Holländer in Unterzahl

          Zwar zeigte sich die notdürftig besetzte Defensive nicht immer dem Gegendruck gewachsen, als die Niederländer ihrerseits mit schnellen Kombinationen vor allem in der ersten Halbzeit "die Tschechen aus dem Stadion gespielt" hatten, wie Van Nistelrooy behauptete. Doch hatte Brückners Auswahl Glück, als Edgar Davids Schuß am Pfosten landete (43.) und Torhüter Cech van Nistelrooys Versuch reflexhaft um den Pfosten lenkte (56.). "Auf diesem Level ist es gefährlich, die Chancen nicht zu nutzen", erklärte Advocaat die Niederlage mit dem Scheitern seiner Stürmer.

          Weil die Tschechen, vier Minuten nachdem Milan Baros zum 2:2-Ausgleich getroffen hatte (71.), nach der Gelb-Roten Karte gegen Johnny Heitinga auch noch in Überzahl waren, nutzte Smicer als dritter Stürmer den gebotenen Freiraum (88.). "Gute Arbeit", sagte Brückner lakonisch über das Auftreten seiner Mannschaft, die an einem Abend alle Sehnsüchte nach einer famosen Fußballparty erfüllte, befreit von jeglichem taktischen Korsett, nur mit "viel Herz und Moral", wie Koller betonte. Langeweile herrscht anderswo - selbst wenn es für die tschechische Auswahl gegen die deutsche Mannschaft um nichts mehr geht und Brückner zum Leidwesen der Niederländer, deren Schicksal am Mittwoch auch in fremden Händen liegt, angekündigt hat, Nedved und andere zu schonen: "Wir haben viele gute Spieler im Kader".

          Die Mannschaft ist eben gut, und sie kann nicht anders. Die beiden Niederlagen im Frühjahr gegen Irland und Japan nach zuvor zwanzig Spielen ohne Niederlagen waren nur kleine Ausrutscher eines Teams, das 28 Jahre nach dem einzigen EM-Titel wieder Großartiges leisten kann. "Nur große Mannschaften drehen so ein Spiel um", erklärte Rosicky den Wiederholungsfall, nachdem er mit seinen Kollegen schon einen 0:1-Rückstand gegen Lettland in einen 2:1-Erfolg hatte verwandeln können. In puncto Selbstbewußtsein sind die Tschechen längst Europameister 2004.

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