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Eintracht in Europa League : Glasners Versuch und Irrtum

Braucht einen neuen Plan: Oliver Glasner Bild: dpa

Der Eintracht-Trainer und seine Mannschaft stehen auch in der Europa League früh unter Druck. Die Abwehr muss neu formiert werden – aber wie?

          3 Min.

          Oliver Glasner wird sich umorientieren müssen. Eigentlich, so hatte es der Trainer der Eintracht vorgehabt, wollte er die Herbstwochen nutzen, um seinem Team, das erst langsam im Laufe des Sommers Gestalt angenommen hat, ein Gesicht zu geben und Abläufe zu vertiefen, die nach dem Saisonstart nur holprig funktionierten. Sowohl in der Abwehr als auch in der Offensive. „Wir reden über Automatismen, also müssen wir auch mal in der gleichen Formation spielen“, lautete sein Devise.

          Europa League
          Marc Heinrich
          Sportredakteur.

          Doch im Spiel gegen den 1. FC Köln wurde nicht nur der sehnlich erwartete erste Sieg unter Glasner aufs Neue verpasst, sondern bekam auch das Mannschafts-Lazarett Zuwachs: Mit Erik Durm (Gehirnerschütterung) und Evan Ndicka (Bänderdehnung im Knie) fehlen bis auf weiteres zwei Profis, die zuletzt zum Stamm der Verteidigungskette zählten. So bleibt dem Coach keine andere Wahl, als für das Auswärtsspiel an diesem Donnerstag beim FC Royal Antwerpen (18.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Europa League sowie bei TVNOW) einen neuen Plan zu entwerfen.

          Erfolg zwingend notwendig

          Die Aufgabe wird bei weitem nicht so einfach zu bewältigen sein, wie die Verantwortlichen der Hessen zunächst hinter vorgehaltener Hand hochrechneten, als unlängst die Gruppen in der Europa League ausgelost wurden. Bei den Belgiern, dieses Bild bekam Glasner inzwischen von den Eintracht-Scouts vermittelt, handelt es sich um einen Herausforderer, der nicht auf die leichte Schulter zu nehmen ist.

          „Royal Antwerpen ist kein vermeintlich leichter Gegner. Der belgische Klubfußball präsentiert sich in Europa sehr gut. Das hat Brügge in der Champions League Leipzig gezeigt, und auch mit Wolfsburg habe ich es damals erlebt mit nur einem Punkt aus zwei Spielen gegen Gent“, meinte deshalb nun auch Glasner. Um nach dem 1:1 gegen Fenerbahce Istanbul nicht früh weiter an Boden in der Gruppe D zu verlieren, ist ein (Teil-)Erfolg für die Frankfurter nun beinahe schon zwingend notwendig.

          Bei der Frage, ob er dafür und in Anbetracht der Tatsache, dass es in allen acht Anläufen unter seiner Regie noch kein Happy End gab, an eine Veränderung des Systems oder der Zusammenstellung der Mannschaft denkt, ließ der Österreicher Flexibilität erkennen. Er sei keineswegs starr auf die Strategie mit der Viererkette festgelegt, sagte Glasner, dessen personaltaktischen Versuche sich in seinen ersten knapp 100 Tagen mitunter als Irrtum erwiesen. Er fügte an, dass es „gut“ sein könne, „dass wir auch mal umswitchen“.

          Rückkehr zur Dreierkette

          Eine Option ist die Rückkehr zur Dreierkette. In dieser Formation bestritten die Frankfurter weite Teile der vergangenen Runde, in der sie bis in Champions-League-Sphären vorstießen, ehe ihnen die Höhenluft zu dünn wurde. Da auch Christopher Lenz wegen eines Faserrisses nicht zur Verfügung steht und Timothy Chandler nach seiner Platzwunde am Kopf nicht im Vollbesitz seiner Kräfte sein kann, zumal wenn es in der Luft zur Sache geht, ist es mehr als eine theoretische Überlegung wert, mit einem Trio die letzte Reihe vor dem gegenwärtig nicht sonderlich souverän agierenden Torwart Kevin Trapp zu bilden.

          Das hätte den Vorteil, dass auch Makoto Hasebe wieder eingebunden werden könnte, für den es erst selten Verwendung gab, der aber mit seiner Ballsicherheit einiges dazu beitragen würde, das eigene Terrain zu behaupten. Er wäre auf der Mittelposition als Libero zwischen Martin Hinteregger und einem weiteren in den Abschlusstrainings noch zu ermittelnden Innenverteidiger am vernünftigsten aufgehoben. Für den Platz als Nebenmann Hintereggers bieten sich als Erstes sein österreichischer Landsmann Stefan Ilsanker an. Er kam am Samstag gegen die Rheinländer immerhin als Einwechselspieler zu einem Kurzzeit-Einsatz.

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          Mehr Mut, von dem fraglich ist, ob ihn Glasner in der aktuellen Lage aufbringt, wäre notwendig, um Tuta zu nominieren. Der Brasilianer ist – nach einer schwachen Leistung beim Pokal-Aus in Mannheim (0:2) – ins Hintertreffen geraten. In der Bundesliga stehen für ihn nach sechs Partien null Einsatzminuten zu Buche, nachdem er im Frühjahr noch als Entdeckung galt, der mit juveniler Frische in die großen Fußstapfen trat, die David Abraham hinterlassen hatte. Glasner sagte nach dem Fehlschlag in Mannheim, dass er Tuta „nicht fallen“ lassen werde. Gegen Dortmund (2:5), Augsburg (0:0) und Bielefeld (1:1) saß er noch auf der Ersatzbank, gegen Stuttgart, Wolfsburg und Köln (jeweils 1:1) stand er dann gar nicht mehr im Spieltags-Kader.

          Tuta, der mit einer Größe von 1,85 Meter in besseren Tagen auch bei der Eintracht eine verlässliche Größe bei Standardsituationen darstellte, brächte wie Daichi Kamada einen Vorteil mit, den er der etablierten Mehrheit der Kollegen voraus hat: Er weiß, was im Bosuilstadion auf die Mannschaft wartet. In der Saison 19/20 wurde der heute 22-Jährige an den KV Kortrijk ausgeliehen. Er brachte es auf 17 Matches für den Verein aus der Region Westflandern. Seine Bilanz gegen Royal Antwerpen: eine knappe Niederlage (0:1) und ein schmuckloser Sieg (3:1).

          Die Eintracht hätte nichts dagegen, wenn für sie – in Summe – in diesem internationalen Duell mehr rausspringen würde. Sie braucht fast schon zwingend vor der nächsten Länderspielpause das ausstehende Glückserlebnis. Sonst droht die Gefahr, das Ausgangs- und Stimmungslage sich weiter verschlechtern. „Ein Sieg würde immer guttun, in der Tabelle der Europa League und hinsichtlich unserer Gesamtsituation. Wir werden alles reinwerfen, um hier als Sieger vom Platz zu gehen“, meinte Glasner deshalb.

          An diesem Sonntag geht es in München weiter. Und es bedarf aktuell einer Menge Phantasie, um sich vorzustellen, dass sich ausgerechnet das bayerische Pflaster als Frankfurter Mutmacher zum Start ins vierte Quartal des Jahres eignen könnte.

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