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Schiedsrichter : Ich, die Pfeife

  • -Aktualisiert am

Harte 90 Minuten: Ein Fußballspiel wird zur Ewigkeit für einen Schiedsrichter in Schwierigkeiten Bild: imago

Alle wissen es besser. Alle können es besser. Aber keiner pfeift das Spiel. Nur ich. Und ich habe nicht meinen besten Tag. 90 Minuten plus Nachspielzeit in der Kreisklasse, die zur Ewigkeit werden.

          Die Stimmen vor der Kabine wollen nicht verstummen. Schimpftiraden wie „Der Vollidiot war die reinste Zumutung“ sind die harmlosesten, die zu hören sind. In der Umkleide sitze - ich. 24 Jahre alt. Meine Prüfung habe ich vor knapp fünf Jahren gemacht und ich behaupte, dass ich ein ganz passabler Kreisklassen-Schiedsrichter bin. Der Großteil meiner Spiele verläuft ruhig - auch wenn es selten Spiele gibt, in denen jede meiner Entscheidungen diskussionslos hingenommen wird. Das ist eine Utopie in der Kreisklasse. In jener Klasse, in der Zuschauer und Schiedsrichter oft nur eine hüfthohe Stange trennt. Heute war es nicht mein Tag. Es war ein Spiel, das mir gezeigt hat, dass „das Pfeifen“ auch mal keinen Spaß macht. Das Handtuch über den Kopf gestülpt, sitze ich in meiner Umkleide, möchte im Erdboden versinken, schnellstmöglich verschwinden.

          Knapp zweieinhalb Stunden vorher: Gerade am Sportplatz angekommen, werde ich vom Heimtrainer freundlich mit Handschlag begrüßt. Auf dem Weg in meine Kabine führen wir Smalltalk. Wo ich herkomme, möchte er wissen. „Zwei Dörfer weiter“, antworte ich und füge an, dass ich kürzlich erst die erste Herrenmannschaft des Vereins gepfiffen habe. Ein substanzloses Gespräch, doch ich möchte zum Heimtrainer ein gutes Verhältnis haben.

          Idealistische Vorstellung

          Er kann sich später als wichtig erweisen, der in heiklen Situationen die Wogen ein wenig glätten und beruhigend auf seine Spieler einwirken kann. Gleichzeitig möchte der Heimtrainer Sympathiepunkte sammeln. Das kann nicht schaden, wird er sich denken. Obwohl ich neutral bin. Aber ich bin der Meinung, dass sich Sportler untereinander mit Respekt begegnen sollen - eine idealistische Vorstellung.

          Nach den letzten Vorbereitungen - habe ich Gelbe und Rote Karte? Die Pfeife? Funktionieren meine beiden Kugelschreiber? - laufe ich auf den Platz. Die Heimmannschaft steht bereits da, der Gegner braucht noch ein bisschen. Zur Lockerung der Atmosphäre führe ich auch mit dem Spielführer noch ein kurzes Gespräch. Wieder belanglos, verschafft es doch einen sympathischen Eindruck. Die Stimmung ist gut. Die Saison neigt sich dem Ende entgegen, und beide Mannschaften sind im gesicherten Tabellenmittelfeld - es geht um nichts mehr.

          „Der erste Pfiff ist schon entscheidend“

          Mit einem klaren lauten Pfiff eröffne ich das Spiel. In meiner Ausbildung habe ich gelernt, dass der Anpfiff ein Signal geben kann, welche Autorität der Schiedsrichter ausstrahlt. „Der erste Pfiff ist schon entscheidend“, pflegte mein Ausbilder zu sagen. Zweikämpfe gibt es in den ersten Minuten kaum, dafür den einen oder anderen Fehlpass. Zwei Mal entscheide ich nach einem Pressschlag, wer Einwurf hat. Beide Male werden die Entscheidungen ohne Diskussionen hingenommen. Gut so, denke ich mir. Doch das Tückische am Schiedsrichterwesen ist, dass man jederzeit hellwach sein muss. Ein Schiedsrichter kann ein Spiel 85 Minuten souverän und gut leiten. Trifft er dann eine umstrittene Entscheidung, fühlen sich die letzten fünf Minuten doppelt so lange an wie die 85 Minuten davor. Heute treffe ich eine solche schon nach elf Minuten.

