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Eintracht-Trainer tritt zurück : „Unglaubliche Unterstellungen“

  • -Aktualisiert am

Abgang vorbereitet: Thomas Schaaf Bild: dpa

Anonyme Attacken und fehlende Rückendeckung vertreiben den Trainer des Fußball-Bundesligaklubs Eintracht Frankfurt nach nur einem Jahr aus der Stadt.

          3 Min.

          Ob das wohl passt? Als Thomas Schaaf im vergangenen Sommer nach 41 Fußball-Jahren bei Werder Bremen seine neue Arbeitsstelle antrat, fragten sich viele, ob die Frankfurter Eintracht der richtige Verein für ihn wäre. Ob ein knorriger Mann aus dem Norden zur launischen Diva vom Main passt.

          Peter Heß
          (peh.), Sport

          Nach einem Jahr haben die Skeptiker recht bekommen: An diesem Dienstag floh Thomas Schaaf aus Frankfurt. Zuvor war sein Zweijahresvertrag nach der Hälfte der Dauer auf eigenen Wunsch aufgelöst worden, womit sämtliche gegenseitigen Forderungen erloschen sind. In einer schriftlichen Erklärung nannte Schaaf die Gründe: „Die in der Öffentlichkeit getätigten Aussagen und die Darstellung meiner Person und meiner Arbeit, die sich in unglaublichen und nicht nachvollziehbaren Anschuldigungen und Unterstellungen in den Medien äußern, kann und will ich nicht akzeptieren. Deshalb ist es zu der Trennung gekommen.“

          Was ist geschehen? Schaaf war in verschiedenen Medien angegriffen worden. Er werde zum Problem, weil seine Beziehung zur Mannschaft gestört sei, weil er kommunikative Schwächen habe und taktische Fehler begehe. Diese Vorwürfe wurden von Spielern und Vereinsfunktionären lanciert, die sich allerdings nicht beim Namen nennen ließen. Heribert Bruchhagen war es ein Jahr vor seinem Ausscheiden als Vorstandsvorsitzendem nicht mehr gelungen, die eigenen Reihen dicht zu halten.

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          Hintergrund war eine Misserfolgsserie in Auswärtsspielen, die den Traum von der Europa League platzen und eine latente Abstiegsgefahr aufkommen ließ. Nach einem Schlussspurt mit sieben Punkten aus drei Spielen beendete Frankfurt die Saison allerdings Platz neun (43 Punkte), ihrem zweitbesten Ergebnis nach der Jahrtausendwende.
          Mehr als 50.000 Fans feierten die Eintracht nach dem 2:1 über Bayer Leverkusen am letzten Spieltag und ehrten Alex Meier, der Torschützenkönig der Liga wurde. Die Kritik an Schaaf war am Samstag in Vergessenheit geraten.

          Sieht seine Zukunft nicht in Frankfurt: Thomas Schaaf
          Sieht seine Zukunft nicht in Frankfurt: Thomas Schaaf : Bild: AFP

          Nicht allerdings beim Trainer. Er hatte nie verwunden, nach den Attacken zunächst keine Rückendeckung aus dem Verein erhalten zu haben. Der Vorstandsvorsitzende weilte im Urlaub und Mannschaftskapitän Kevin Trapp schaffte es, in einer offiziellen Ansprache den Namen des Trainers nicht einmal zu erwähnen, als die ganze Eintracht-Welt darauf wartete, dass er Schaaf das Vertrauen ausspreche. Dies zeigte, dass die Anwürfe gegen Schaaf nicht ganz aus der Luft gegriffen waren.

          Mit einer Verzögerung von einer Woche trudelten dann nach und nach von den verschiedenen Protagonisten des Vereins die Bekenntnisse zum Trainer ein. Aber da hatte sich Schaaf schon zum Abschied entschlossen. „Er hatte immer mal wieder eine Andeutung gemacht. Aber jedes Mal, nachdem wir konstruktiv darüber gesprochen haben, war das vorbei“, sagte Sportdirektor Bruno Hübner am Dienstag. „Ich war völlig überrascht, als er am Pfingstsonntag seinen Wunsch so konsequent vortrug.“ Die Überredungsversuche dauerten gut 24 Stunden, dann entsprach die Eintracht dem Wunsch des Trainers.

          Schaaf hatte bis dahin immer wieder betont, dass er sich in Frankfurt wohlfühle und wie er die Aufgabe schätze. Er musste eine neue Mannschaft aufbauen, nachdem mehrere langjährige Stammspieler den Klub verlassen hatten. Dennoch war ein gewisses Fremdeln festzustellen gewesen, auch mit einigen Spielern. Torschützenkönig Alex Meier hatte zunächst seinen Stammplatz nicht sicher, auch Stefan Aigner, einer der besten Frankfurter der vergangenen und dieser Saison, war bei Schaaf zunächst nicht gesetzt. Die Mannschaft hatte Schwierigkeiten, die neuen Anforderungen des neuen Trainers umzusetzen. Dennoch sagte Alex Meier einmal in einem Interview voller Lakonie: „Was hat sich geändert? Wir machen jetzt Trainingslager auf Norderney, sonst nichts.“

          Interessante Vereine gibt es genug

          Andererseits war die Beziehung zur Mannschaft gut genug, um es ihr zu ermöglichen, sieben Punkte mehr zu holen als unter Schaafs Vorgänger Armin Veh, der viel beliebter war. Schaaf hatte übrigens seine Mannschaft auch nach den schwächsten Saisonleistungen und den größten Rückschlägen immer verteidigt.
          Sein Rücktritt in Frankfurt wird ihm nicht schaden. Der Selbsteinschätzung in seiner Abschluss-Erklärung kann niemand widersprechen: „Wir haben die uns gestellten Aufgaben erfüllt und mehr.“

          Der 54 Jahre alte Fußball-Lehrer, der in 14 Jahren als Cheftrainer bei Werder genauso viele Titel gewann wie die Eintracht in ihrer Vereinsgeschichte, geht nach einem Jahr in Frankfurt nicht als Verlierer. Auf dem deutschen Trainermarkt sind ein paar interessante Posten frei – Schalke fragte schon einmal bei ihm an und auch Hannover 96 würde zu ihm passen. Dort gibt es nur einen starken Mann, Martin Kind, und kein Umfeld, das in die Öffentlichkeit drängt. Bei der Eintracht hat die Trainersuche am Dienstag begonnen. „Es gibt in meinem Kopf noch keine Namen, sie können mir gerne Vorschläge machen“, sagte Sportdirektor Hübner. Der neue Mann müsse die Eintracht kennen und sich mit dem Kader identifizieren. „Denn wir werden nicht sehr viele neue Spieler holen.“

          Ein Kandidat könnte Sascha Lewandowski sein, der langjährige Jugend- und Cheftrainer von Leverkusen. Auch Roberto di Matteo war bei der Eintracht schon mal im Gespräch – vergangenen Sommer, bevor Schaaf kam und er später zu Schalke ging.

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