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Frankfurt feiert in Berlin : „Dieses Spiel kostet mich zwei Jahre meines Lebens“

Es wirkt wie ein einziger großer Triumphzug. Und obwohl alle hier wissen, dass der Gegner Bayern München heißt und zu den besten Vereinsmannschaften der Welt gehört, wächst mit jeder Minute, die das Finale näher rückt, die Zuversicht. Die Fans erwarten von ihrer Mannschaft, das Spiel gegen den Rekordmeister aus dem Süden nicht schon vor dem Anpfiff aufzugeben. Also tun sie es auch nicht. „Wir gewinnen 3:0“, sagt Niko. Sein Kumpel Thomas wird von einem TV-Sender aufgefordert, seinen Namen, Alter und einen Tipp fürs Spiel zu nennen. „Ich bin Thomas, 33, und wir gewinnen 3:1.“ Die beiden sind mit sechs Freunden am Freitag mit der Bahn nach Berlin gekommen und wohnen in einem Hostel nahe des Ostbahnhofs. Am Freitag, kurz hinter Errfurt, als auf der Hinreise die ersten als „Adlerschoppen“ verkauften Ebbelwei in Dosen leer im Mülleimer landen, haben die acht Jungs jeweils einen Zehn-Euro-Schein auf den Tisch im Großraumabteil gelegt, Nico hat die achtzig Euro bei einem Wettanbieter auf einen Sieg der Eintracht gesetzt. Die Quote lautet 12,50 zu eins, das heißt: Ein Sieg der Frankfurter würde der Reisegruppe aus der Mainmetropole nicht nur ein unvergessenes Wochenende bescheren, sondern auch eine mit 1000 Euro gefüllte Reisekasse.

Es ist ein herrlicher Tag in Berlin, die Sonne scheint, die Menschen suchen schattige Plätze und greifen zwischen dem Bier auch mal zu einer Spezi. „Ich will das Spiel heute Abend noch erleben“, sagt David. In der Stadt und vor dem Stadion ist die Atmosphäre friedlich. Die Einlasskontrollen vor der Arena hingegen sind eine Katastrophe: Vor den Drehkreuzen bildet sich eine Stunde vor Spielbeginn eine riesige Traube an Menschen, die jetzt schnell rein wollen, leicht angetrunken sind und nun in der Hitze drängeln müssen, um durch eine Absperrung zu kommen, die hier allen sinnlos erscheint – zumal die eigentlichen Personenkontrollen ihren Namen kaum verdient haben. Es ist eine gefährliche Stimmung, und nicht nur einmal droht der Langmut in Wut und das ruhige Anstehen in eine Massenpanik umzuschlagen.

Drinnen ist alles für den großen Tag vorbereitet. An jedem Platz in der Ostkurve liegt ein weißes T-Shirt mit der Rückennummer 12. Die Fans wollen damit etwas signalisieren, das vielleicht an diesem Tag den Ausschlag zugunsten der Eintracht gibt: Liebe Münchner, wir sind im Spiel elf gegen elf einer mehr als ihr. Tausende Fahnen liegen in den Gängen aus, Papierschnipsel in Pappschachteln unter den Sitzen. Kurz vor dem Anpfiff spricht das von den Fans ausgerollte Banner nochmal das aus, was die Fans heute von der Kurve auf ihr Team auf dem Platz übertragen wollen: Das Bild von Eintracht-Legende Karl-Heinz „Charly“ Körbel mit dem Pokal aus dem Jahr 1988 ist der Inbegriff der Sehnsucht auf einen Titel.

Vom Anpfiff an ist die Kurve das ganze Spiel über aktiv. Schade zwar, dass ein geschmackloses Banner („Heynckes lebt – Stand jetzt“) das ansonsten positive Auftreten trübt und zudem einzelne Unverbesserliche doch wieder Rauchbomben und Pyrotechnik zünden müssen. David, der bei der Zahlung seiner Eintrittskarte auch Geld für die Choreo gespendet hat, ärgert sich über das Plakat und all jene, die sich eine Kapuze über den Kopf ziehen und vermummt andere Menschen mit Fackeln in Gefahr bringen. „Dafür habe ich nicht gespendet.“ Doch das sind Ausnahmen. Die große Masse feiert im Stadion ein friedliches Fest. Dass die Eintracht durch Stürmer Ante Rebic 1:0 in Führung geht gegen den haushohen Favoriten, ist schon mehr, als sich die meisten erhofft hatten. „Es wäre schön, wenn wir nicht schnell 2:0 hinten liegen“, hatte Bastian am Samstagmorgen beim Frühstück gesagt. Als die Bayern in der zweiten Hälfte durch ein Tor von Robert Lewandowski ausgleichen, sorgt im Fanblock nur kurz für Missmut. „Kämpfen, Eintracht, Eintracht.“ Aufgeben gilt nicht.

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