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Eintracht-Gegner : Die Goldmine Benfica und Guttmanns Fluch

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Die Hoffnungen der Benfica-Fans ruhen vor allem auf dem 19 Jahre alten João Félix. Bild: EPA

Der Eintracht-Gegner aus Lissabon lechzt nach einem internationalen Titel. Doch das wird vorerst nichts – glaubt man einer Legende. Es gibt aber auch noch andere Gründe dafür, dass Benfica nicht an die ganz großen Erfolge anknüpfen kann.

          1963 streifte das erste Wunderkind das Benfica-Trikot über und zog es nie wieder aus – trotz aller Begehrlichkeiten, die es bei den europäischen Spitzenvereinen geweckt hatte. Es war Eusebio. Nachdem er im Finale des Europapokals der Landesmeister brilliert und mit Benfica über das mächtige Real Madrid triumphiert hatte, bot Juventus Turin eine für die damalige Zeit schier unvorstellbare Ablösesumme in Höhe von 90.000 Contos, was damals ungefähr einer Million D-Mark entsprach. Das Angebot zeigte Wirkung, Benficas Direktorium zerstritt sich und eine Tendenz zum Verkauf wurde absehbar. „Staatschef Antonio Salazar hat mir mitgeteilt, ich könne und dürfe Portugal nicht verlassen, weil ich nationales Kulturgut sei“, sagte Eusebio nach seinem Karriereende.

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          Mit Eusebio gewann Benfica acht Meisterschaften, überflügelte den bisherigen Rekordmeister Sporting und sorgte mit fünf Finalteilnahmen im höchsten europäischen Wettbewerb für Furore. Fast 60 Jahre später ist die Welt eine andere: Portugal ist eine gefestigte Demokratie, der Fußball eine globale Industrie, und Benfica hat nie mehr einen europäischen Titel errungen. An diesem Donnerstag (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Europa League, bei RTL und DAZN) soll beim Europa-League-Viertelfinal-Hinspiel gegen Eintracht Frankfurt ein großer Schritt in diese Richtung gemacht werden. Um damit bald den Fluch des ungarischen Trainers Béla Guttmann zu brechen: „Vom heutigen Tag an wird Benfica die nächsten 100 Jahre keinen europäischen Titel mehr gewinnen“, sagte Guttmann, nachdem seine Forderung nach einer saftigen Gehaltserhöhung abgelehnt worden war. Nach dem Abgang des Ungarn hat Benfica acht europäische Finals verloren.

          Dem Übersinnlichen weniger zugeneigte Anhänger machen indes die allgemeine Entwicklung des Profi-Fußballs verantwortlich. „Finanzielle Gründe haben Benfica gezwungen, seine Talente immer früher zu verkaufen“, sagt José Gaspar Ramos, 78, ehemaliges Mitglied des Benfica-Direktoriums. Geld flog dem Verein zu – die Talente davon: zuletzt Renato Sanches (Bayern), André Gomes (jetzt Everton), João Cancelo (jetzt Juventus), Nelson Semedo (Barcelona), Ederson und Bernardo Silva (Man City). Letzterer hatte nur ein Spiel für die erste Mannschaft vorzuweisen, als Benfica ihn für knapp 16 Millionen Euro nach Monaco verkaufte.

          Zwei Jahre später wechselte er von dort für rund 50 Millionen Euro zu Manchester City. Die Vereinsführung sagt, dass die Transfererlöse zum Tilgen von Schulden und Verbindlichkeiten verwendet würden. Doch obwohl der Verein seit 2010 620 Millionen Euro an Transfererlösen erzielt hat, liegen die immer noch bei insgesamt 535 Millionen Euro. Der Fall Bernardo ließ das Benfica-Präsidium freilich umdenken. Es ersetzte Cheftrainer Jorge Jesus (2009–2015), der überwiegend auf erfahrene Spieler gesetzt hatte, durch den Jugendtrainer der Benfica-Akademie, Rui Vitória.

          „Man kann kein wettbewerbsfähiges Team in Europa haben, wenn man jede Saison mit zehn neuen Jugendspielern aufläuft“, sagt Rui Gomes da Silva, Rechtsanwalt und ehemaliger Vizedirektor von Benfica, der zu den schärfsten Kritikern des Ausverkaufs unter Präsident Luis Filipe Vieira gehört. „Benficas Geschäftsmodell nutzt in erster Linie den Beratern. Das Resultat sind dumme Transfers.“

          In diese Kategorie gehört der Verkauf von Luka Jovic, der sich beim Viertelfinalgegner in der Europa League zu einem der begehrtesten Stürmer Europas entwickelt hat und nun die Europa-Reise von Benfica jäh beenden könnte. Viele im Umfeld wollen neben den Millionen endlich auch sportlichen Erfolg aus der Benfica-Goldmine bergen. Präsident Vieira muss fast schon hoffen, dass sein von Eintracht Frankfurt ablösefrei gekommener Stürmer Haris Seferovic auch im direkten Vergleich beider Vereine so treffsicher ist wie zuletzt: 22 Tore hat er diese Saison erzielt.

          Die Hoffnungen der Fans ruhen derweil vor allem auf dem 19 Jahre alten João Félix. Im Februar 2019 kam sein Durchbruch, im Derby gegen Sporting unter den Augen des eigens angereisten Cristiano Ronaldo. Technisch brillant und abgebrüht führte er Benfica zu einem 4:2-Triumph. Ohne Zweifel war João Félix der entscheidende Faktor für die Sieben-Punkte-Aufholjagd, die Benfica in dieser Saison zurück an die Tabellenspitze brachte. Präsident Vieira stattete ihn umgehend mit einem neuen Vertrag aus und veröffentlichte publikumswirksam die festgeschriebene Ablösesumme in Höhe von 120 Millionen Euro.

          Der aktuelle Benfica-Kader weist aber noch weitere Toptalente auf, keiner älter als 21 Jahre. Der renommierte Sportanalyst Rui Miguel Tovar glaubt nicht, dass Benfica aus dem Transferteufelskreis herausfindet: „Die Spieler sind es gewohnt, auf ihren Smartphones europäische Spitzenklubs zu sehen. Ihr Ziel ist es, in Barcelona oder Turin zu spielen.“ Ihr Vorbild heißt nicht mehr Eusebio. Und heutzutage gibt es – zum Glück – auch in Portugal niemanden mehr, der allen Ernstes Fußballspieler zum nationalen Kulturerbe erklärt.

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