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EM-Kommentar : Wie 2006? Wohl kaum!

Andere Zeiten: Die WM 2006 bescherte Deutschland ein Sommermärchen. Bild: dpa

Einen mitreißenden Sommer wie vor zwölf Jahren wird es durch die EM 2024 nicht geben. Es waren andere Zeiten. Zahlreiche positive Effekte sind von dem EM-Zuschlag gleichwohl zu erwarten.

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          Nach einem langen Sommer des Missvergnügens hat der deutsche Fußball wieder Grund zur Freude: Siebzehn Mitglieder des Exekutivkomitees der Europäischen Fußball-Union haben am Verbandssitz in Nyon entschieden, die Europameisterschaft 2024 an Deutschland zu vergeben. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) setzte sich gegen die Türkei durch, den einzigen Konkurrenten. Zuletzt hatte sich der Abstimmungserfolg angesichts der Menschenrechtslage und der sich verschlechternden wirtschaftlichen Situation im Staate Erdogans abgezeichnet. Selbstverständlich war er angesichts fragwürdiger Vergabeentscheidungen in der Vergangenheit bei sportlichen Großereignissen gleichwohl nicht. Das Verschachern der Weltmeisterschaft 2022 vor sieben Jahren in den Wüstenstaat Qatar ist nach wie vor ein Schandfleck des internationalen und teilweise kriminellen Funktionärstums. Der Skandal wirkt bis heute nach.

          In Deutschland werden mit dem zweiten Zuschlag für eine Europameisterschaft nach 1988 vor allem Erinnerungen an das Sommermärchen 2006 wach. Jenes einzigartige sportliche und gesellschaftliche Ereignis, das Deutschland einen Monat lang über sich selbst staunen ließ. Aber auch die Welt, die zu Gast bei Freunden war. Obwohl der deutsche Fußball und das Land einen einigenden Impuls dringend benötigten, wird man auf einen ähnlich mitreißenden Fußballsommer, wie ihn Land und Leute damals genossen, achtzehn Jahre später kaum hoffen dürfen. Es waren andere Zeiten 2006. Geändert hat sich seitdem auch der Fußball, aber ebenso der Blick der Deutschen auf ihr Lieblingsspiel.

          Zahlreiche positive Effekte sind von dem EM-Zuschlag in den kommenden Jahren gleichwohl zu erwarten. Im Sportlichen liegt die Notwendigkeit auf der Hand, dass die unterschiedlichen Interessengruppen wie Deutscher Fußball-Bund, Deutsche Fußball Liga, Profiklubs und Amateurvertreter gemeinsame Anstrengungen unternehmen, um die bei der Weltmeisterschaft in Russland kläglich gescheiterte Nationalelf wieder zurück an die Weltspitze zu führen. Nicht zuletzt an einer veränderten und verbesserten Ausbildung von Talenten müsste entschieden gearbeitet werden. Auch in der Nachwuchsarbeit ist der deutsche Fußball deutlich hinter Frankreich, Spanien, aber auch England zurückgefallen. Einsicht ist mittlerweile vorhanden, ein gemeinsamer Weg noch nicht in Sicht.

          Die Verbesserung der Infrastruktur an den künftigen zehn deutschen EM-Standorten dürfte leichter umzusetzen sein. Immense Kosten sind nicht zu befürchten, Neubauten nicht erforderlich. Die für die WM 2006 errichteten Stadien werden auf den neuesten Stand gebracht. Ein Vorteil nicht zuletzt für die Bundesligaklubs, die im internationalen Wettbewerb mit den Ligen in England, Spanien und Italien ebenfalls zurückgefallen sind. Die Aussicht auf eine Europameisterschaft im eigenen Land dürfte überall die Kräfte bündeln. Das ist auch notwendig, um sportliche und strukturelle Trendwenden einzuleiten.

          Die Vergabe der Europameisterschaft bedeutet für den umstrittenen Präsidenten Reinhard Grindel den größten Erfolg seiner bisherigen Amtszeit. Er hat den Sieg so dringend gebraucht wie eine Mannschaft im Abstiegskampf. Zuletzt waren der Verband und sein Präsident im komplexen Fall Özil/Gündogan mit schwankender Haltung weit über den Fußball hinaus in die Kritik geraten. Der Rücktritt von Weltmeister Özil bedeutete eine Zäsur in der Rolle des Verbandes als Integrationsstifter. Der DFB ließ zu, dass ein Spiel, das gerade in gesellschaftlich angespannten Zeiten zusammenführen soll und kann, das Land weiter entzweien konnte. Der Anlass, die Fotos von Özil und Gündogan mit dem türkischen Präsidenten, waren zu diesem Zeitpunkt längst in den Hintergrund getreten.

          Die Özil-Affäre stand damit auch im scharfen Kontrast zu dem Motto, mit dem der DFB um die Europameisterschaft geworben hat: „United by Football“. Wäre die EM-Wahl zugunsten der Türkei ausgegangen, hätte sich Grindel kaum Hoffnung machen dürfen, länger die Nummer eins im DFB bleiben zu können. Nach dem Erfolg von Nyon dürften nun vor allem Diskussionen um notwendige Strukturveränderungen im Sieben-Millionen-Mitgliederverband verstärkt geführt werden.

          In deutschen Stadien war zuletzt in Anspielung auf das deutsche EM-Motto auf Transparenten zu lesen, was eine immer größere Zahl von Anhängern als tatsächliche Triebkraft im Spitzenfußball ansieht: „United by Money“. Auch da geht es um Entfremdungstendenzen. Zudem sind die dunklen Seiten des deutschen Sommermärchens mit seinen dubiosen Geldströmen, die zu Anklagen gegen einst führende DFB-Funktionäre geführt haben, noch immer nicht aufgeklärt. Zwei ehemaligen Präsidenten und einem langjährigen Generalsekretär wird der Prozess gemacht. Der deutsche Fußball und der DFB werden sich in den kommenden Jahren auf vielen Feldern dem Kampf um verlorenes Vertrauen stellen müssen, falls die Europameisterschaft 2024 in Deutschland die Chance haben soll, ein Fußballfest für alle zu werden.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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