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Elfmeterforscher im Gespräch : „Optimal ist, es selbst vorher nicht zu wissen“

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Es muss nicht immer Beten sein: Statistik soll Torhütern wie Robert Wulnikowski auch helfen. Bild: REUTERS

Am Abend im DFB-Pokal könnten mal wieder Elfmeter über Wohl und Wehe entscheiden. Ignacio Palacios-Huerta hat 9000 Strafstöße analysiert - mit bemerkenswerten Ergebnissen. Der Ökonom im Gespräch über sinnlose Tricks und erfolgreiche Strategien.

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          Was kommt heraus, wenn man wissenschaftliche Spieltheorie auf das populärste Spiel anwendet? Ignacio Palacios-Huerta, Ökonom von der London School of Economics, früher Fußballer in der dritten spanischen Liga, hat es getan und 9000 Elfmeter analysiert - mit bemerkenswerten Ergebnissen.

          Was ist die beste Strategie für einen Elfmeterschützen?

          Optimal ist, unberechenbar zu sein, also dass die Daten keinen Anhaltspunkt geben, wohin man das nächste Mal schießen wird, links, rechts, in die Mitte.

          „Vielleicht hatte Wulnikowski einfach Glück”

          Woran zeigt sich, dass ein Schütze berechenbar ist?

          Der häufigste Fall ist, dass sie deutlich öfter die Ecke wechseln, als in die gleiche wie beim letzten Mal zu schießen. Andere neigen dazu, die Seite zu wiederholen, wenn sie das letzte Mal getroffen haben, und abzuwechseln, wenn sie nicht getroffen haben.

          Der deutsche Drittligatorhüter Robert Wulnikowski recherchierte auf Youtube die Elfmetergewohnheiten der gegnerischen Spieler und entschied durch zwei Paraden vor einigen Wochen ein Pokalspiel für seine Offenbacher Mannschaft.

          Vielleicht hatte Wulnikowski einfach Glück. Ich habe mehr als 9000 Elfmeter ausgewertet und kann sagen: die meisten Spieler sind nicht berechenbar.

          Was raten Sie Spielern?

          Optimal ist, es selbst vorher nicht zu wissen. Franck Ribéry sagt, er weiß es nicht, bevor er schießt. Lionel Messi entscheidet erst, wenn er auf den Ball zuläuft. Sonst kann es passieren, dass der Körper verrät, auf welche Seite man schießen wird. Andererseits hat Oliver Kahn im englischen Fernsehen die Stärke der Deutschen im Elfmeterschießen damit erklärt, dass sie von jung auf schon in der Kabine gesagt bekommen, auf welche Seite sie im Fall des Falles schießen sollen.

          Das widerspricht Ihrer These.

          Ja. Aber vielleicht ist der Nutzen größer, in der Stresssituation eines Elfmeters nicht nachdenken zu müssen, sondern sich auf die Ausführung konzentrieren zu können.

          Wird Ihre Elfmeterforschung in der Praxis genutzt?

          Ich habe zusammen mit dem Journalisten Simon Kuper eine Firma gegründet. Wir haben Chelsea und Portsmouth beraten und während der WM die Engländer und die Niederländer.

          Gegen Bezahlung?

          Die Schönheit von Elfmeterschießen ist, dass es sich um ein sehr sauberes Zufallsexperiment handelt. Wir Ökonomen würden morden, um in der Wirklichkeit solche Experimente zu finden. Bisher haben wir gratis gearbeitet, um Aufmerksamkeit zu bekommen und Erfahrungen zu sammeln. Ich bin sicher, dass es einen Markt dafür gibt. In den Vereinigten Staaten hat jedes Profiteam mehrere Statistiker unter Vertrag, die Daten sammeln und alle möglichen Auswertungen vornehmen. Im europäischen Fußball sind die Daten bisher nicht angekommen. Es kann einfach nicht sein, dass der Weltsport Nummer eins auf Dauer ohne moderne Statistik auskommt. Englische oder spanische Klubs geben mehr als eine Million Euro pro erzielten Punkt aus. Der billigste Weg zu zusätzlichen Punkten führt über die Einstellung von Statistikern.

          Was könnten Sie den Profis sagen?

          Meine Elfmeterdatenbank sagt, ob ein Schütze eine Seite bevorzugt, wie berechenbar er ist. Wenn Ronaldo beim Anlauf zögert, kickt er meistens nach rechts. Wir haben auch Daten über die Torhüter. Aber das erste, was wir sagen, ist: Wenn es zu einem Elfmeterschießen kommt, fangt an, wenn ihr könnt. Im Durchschnitt stehen die Chancen sechzig zu vierzig für die Mannschaft, die beginnt.

          Woran liegt das?

          Entscheidend ist, dass der Schütze des zweiten Teams meistens nur ausgleichen kann. Wir haben uns Runde für Runde angesehen. In jeder Runde trifft das beginnende Team durchschnittlich zwischen drei und sieben Prozent mehr. Nach fünf Runden resultiert das in zwanzig Prozent Vorteil. Wir haben auch den Einfluss der Torhüter angeschaut. Die Torhüter halten etwa gleich viel, aber die Schützen des zweiten Teams schießen öfter daneben.

          Ist das im Profifußball bekannt?

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