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Frankfurt feiert in Berlin : „Dieses Spiel kostet mich zwei Jahre meines Lebens“

Der zwölfte Mann der Frankfurter ist auf der Tribüne – in tausendfacher Ausfertigung. Bild: dpa

Dreißig Jahre nach dem letzten DFB-Pokalsieg holt die Eintracht wieder einen Titel. Die Fans können es kaum fassen. Dass es mit der Sensation gegen die Bayern klappt, liegt auch an ihrer Unterstützung.

          Als Mijat Gacinovic den Sprint seines Lebens hinlegt, gibt es kein Halten mehr. Es läuft die Nachspielzeit im DFB-Pokalfinale zwischen Bayern München und Eintracht Frankfurt. In der Ostkurve, wo die Fans des Frankfurter Fußballklubs ganz in weiß vereint sind, ist der Moment gekommen, auf den viele gehofft, von dem alle geträumt, den aber die wenigsten wirklich erwartet haben. Für eine Sekunde halten alle den Atem an, die Augen weit aufgerissen. „Schieß“, hallt es wie mit einer Stimme aus der Kurve. Dann spielt der serbische Spieler in Diensten der Eintracht den Ball ins vom Bayern-Keeper verlassene Tor zum 3:1 und läuft direkt durch, am Tor vorbei, über die Bande, zur Fankurve.

          DFB-Pokal
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          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es ist jener eine Moment, den hier keiner vergessen wird, den jeder an diesem Abend noch x-Mal nacherzählen wird, weil sich in dieser Sekunde all das entlädt, was sich dreißig Jahre lang in der Seele der Eintracht-Fans aufgestaut hat: all die Hoffnungen auf einen Titel; die vier Abstiege und Aufstiege; die Relegation gegen Nürnberg vor zwei Jahren; das Drama von Rostock mit der sicher geglaubten, aber am Ende so unglücklich verpassten Meisterschaft im Mai 1992; das verlorene Pokalfinale im vergangenen Jahr; der an den letzten Spieltagen der abgelaufenen Bundesliga-Saison vermeintlich verschenkte Einzug in den europäischen Wettbewerb.

          Wie groß die Sehnsucht im leidenschaftlichen, aber so oft geschundenen Eintracht-Herz ist, endlich mal als letzter jubeln und nicht den Anderen gratulieren zu müssen, drückt sich in diesem Moment in purer Körperlichkeit aus. Als der Treffer zum 3:1-Sieg der Eintracht fällt, rasten die Fans völlig aus. Erwachsene Männer hüpfen wie kleine Kinder fassungslos umher, Bierduschen ergießen sich aus dem Obergeschoss über der Menge, wildfremde Menschen fallen sich in die Arme. Ein Mann dreht dem Spielfeld den Rücken zu und schlägt sich fassungslos die Hände vor das Gesicht, viele weinen hemmungslos. Ein Mann Anfang Sechzig vom Fanclub „Nieder Bube“ trägt, passend zum weißen Shirt, das hier alle übergestreift haben, einen weißen Hut. „Dieses Spiel kostet mich zwei Jahre meines Lebens“, murmelt er, „aber das ist es mir wert“.

          Die Anhängerschaft der Frankfurter Eintracht gilt in der Bundesliga als eine der besten, stimmungsvollsten Fangruppen, weil sie straff organisiert und kreativ ist. Das zeigt sich auch in Berlin. Schon im vergangenen Jahr hatte die Ostkurve, die sonst im Waldstadion in der Nordwestkurve ihr Zuhause hat, eine großartige Choreographie gezeigt und trotz der Niederlage das Wochenende in Berlin zu einem unvergessenen Erlebnis gemacht. Selbst die Dortmunder Fans hatten den gegnerischen Anhängern damals Respekt gezollt für ihr Auftreten im weiten Rund des ehrwürdigen Olympiastadions. Auch in diesem Jahr geben die rund 30.000 Frankfurter, die sich auf den Weg in die Hauptstadt gemacht haben, dort ein beeindruckendes Bild ab.

          Ein goldener Abend für Eintracht Frankfurt. Bilderstrecke

          Schon am Freitag sind die Straßen in Berlin voll mit jenen, die auf einen Sieg der Mannschaft von Trainer Niko Kovac hoffen. Im ICE, auf der Autobahn, am Hauptbahnhof, am Brandenburger Tor, am Potsdamer Platz und am Alex, später in den Kneipen in Friedrichshain oder am Prenzlauer Berg: Gefühlt ist die Stadt schon am Vorabend fest in der Hand der Eintracht. Am Samstag fühlt sich diese optische Dominanz noch stärker an: Während der Alexanderplatz, wo der FC Bayern sein offizielles Fanfest feiert, am Samstagmittag noch fast leer ist, ist es am Breitscheidplatz rund um die Gedächtniskirche schon so voll, dass an jedem freien Tisch, in jeder Bar und an jedem Kiosk im Umkreis von einem halben Kilometer die Eintracht-Fans das Bild bestimmen.

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