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Kurioses Trainer-Casting : Erst mal die Spieler fragen

Hat ein Wörtchen bei der Trainerwahl mit zu reden: der niederländische Verteidiger Virgil van Dijk Bild: dpa

Der niederländische Fußball war schon immer ein bisschen anders. Auch bei der Trainersuche geht die „Elftal“ jetzt einen Sonderweg. Ob das für jeden Kandidaten so gut ist?

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          Guus Hiddink hat diese Woche einen neuen Job angetreten. Hätte er mit seiner Rückkehr aus der Rente ein paar Tage länger gewartet, so lang, bis Ronald Koeman den Posten als niederländischer Nationaltrainer dank einer Ausstiegsklausel mit dem beim FC Barcelona eintauschte – Hiddink stünde jetzt, wie praktisch jeder einschlägig vorbelastete Landsmann, wohl auch auf der Liste der Kandidaten bei der hektischen Suche der Holländer nach dem neuen Bondscoach.

          Als Wiedereinsteiger mit knapp 74 Jahren hat er allerdings andere Prioritäten gesetzt: arbeiten, wo andere Urlaub machen. Der Mann, der mit PSV Eindhoven den Europapokal der Landesmeister gewann, für Klubs wie Real Madrid und den FC Chelsea arbeitete und mit den Nationalmannschaften der Niederlande und Südkoreas im WM-Halbfinale stand, trainiert seit Montag das Team von Curaçao. Hiddink begründete es so: „Es war schwer, nein zu sagen.“

          Louis van Gaal könnte auch schwer nein sagen – weil er aber fünf Jahre jünger und ehrgeiziger ist als der Kollege, nicht zu einem Job in der Karibik, sondern an der heimischen Nordsee. Er „würde darüber nachdenken“, sollte der niederländische Fußballverband ihn fragen, ob er zum dritten Mal Bondscoach werden wolle. Allerdings hat der Verband erst einmal jemanden ganz anderen gefragt: seine Nationalspieler.

          Der niederländische Fußball war schon immer ein bisschen anders, freier, offener – vielleicht, weil er den einzigartig schnellen Aufstieg vom Fußballzwerg zu einer Weltgröße des Spiels mit dem revolutionären „totalen Fußball“ in der nicht nur sportlich befreienden, alte Hierarchien sprengenden Zeit der späten Sechziger und frühen Siebziger begann. Während in Deutschland die meisten Trainer noch als Befehlshaber auftraten, taten sie es im Nachbarland schon als Teamleiter, die den Rat der Mitarbeiter einholten und ihnen ihre Entscheidungen erläuterten.

          Ein halbes Jahrhundert später betritt Oranje auch bei der Trainerwahl Neuland. Der Verband hat Kapitän Virgil van Dijk und andere Stammspieler um ihre Meinung für die Besetzung des Chefpostens gebeten. Diese Meinung soll großes Gewicht bei der Entscheidung haben. Spricht das nun für große Oranje-Altstars wie Frank Rijkaard und Ruud Gullit, auch wenn sie lang nicht mehr als Trainer gearbeitet haben? Oder für etwas kleinere wie Phillip Cocu und Frank de Boer, die als Trainer noch aktiv sind? Oder für einen, der weder Altstar noch aktiver Trainer, aber eben Louis van Gaal ist? Nach fast siebzig Lebens- und dreißig Trainerjahren wartet auf den Mann, der als Bondscoach mit WM-Platz drei 2014 dem Glanz von Oranje die bisher letzte Politur verpasste, vielleicht ein ganz neuer Gedanke: Sei immer nett zu deinen Spielern. Sie könnten dir beim nächsten Casting gegenübersitzen.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

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