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Eintracht Braunschweig : Im Zweifel gegen den Trend

  • -Aktualisiert am

Beweist Sachverstand: Braunschweigs Coach Torsten Lieberknecht Bild: dpa

Rollkoffer sind verpönt, ebenso der Begriff „Konzepttrainer“: Torsten Lieberknecht führt Eintracht Braunschweig mit Gespür für Spieler und taktischem Verständnis nach oben.

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          Seine Rahmendaten stimmen. Torsten Lieberknecht ist erst 39 Jahre alt und hat seiner Karriere als solider Berufsfußballer früh eine Trainerlaufbahn folgen lassen. Er mag das Tüfteln sowie Variieren mit modernen Spielsystemen und fördert am liebsten junge, unbekümmerte Profis. Also passt er perfekt in diese Schublade. Mit den sogenannten Konzepttrainern, die Tuchel, Klopp oder Slomka heißen. Lieberknecht kennt dieses Spielchen und nennt es den Kampf der Begrifflichkeiten.

          „Jeder Trainer hat seine Strategie. Ich finde den Begriff Konzepttrainer den älteren Kollegen gegenüber despektierlich. Wichtig ist, welches Leitbild der Verein hat und wie der Trainer es mit Leben füllt“, sagt jener Mann, unter dessen Regie Eintracht Braunschweig das Image von der Skandalnudel des deutschen Profifußballs abgelegt hat. Derzeit sind die Niedersachsen Tabellenführer der Zweiten Bundesliga und an diesem Samstag treten sie bei Dynamo Dresden an (13 Uhr / Live im FAZ.NET-Ticker), um ihre Spitzenposition zu festigen. Trainer und Verein gelingt damit eine Karriere der kleinen Schritte, die deutlich mehr Konzept und Können als Zufälle und Launen des bezahlten Sports vermuten lässt.

          Ein Gespür für Spieler: Lieberknecht sieht sich dennoch nicht als Konzepttrainer

          Wer wissen möchte, was da eigentlich in Braunschweig voller Eintracht geschieht, kann einfach hingehen und nachsehen. Das marode Stadion eines Vereins, der 1967 immerhin deutscher Meister war, aber den dafür erworbenen Lorbeer danach anstauben bis verwelken ließ, wird gerade für rund 16,5 Millionen Euro in eine moderne Arena verwandelt. Spontane Besucher finden ungehindert ihren Weg zum Trainingsplatz und können miterleben, was dieser Herr Lieberknecht da eigentlich so anstellt. „Man muss einem Trainer langfristig Zeit geben. Torsten will nicht nur sportlichen Erfolg. Er will etwas formen und schaffen. Seine Handschrift ist zu sehen“, sagt Eintracht-Kapitän Dennis Kruppke, wenn er vom lockeren Miteinander zwischen Team und Trainer erzählt.

          Der Stürmer führt eine durchschnittlich besetzte Mannschaft an, die erstklassig funktioniert und der in der zweiten Saison nach dem Aufstieg in die zweite Liga schon wieder Großes zugetraut wird. Die Vernunft sagt ihrem Trainer, dass man über die erste Liga besser noch nicht sprechen sollte. Aber der gesunde Ehrgeiz gibt Lieberknecht dann eben doch vor, dass ein weiterer Aufstieg sein langfristiges Ziel sein muss.

          Was auf den ersten Blick harmlos aussieht und wie ein Ensemble der Untertreibung daherkommt, hat beste Aufsichten auf noch mehr Erfolg. Ein Traditionsverein, der vor fünf Jahren am Rande der Insolvenz stand und sich über die Qualifikation zur dritten Liga freuen musste, hat aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. „Und wir haben es geschafft, die Euphorie des Aufstiegs am Leben zu erhalten“, findet Marc Arnold, der Sportliche Leiter an der Seite des Trainers. Seit fünf Jahren arbeiten sie in Braunschweig mit einem jungen Führungsteam und einer eingespielten, nur behutsam veränderten Mannschaft, die Lieberknecht gerne und mit Spaß folgt. Der frühere Nachwuchstrainer der Eintracht durfte 2008 in großer Not die Nachfolge des gescheiterten Benno Möhlmann antreten. „Ich habe da nicht viel nachgedacht, sondern einfach gemacht. Ich wollte dem Verein helfen. Der Bauch hat gesagt, du kannst das anpacken“, erzählt Lieberknecht über seinen kuriosen Aufstieg.

