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EM-Auslosung : Jogis Jungs sind Rudis Nachlass

  • Aktualisiert am

Löw droht eine Schreckensgruppe Bild: AP

Die Europameisterschaften 2000 und 2004 waren für die Nationalelf ein Albtraum. Damit sich die Geschichte im kommenden Sommer nicht wiederholt, muss Bundestrainer Joachim Löw auch auf ein wenig Glück bei der Vorrundenauslosung an diesem Sonntag hoffen.

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          Der letzte deutsche Sieg bei einer Europameisterschaft? Lang, lang ist's her. Es war unter Jürgen Klinsmann. Allerdings nicht unter dem Bundestrainer Klinsmann, sondern unter dem Kapitän Klinsmann. Es war am 30. Juni 1996 in Wembley, beim 2:1-Erfolg im Finale gegen Tschechien durch das Golden Goal von Oliver Bierhoff.

          Seitdem sind Europameisterschaften für deutsche Nationalmannschaften ein fortwährender Albtraum. Die großen Krisen des deutschen Fußballs, sie wurden in den letzten zehn Jahren immer bei Europameisterschaften sichtbar. Im Jahr 2000 in Belgien und den Niederlanden wurde die Generation Matthäus von einem überforderten Teamchef Erich Ribbeck zu ihrem Ende geführt.

          33 Profis in zwölf Länderspielen

          Vier Jahre später in Portugal hatte sich dann das Teamchefmodell Rudi Völler totgelaufen. Aber nicht sein Team, wie man vielleicht vermuten könnte - angesichts der enormen Fluktuation in der Nationalmannschaft in den vergangenen dreieinhalb Jahren. Es wimmelt ja jetzt nur so von jungen Spielern, die erst Jürgen Klinsmann und danach Joachim Löw zur Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes gebracht haben. 33 Profis hat der Bundestrainer allein in diesem Jahr in zwölf Länderspielen eingesetzt, ein untrügliches Zeichen für neue Zeiten also.

          Spannung vor der Auslosung in Luzern

          Aber ist das auch tatsächlich so? Hat sich der Kader seit der Europameisterschaft 2004, als die Deutschen im letzten Gruppenspiel gegen eine tschechische B-Auswahl in erschütternder Weise ihre Grenzen aufgezeigt bekamen und 1:2 verloren, tatsächlich grundlegend verändert?

          Neun Portugal-Verlierer noch immer im Kader

          Hat er nicht. Von den vierzehn Spielern, die damals in Lissabon bei der letzten der zuletzt zahlreichen deutschen EM-Pleiten dabei waren, gehören neun Spieler noch immer zum engsten Kader. Fast alle besitzen Stammplätze - oder sind ganz nahe dran. Von hinten nach vorne sind das: Arne Friedrich, Philipp Lahm, Torsten Frings, Michael Ballack, Bernd Schneider, Bastian Schweinsteiger, Lukas Podolski, Kevin Kuranyi und Miroslav Klose. Damals in Portugal fehlte noch Christoph Metzelder wegen seiner schweren Verletzung - und wenn man nun Oliver Kahn gegen Jens Lehmann eintauscht und Per Mertsacker als Innenverteidiger in die Mannschaft nimmt, hat man vielleicht sogar schon die deutsche Startelf für das EM-Turnier 2008, das am 7. Juni mit dem Eröffnungsspiel in Basel beginnt.

          Am Sonntag weiß man endlich auch, gegen wen die Deutschen mit altbekannten, aber an Körper und Geist aufgefrischten Nationalspielern in der Schweiz und Österreich werden antreten müssen. Von der düsteren EM-Vergangenheit hat sich der Bundestrainer aber längst befreit. Neue Konzepte, und dies ist ein interessanter Aspekt im wieder entflammten deutschen Kampf der Fußball-Spielkulturen, will er mit dem gleichen Personal umsetzen. Joachim Löw schaut jedenfalls mit einer "gewissen Vorfreude" auf die Auslosung am Sonntag. Auch wenn sein Team zuletzt strauchelte und ihm zu High Noon in Luzern eine Schreckensgruppe mit Weltmeister Italien, dem WM-Zweiten Frankreich und den Niederlanden droht.

          „Es gibt keine leichten Gruppen“

          Wenn jedoch das Losglück am Sonntag mal wieder Schwarz-Rot-Gold trägt, könnte es der selbstbewusste WM-Dritte auch mit Österreich, Schweden und der Türkei zu tun bekommen. "Aber wir machen keine Rechenspiele oder Spekulationen. Es gibt keine leichten Gruppen", behauptet der Bundestrainer. "Wir müssen versuchen, die ersten beiden Spiele zu gewinnen - egal gegen wen." Das wäre jedenfalls sehr viel mehr, als die deutsche Nationalelf bei Europameisterschaften seit zehn Jahren hinbekommen hat.

          Die Deutschen, so viel ist schon vor der Auslosung sicher, werden bei der EM an zwei verschiedenen Orten ihre drei Vorrundenspiele austragen. Entweder komplett in der Schweiz oder komplett in Österreich. Was dazu führen könnte, dass das deutsche Mannschaftsquartier im Tessin ziemlich weit ab von den Spielorten der Vorrunden liegen könnte. Das wäre indes überhaupt kein Nachteil und bedeutete auch keinen Reisestress, sagt die Nationalmannschaftsführung. Denn der Flughafen in Lugano liegt nicht weit entfernt vom Hotel am Lago Maggiore. In jedem Fall aber liegt das Quartier im beschaulichen Ascona weitab von jenem Konzept, das Klinsmann seit seinem Amtsantritt nach der EM 2004 entschieden vorantrieb - weg von der Gemütlichkeit auf dem Land und mitten rein ins Großstadtleben.

          Die Planungen für die EM sind indes längst abgeschlossen bei dem Team, das sich als Erstes für die EM qualifiziert hat. Zunächst steht nach dem Ende der Bundesligasaison eine Vorbereitung auf Mallorca auf dem Programm (übrigens wie vor der EM 2000). Und vor dem endgültigen Aufbruch in die Schweiz will Löws Auswahl diesmal noch gemeinsam mit den Fans eine schöne EM-Party feiern. "Wir wollen uns auf jeden Fall nochmals in einem vollen Stadion vom deutschen Publikum verabschieden", sagt Manager Oliver Bierhoff. In Ascona, so viel ist sicher, wird es bestimmt viel ruhiger sein.

          Lostöpfe der Gruppenauslosung Fußball-EM 2008:

          Topf 1: Schweiz, Österreich, Griechenland, Niederlande
          Topf 2: Kroatien, Italien, Tschechien, Schweden
          Topf 3: Rumänien, Deutschland, Portugal, Spanien
          Topf 4: Polen, Frankreich, Türkei, Russland

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