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EM-Gastgeber Polen : Das Land der Hooligans

  • -Aktualisiert am

Gewaltausbruch: Das polnische Pokalfinale zwischen Lech Posen und Legia Warschau im Mai in Bydgoszcz Bild: REUTERS

Polen will sich bei der EM als sympathischer Gastgeber präsentieren. Doch selbst der Ministerpräsident warnt vor den Krawallmachern. Für die Regierung ist die Bekämpfung der Gewalt eine nationale Aufgabe.

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          Der polnische Ministerpräsident weiß, wovon er spricht. In seinen Jugendjahren war Donald Tusk Mitglied eines Fanklubs und stimmte im Stadion für seinen Heimatverein Lechia Danzig Fußballgesänge an. Gerne erinnert sich Tusk auch an spätere Zeiten, als Fußballspiele von den Zuschauern zur politischen Manifestation für Solidarnosc und Lech Walesa und gegen die kommunistische Staatsmacht genutzt wurden. Von solch engagierten, aber friedlichen Meinungsbekundungen können die Polen heute in ihren Stadien nur träumen. Die Realität zeigte zuletzt ein Bild voller Gewalt und Chaos, dass der Ministerpräsident zeitweise sogar die Mitausrichtung der Europameisterschaft im nächsten Jahr nicht mehr garantieren wollte. „Vereine und Fanorganisationen haben zugelassen, dass sich auf den Tribünen Mörder, Drogendealer und Kleinkriminelle unter die Zuschauer mischen“, sagte Tusk in drastischen Worten.

          Ein von Sicherheitskräften und Polizeibehörden vielbeachteter Test findet an diesem Dienstag in Danzig statt, wenn die deutsche Nationalelf in einem Länderspiel auf die Auswahl des polnischen Fußballverbandes treffen wird. Nicht nur, dass die eigenen Hooligans den Anlass wieder zu einem gefährlichen Aufmarsch nutzen könnten, auch die gefürchteten Tätergruppen aus Deutschland planen aller Voraussicht nach einen Kurztrip über die Grenze - ein wahrer EM-Probelauf. „Die Zahl deutscher Problemfans, die gewaltbereit sind, lag bei den letzten Länderspielen der deutschen Nationalmannschaft in Brüssel und Wien bei mehreren Hundert. Hinzu kommen natürlich noch Mitläufer und Sympathisanten, die sich je nach Situation anschließen können“, sagt Ingo Rautenberg. Er ist Leiter der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (Zis), die zur Polizei in Nordrhein-Westfalen gehört und Fußball-Gewalttäter bundesweit beobachtet.

          Nicht zuletzt die Warnung des polnischen Ministerpräsidenten hat dafür gesorgt, dass die Probleme in den Köpfen der Verantwortlichen auf allen Seiten präsenter sind als je zuvor. Sogar der Europarat in Straßburg ist aufmerksam geworden und fördert aufgrund der Gefahrenlage die polizeiliche Zusammenarbeit, aber auch Trainingslager zur Deeskalation und vorbeugende Maßnahmen. Zuletzt wurden Repräsentanten der Polizei mit Führungsfiguren der Ultra-Fanszene an einen Tisch gebracht. Im Mai endete das polnische Pokalfinale in Bydgoszcz zwischen Legia Warschau und Lech Posen in einem Gewaltausbruch. Hooligans hatten das Spielfeld gestürmt, Werbebanden zerstört, eine Tribüne verwüstet und Menschen verletzt. Während in Deutschland oder England die Hooligans im Lauf der Jahre aus den großen Stadien verdrängt und von einem neuen Eventpublikum ersetzt wurden, sind polnische Fußballveranstaltungen Tummelplatz für Randalierer.

          Massiver Einsatz: Aufnahme der polnischen Polizei von einer Festnahme nach dem Pokalfinale
          Massiver Einsatz: Aufnahme der polnischen Polizei von einer Festnahme nach dem Pokalfinale : Bild: dpa

          Schlägereien und Messerstechereien, gerade vor und nach den Spielen, sind keine Seltenheit. Nur in Argentinien bekämpfen sich rivalisierende Hooligans noch erbitterter. Es kommt jedes Jahr zu Todesfällen. Im Januar wurde ein Anführer der Ultras von Cracovia Krakau auf der Straße regelrecht hingerichtet. Die Polizei zählte 60 Einstiche am Körper. Später wurden fünf Verdächtige festgenommen, die der gewalttätigen Fanszene des Stadtrivalen Wisla Krakau zugeordnet wurden. Wenn beide Mannschaften in der ersten Liga aufeinandertreffen, herrscht in Krakau aus Sicht der Sicherheitskräfte „Krieg“. Anfang des Jahres starb in Lodz ein junger Hooligan.

          Vorbild Danzig

          Für die Regierung ist die Bekämpfung der Gewalt nun eine nationale Aufgabe - das Land will sich während des EM-Turniers als sympathischer Gastgeber präsentieren. Was also viele Jahre versäumt wurde, soll nun aufgeholt werden. Es gibt gute Ideen und vielversprechende Projekte. Dariusz Lapinski ist einer, der Hoffnung verbreitet. Er ist bei der staatlichen EM-Behörde zuständig für Gewaltprävention. Lapinski wird von Experten zugeschrieben, dass er gewaltbereite Gruppen aus der Anonymität herausgeholt hat und erste zarte Pflänzchen friedlicher Fankultur hochpäppelt. „Ich mache ganz einfache Sachen“, sagt Lapinski, der in Potsdam Politikwissenschaft studiert hat und als Anhänger des Drittligaklubs Babelsberg 03 erste praktische Einblicke in die Fanarbeit in Deutschland bekam.

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