          „Das Fachwissen zählt“

          Die Ruhe und Beschaulichkeit, die bei Eintracht Braunschweig im Schatten der benachbarten Erstligavereine aus Hannover und Wolfsburg eingekehrt ist, tut allen Beteiligten gut. Angesichts eines überschaubaren Etats von 15 Millionen Euro braucht sich Lieberknecht keine Gedanken über Verstärkungen zu machen, die kurzfristig Erfolg und langfristig Ärger bedeuten könnten. Sie passen ohnehin nicht in sein Beuteschema. Dem Trainer wird ein besonderes Gespür für die richtigen Menschen am richtigen Platz und deren Stimmungen nachgesagt.

          Seine Mischung aus Kumpeltyp und akribischem Arbeiter kommt bei den Spielern so gut an, weil sie allen Beteiligten eine Weiterentwicklung ermöglicht. „Das Fachwissen zählt. Ich habe als Spieler auch Trainer erlebt, die mir einfach kompletten Mist erzählt haben. Das merkt man ganz schnell. Vor allem die heutige Generation der Spieler, die in Nachwuchsleistungszentren aufgewachsen ist. Die sind wissbegierig und wissen ganz genau, ob der Trainer vor ihnen Fachkompetenz hat oder nicht“, sagt Lieberknecht.

          Eng zusammengerückt: Nicht nur die Mannschaft wirkt in Braunschweig so stabil wie seit langem nicht

          Seine Arbeit soll das Bodenständige mit dem Modernen verbinden. Deshalb hält es der gebürtige Pfälzer für elementar, über den Tellerrand hinauszublicken und sich seine Fortbildung der besonderen Art zu verordnen. Beim WM-Qualifikationsspiel der deutschen Nationalmannschaft in Hannover gegen die Färöer Anfang September hat Lieberknecht als ganz normaler Zuschauer einfach mal ganz genau aufgepasst. Auf das Spielsystem. Und auf die Menschen. Lieberknecht erinnert sich vor allem an den Moment, als die Spieler nach der Ankunft im Stadion den Mannschaftsbus verlassen haben und Thomas Müller vom FC Bayern München der Einzige gewesen sei, der freundlich „Guten Tag“ gesagt habe. Die Welt der großen Kopfhörer und der schicken Rollkoffer, ohne die der moderne Profi heute kaum noch auskommt, ist nicht die des Torsten Lieberknecht. „Du kannst als Trainer nicht jeden Trend aufhalten. Aber es gibt Trends, die ich mit Sicherheit versuche aufzuhalten“, sagt Lieberknecht und meint vor allem die schicken Trolley-Koffer, mit denen junge Berufsfußballer heute auf Dienstreise gehen.

          Offensivdrang: Domi Kumbela (im Foto rechts) und sein Team haben bereits sechzehn Tore erzielt

          In Braunschweig haben die Rollkoffer keine Chance. Weil die Wege rund um das Stadion voll mit Schotter sind. Und weil der Trainer keine Pomadigkeit mag. Die Mehrheit der Fans steht hinter seinem ehrlichen und geradlinigen Kurs. Pro Heimspiel wollen regelmäßig mehr als 20.000 Zuschauer sehen, wie der Taktik-Fuchs Lieberknecht aus minimalen Möglichkeiten das Maximale herausholt. Der Dauerkartenverkauf musste bei 12.300 abgesetzten Tickets gestoppt werden, was für einen Zweitligaverein eine beachtliche Marke ist. „Wenn du fünf Jahre hier bist, verwächst du mit der Mannschaft, dem Verein und der Stadt“, sagt Arnold, der wie Lieberknecht 2008 als Novize in Braunschweig seine Stelle angetreten hat.

          Mittlerweile ist der Verein schuldenfrei und frei von Skandälchen. Die souveräne Mannschaft gewinnt so viele Spiele, dass sich die Konkurrenz wundert. Es gab bereits Versuche, den Trainer abzuwerben. Vom 1. FC Kaiserslautern zum Beispiel, wo seine Karriere als Spieler 1992 begonnen hat. Aber Lieberknecht möchte seinen Weg in Braunschweig fortsetzen und hat seinen Vertrag bis 2015 verlängert. Er findet es nicht verwerflich, ganz bodenständig am Traum festzuhalten, Eintracht Braunschweig eines Tages zurück in die Erste Fußball-Bundesliga zu führen.

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