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Makoto, der Libero : Der Kopf der Eintracht

„Müdigkeit kommt vom Kopf“, sagt Hasebe zu seiner Widerstandsfähigkeit, „das hat etwas mit Mentalität zu tun.“ Bild: EPA

Die Frankfurter Eintracht geht geschwächt in das Halbfinal-Duell mit dem FC Chelsea – umso mehr kommt es auf Kapitän Makoto Hasebe als unverwüstlichen Stabilisator an.

          Bevor Armin Veh die Lust an der Zusammenarbeit mit der Eintracht verlor und sein erstes Engagement bei den Frankfurtern von sich aus beendete, half er noch mit, einen Transfer einzufädeln, für den sie ihm bis heute dankbar sind. Der Fußballtrainer lotste Makoto Hasebe vom 1. FC Nürnberg an den Main. Veh kannte den Japaner aus gemeinsamen Tagen beim VfL Wolfsburg, nannte ihn einen „richtig Guten“ und sprach von einem Wechsel, „an dem die Eintracht noch viel Freude haben wird“.

          Das prophezeite er im Frühling 2014 – und besaß damit den richtigen Weitblick. Um dem Profi die Vertragsunterschrift bei den Hessen schmackhaft zu machen, erzählte Veh unter anderem von einem spektakulären Frankfurter Feierabend in Bordeaux: 12.000 Anhänger, die am 28. November 2013 die Eintracht zum 1:0-Sieg bei der Auswärtspartie in Südfrankreich begleitet hatten, bildeten die größte Fanbewegung, die es bis dahin in der Historie der Gruppenphase der Europa League gab.

          Inzwischen hat Vehs alter Arbeitgeber unter der Regie seiner Nachfolger und mit Hasebes Hilfe ganz andere Bestmarken aufgestellt. Sechs Siege in der Europa-League-Gruppenphase gelangen zuvor keinem Bundesligaverein, dazu wurden sie beim 1:0-Achtelfinalerfolg in Mailand von rund 20.000 Anhänger unterstützt, ebenfalls ein Rekord.

          Veh, der seinen freiwilligen Abgang später bereute, für ein glückloses Intermezzo in der Spielzeit 2015/16 zurückkehrte und mittlerweile als Sportgeschäftsführer beim 1. FC Köln in der Verantwortung steht, ist nach wie vor regelmäßig Gast in der Frankfurter Arena. Das Publikum der Eintracht hat in dieser Saison schon einige Fußball-Sternstunden erlebt. An diesem Donnerstag soll im Halbfinale der Europa League die nächste folgen. Im Hinspiel gegen den FC Chelsea gilt es, sich eine gute Ausgangsposition zu schaffen, um für das zweite Duell in einer Woche gewappnet zu sein und das Endspiel in Baku am 29. Mai erreichen zu können. Für den Klub wäre es die Krönung eines märchenhaft anmutenden Höhenflugs, der einsetzte, nachdem Veh im März vor drei Jahren entlassen wurde. Auf Hasebe, den abgeklärten Abwehrorganisator, kommt es beim Showdown gegen die favorisierten Londoner einmal mehr besonders an.

          Seinen Anteil am Erfolg schätzt er bescheiden ein: „Ich muss nur als Abräumer aufpassen und ein bisschen was für den Spielaufbau tun. Das ist nicht so schwierig.“

          Ausgerechnet nun, da es darum geht, sich für den betriebenen Aufwand der vergangenen Monate mit einem denkwürdigen Triumph belohnen zu können, ist das Team von Adi Hütter nicht im Vollbesitz seiner Kräfte. Im Angriff fehlen den Frankfurtern zwei Protagonisten, die für viele gegnerische Abwehrlinien zuletzt kaum dauerhaft zu kontrollieren waren. Sebastien Haller ist weiterhin verletzt (Bauchmuskelbeschwerden), Ante Rebic Gelb-gesperrt. Hütter sagte, es komme darauf an, gegen Chelsea von Anfang an so aufzutreten, dass kein Zweifel daran besteht, dass die Eintracht gewillt ist, ihre Außenseiterchance zu nutzen. Der Österreicher sprach von „der Balance, die stimmen muss“. Soll heißen, dass bei allem Bemühen, Treffer vorzulegen, die Defensive nicht vernachlässigt werden dürfe.

          „Müdigkeit kommt vom Kopf“

          Dass Hasebe in der Lage ist, als Frankfurter Verteidigungsminister durch cleveres Stellungsspiel und hohe Antrittsschnelligkeit brenzlige Situationen zu entschärfen, macht ihn so wertvoll für Hütter. „Ich bin sehr glücklich, solche Spieler zu haben“, sagte der Coach. Hasebe absolvierte sämtliche Partien seit der Winterpause von der ersten bis zur letzten Minute. Während bei manchem Nebenmann der Verschleiß nach mittlerweile 44 Saisonspielen unverkennbar ist, geht der 35-Jährige mit einer Hingabe zur Sache, als ob er in einen Jungbrunnen gefallen sei. „Müdigkeit kommt vom Kopf“, sagte er zu seiner Widerstandsfähigkeit, „das hat etwas mit Mentalität zu tun.“

          Nach dem Gewinn des DFB-Pokals und den Erfolgen in der Europa League hat Hasebe längst nicht ausgeträumt: „Mein Ziel ist es, noch einmal in der Champions League zu spielen.“

          Selbst von einem Nasenbeinbruch ließ sich der Familienvater, der sich in seiner Freizeit als Unicef-Botschafter für Kinder in Not einsetzt, kürzlich nicht bremsen. Zu seiner Leistungsentwicklung trug bei, dass Niko Kovac die Idee besaß, ihn aus dem defensiven Mittelfeld auf den Posten zwischen beiden Innenverteidigern zurückzuziehen – als Libero kommt ihm sein gutes Auge gelegen, und er kann harten Zweikämpfen eher aus dem Weg gehen. Hütter hielt nach anfänglichem Zögern an dieser Strategie fest. Darüber hinaus trat Hasebe im vergangenen Sommer nach der WM in Russland aus der japanischen Nationalelf zurück und ist seitdem nicht mehr dem zusätzlichen Stress ausgesetzt, für Länderspiele um den Erdball jetten zu müssen.

          Seine Power habe viel „mit Erfahrung“ und seinem Lebenswandel zu tun, meint Hasebe, der vor zehn Jahren mit Wolfsburg Meister wurde: „Ich gebe alles für Fußball.“ Er achtet unter anderem auf erstklassige Ernährung („Reis, Nudeln, Gemüse, Fleisch“), absolviert fitnessfördernde Zusatzschichten und legt Wert darauf, dass Zeit genug bleibt, um Beine und Seele baumeln zu lassen, gerne bei einem heißen Vollbad daheim in der Wanne. Zudem müsse er den „Mitspielern danken“, die es ihm leichtmachten: „Ich muss nur als Abräumer aufpassen und ein bisschen was für den Spielaufbau tun. Das ist nicht so schwierig.“

          Wohin das führen soll, sprach er bei der Eintracht früher und deutlicher als viele andere aus. „Mein Ziel ist es, noch einmal in der Champions League zu spielen.“ Durch einen Sieg im Duell mit dem FC Chelsea würde diese verlockende Phantasie, von der sie in Frankfurt vor der Saison nicht zu träumen wagten, ein weiteres Stück realistischer.

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