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Elfmeterschießen in München : Ängstliche, Unwillige, Müde

Torwart Cech erreicht den Ball zwar nicht, irritiert Schweinsteiger aber so, dass er nur den Pfosten trifft Bild: dpa

Glücksspiel ist die Befragung des Zufalls, Elfmeterschießen die Befragung menschlicher Schwäche unter Stress. Als Torwart Neuer trifft, ist alles gut - aber nicht lange. FAZ.NET zeichnet die bizarre Dramaturgie nach.

          Thomas Müller redete auf Anatoli Timoschtschuk ein wie auf ein krankes Pferd. Es half nichts, er scheute. Auch andere Spieler des FC Bayern verweigerten. „Sie wollten nicht schießen, weil sie Zweifel hatten“, wie Trainer Jupp Heynckes erzählte. Er verstand sie, die Angst des Schützen vor dem Elfmeter. „Sie waren erschöpft“, sagte Heynckes. Denn viel mehr habe sein Team für das Spiel getan als der Gegner.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          „Mit einigen habe ich dreimal gesprochen, aber du kannst sie nicht zwingen.“ So musste Manuel Neuer, der den ersten Elfmeter von Chelsea pariert hatte, schon beim dritten Schuss der Bayern selbst an den Punkt - während Torhüter als Schützen zumeist erst gefragt sind, wenn schon fast jeder Feldspieler angetreten und immer noch keine Entscheidung gefallen ist. Neuer traf, Bayern führte 3:1 im Elfmeterschießen, alles war gut.

          Aber nicht lang. Denn nun kamen die Unwilligen und Müden. Auch Ivica Olic wollte eigentlich nicht schießen, wie er später verriet. Aber weil Timoschtschuk und Toni Kroos nicht wollten, trat er an. Und Torwart Petr Cech, der bei jedem der fünf Münchner Elfmeter in der richtigen Ecke war und zwei der ersten drei um ein Haar gehalten hätte, brachte diesmal die Hand an den Ball. Und Chelsea glich aus.

          „Roulette“, so nennt Müller die nervenaufreibendste Übung des Fußballs. Für Heynckes ist es „ein Lotteriespiel“. Als Spieler erlebte er die erste Ziehung der Gewinnzahlen mit, als er mit Mönchengladbach 1970 das Europapokal-Debüt des Elfmeterschießens beim FC Everton verlor (trotz seines Treffers). Der FC Bayern dagegen hatte im europäischen Elfer-Lotto immer die richtigen Kreuzchen gemacht und viermal seit 1973 gewonnen - bis Samstag.

          Augenblicke für die Ewigkeit: Schweinsteiger schießt, Cech springt

          In Wirklichkeit ist es natürlich kein Roulette oder Lotto. Glücksspiel ist die Befragung des Zufalls. Elfmeterschießen ist die Befragung menschlicher Schwäche unter Stress - der Fähigkeit, eine Entscheidung zu treffen und auszuführen. Eine Entscheidung, über deren Richtigkeit aber erst die Entscheidung eines anderen entscheidet.

          Ein Glücksspiel ist das vielleicht auch, vor allem aber ein Gedanken- und Nervenspiel. Der Kopf schießt mit. In dem schien Chelsea vor dem Elfmeterschießen leicht im Vorteil, weil es mit dem Erreichen der Zugabe viel besser bedient war. Dann schwang das Pendel zurück zu den Bayern, die die Seitenwahl gewannen und vor dem eigenen Anhang antreten konnten. Dann aber war all das egal. Nach acht Elfmetern gab es keine Fehlertoleranz mehr.

          Schweinsteiger traute sich immerhin - im Gegensatz zu einigen anderen Bayern

          Und Petr Cech gewann es, das Kopfduell. Der Tscheche schien zu spüren, dass Bastian Schweinsteiger in der schwierigsten Situation seiner bisherigen Karriere, wie es Menschen unter Stress meist tun, zur Wiederholung eines bewährten Handlungsmusters tendieren würde. Es war das Muster, mit dem der Bayern-Spielmacher in Madrid im Halbfinale den entscheidenden Treffer gesetzt hatte: verschleppter Anlauf, Torwart in die rechte Ecke locken, Fuß drehen, Schussrichtung ändern.

          Cech aber ließ sich nicht locken, irritiert stoppte Schweinsteiger fast ab, verlor Schwung und Entschlossenheit, verlor Optionen und fand nur noch die eine, auf die Cech gewartet hatte. Es war wieder die rechte Ecke: Der Torwart lenkte den Ball mit den Fingerspitzen an den Pfosten. Danach traf Drogba, Bayern war besiegt - und Schweinsteiger untröstlich.

          Sein Präsident zeigte Nachsicht. „Ich habe selbst mal einen wichtigen Elfmeter verschossen“, sagte Uli Hoeneß, „und das muss man sacken lassen.“ Auch Hoeneß hatte 1976, als es im Endspiel der Europameisterschaft gegen die Tschechoslowakei ins Elfmeterschießen ging, nicht antreten wollen. Doch weil auch der große Beckenbauer sich drückte, kriegte Assistenztrainer Jupp Derwall Hoeneß mit der Drohung rum, dass sonst „der junge Dieter Müller schießen“ müsse.

          „Einsam spazierte ich auf den weißen Punkt, rings um mich Sahara“, so beschrieb es Hoeneß später. „Ich schaute dem Ball nach, sah ihn immer höher steigen. Wie eine Weltraumrakete von Cape Kennedy sauste er in Richtung Wolken.“ Damals brachte es die erste (und bisher einzige) Niederlage des Nationalteams im Elfmeterschießen - nun hat auch der FC Bayern so zum ersten Mal ein Finale verloren. Und Schweinsteiger kennt sie nun auch, die Einsamkeit der Sahara.

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