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Eintracht Frankfurt : Die Meisterprüfung des Adi Hütter

Will mit seiner Mannschaft ins Finale der Europa League: Eintracht-Trainer Adi Hütter Bild: dpa

Erstmals seit 1980 kann die Eintracht ein europäisches Endspiel erreichen – das ist auch ein Verdienst des Trainers. Dieser muss im Rückspiel gegen Chelsea nun aber eine bestimmte Qualität unter Beweis stellen.

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          Ein K.-o.-Spiel an der Stamford Bridge, eine weitere schwere Aufgabe in der Karriere von Adi Hütter. Der Trainer von Eintracht Frankfurt, der nach den bisherigen Leistungen seines Teams in der Fußball-Bundesliga und auf der Europa-Reise vor der großen Meisterprüfung steht, ist „wahnsinnig stolz“: „Weil man uns das nicht zugetraut hat.“ Die Eintracht im Halbfinale der Europa League gegen den großen FC Chelsea, gegen den vom russischen Milliardär Roman Abramowitsch alimentierten Klub.

          Seit Jahren spielen die Londoner regelmäßig in der Champions League. Als Tabellendritter der englischen Premier League ist Chelsea wieder qualifiziert für die Königsklasse. Ein Ziel, das auch die Eintracht verfolgt. Zwei Wege bieten sich dafür an, es Chelsea gleichzutun. Entweder schafft Hütters Mannschaft als Tabellenvierter in der Bundesliga die Qualifikation oder sie setzt sich an diesem Donnerstag im Rückspiel (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Europa League sowie bei RTL und DAZN) bei den „Blues“ durch und hätte dann die einmalige Gelegenheit, mit einem Sieg im Finale Ende Mai in Baku beim Kräftemessen der ganz Großen dabei zu sein.

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          Wie soll das gehen nach dem Desaster am vergangenen Wochenende gegen Leverkusen? Vor der Entwicklung zur desaströsen 1:6-Niederlage hatte der 49 Jahre alte Fußballlehrer seine erfolgreiche Formation verändert. Er gab seine Dreierkette auf, stellte die Abwehr komplett anders auf – und erlitt binnen 36 Minuten Schiffbruch mit einer höchst defensiven Ausrichtung. An solchen Debakeln sind schon andere Mannschaften zerbrochen. Die Eintracht aber machte sofort mobil, zumindest rhetorisch: „Es ist wie beim Boxen“, behauptet der Sportvorstand der Frankfurter, Fredi Bobic: „Es war ein Niederschlag, aber wir werden wieder aufstehen und am Donnerstag positiv in das Spiel gehen. Wir wollen die Wut in positive Energie umsetzen.“

          Das war eine Kampfansage gegen die Kraft des Zweifels, die solche Niederlagen auslösen können. Sie passt zu Adi Hütter. Er denkt offensiv, er will Grenzen überwinden und sich nicht verschanzen. Mit den Young Boys Bern, die er in der Vorsaison zum ersten Meistertitel seit 32 Jahren geführt hat, ist ihm dies ebenso gelungen wie zuvor mit RB Salzburg und in dieser Saison mit Frankfurt.

          Erstmals seit 1980 hat der Klub wieder die Chance, in ein europäisches Endspiel einzuziehen. Die Stadt fiebert mit. Die Erwartungen sind angesichts des Coups von 2018 groß. Damals schlug Frankfurt die übermächtig erscheinenden Bayern im Pokalfinale unter Trainer Kovac überraschend. Wie aber will Hütter nach einer kräftezehrenden Saison und dem Frust von Leverkusen die Lebensgeister wecken?

          Schwieriger als die Wahl der Taktik wird der Wiederaufbau sein, die Seelenmassage. „Mir hat imponiert, dass er einen guten Zugang zur Mannschaft hat“, sagt Sportvorstand Bobic, „er findet die richtigen Worte.“ Hütter weiß seine Spieler zu packen, er versteht es offenbar, die richtigen Tasten zu drücken. Er arbeite „mit Disziplin und mit klaren Regeln, denn die Spieler wollen wissen, woran sie sind“, sagt der Coach. Das ist der Rahmen, die Voraussetzung für die weit schwierigere Kunst: „Spieler müssen ehrgeizig sein und hungrig bleiben. Und meine Aufgabe ist es, diese Gier am Leben zu halten.“ Hoffnung zu schüren, peu à peu Selbstvertrauen aufzubauen oder zu stärken.

          Filip Kostic galt als gescheiterter Stürmer. Hütter gab ihm neue Aufgaben auf der linken Spielfeldseite, vertraute ihm. Kostic entwickelte sich zu einem der Aufsteiger der Mannschaft. Der Serbe läuft und läuft – und steht mit seinen konstant guten Leistungen stellvertretend für den Qualitätssprung der Eintracht seit dem vergangenen Frühherbst. Nach einem schwierigen Beginn wuchs die Frankfurter Multi-Kulti-Truppe zusammen und strahlt heute ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl aus.

          Die Qualität dieser Harmonie wird sich nach dem Absturz in Leverkusen am Donnerstagabend zeigen. Hilfe kommt aber auch mehr oder weniger von außen. Der kroatische Stürmer Ante Rebic kehrt ins Team zurück. Auch dessen Sturmpartner Sébastien Haller, mit 19 Toren und 13 Vorlagen der erfolgreichste Angreifer der Eintracht, hat die Reise nach London mitgemacht und steht bereit. Frankfurt kann also wieder aus dem Vollen schöpfen. Das wird auch nötig sein.

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