          Ich gebe einen Freistoß für die Gäste-Mannschaft in aussichtsreicher Position. Diskussionen. Hektik. Aufregung. Geschrei. Ich schlichte. Ermahne. Verzichte darauf, Gelbe Karten zu verteilen. Da das Spiel noch lange geht, möchte ich nicht schon zu früh die Grenzen zu eng setzen. Zeige ich jetzt Gelb, werde ich daran in den noch ausstehenden 80 Minuten gemessen. Später werde ich diese Entscheidung bereuen. Ich bin überzeugt davon, dass die Foul-Entscheidung richtig gewesen ist, stelle die Mauer. Der Freistoß landet im Torwinkel.

          Ein Traumtor für den Schützen. Der Beginn eines Albtraums für mich? Noch immer haben sich die Gemüter nicht beruhigt. Besonders von draußen wird auf mich ein gebrüllt. Ich fühle mich nach elf Minuten in meinem gelben Schiedsrichtertrikot nicht mehr ganz wohl. Das Spiel wird schon jetzt, zu einem so frühen Zeitpunkt, ruppig, weil sich die Stimmung von draußen auf dem Feld widerspiegelt. Die Gästemannschaft ist überlegen, die Führung geht in Ordnung. Damit versuche ich mich selbst ein wenig zu beruhigen. Runterfahren. Jeden Zweikampf bewerten. Schnell entscheiden. Die Vorteilsregel selten anwenden, um wegen vermeintlich nicht gepfiffener Fouls Aufregung zu vermeiden.

          Wie eine Ewigkeit

          Die Heimmannschaft schlägt einen langen Ball, der beim Stürmer ankommt. Ich will pfeifen, als im selben Moment ein Abwehrspieler laut „Abseits“ brüllt. Einen Wimpernschlag später erklingt mein Pfiff. Ich wollte pfeifen, bevor das A-Wort ausgesprochen wurde, habe es aber nicht geschafft. Schließlich musste ich meine Pfeife erst einmal zum Mund führen. Der Verteidiger war ohne Pfeife schneller. Das Gegrummel nimmt zu. Erst recht, als ich wenig später abermals auf Abseits entscheide. Wieder gegen die Heimmannschaft. Wieder hatte ein Abwehrspieler unmittelbar vor meinem Pfiff gerufen. Wieder war es eine knappe Entscheidung.

          Das Handwerkszeug ist nicht genug: Schiedsrichter sein ist schwer

          „Sie müssen nicht immer auf Zuruf pfeifen!“, brüllt mir jener Trainer aggressiv zu, mit dem ich mich vor Anpfiff noch unterhalten habe. Auf Zuruf pfeifen - es ist der schlimmste Vorwurf, den man einem Schiedsrichter machen kann, weil er seine Autorität und Neutralität in Frage stellt. Von jetzt an wird jeder Zweikampf lautstark bewertet, insbesondere von der Heimmannschaft. Ich versuche, die Zweikämpfe fernab jedes Kommentars zu bewerten. Das gelingt nicht immer. Ab und zu pfeife ich in dieser Phase aus Reflex, und frage mich gleich danach, ob das richtig war. Doch ich muss zu meinen Entscheidungen stehen. Es sind erst 25 Minuten gespielt, mir kommt es schon jetzt wie eine Ewigkeit vor.

          Belagerung auf dem Weg in die Halbzeit

          Wieder pfeife ich einen Freistoß in Tornähe, diesmal für die Heimmannschaft. Wieder Hektik. Gebrüll. Diskussionen. Auch dieser Freistoß ist drin. 1:1. Zwei Freistöße, die heftig diskutiert worden sind, haben zu Toren geführt. Waren das die richtigen Entscheidungen? Sind solch heftige Diskussionen noch normal? Ich sehne mich nach der Halbzeitpause. Im Strafraum hindert ein Verteidiger der Heimmannschaft einen Stürmer mit einer Grätsche am Torschuss. Riskant. Temporeich. Fair? Laut schreie ich „Ball. Ball. Ball. Weiterspielen!“ Zur Unterstützung zeige ich auf das Runde, doch das nützt nicht wirklich was. Die Gästespieler stürmen auf mich zu, brüllen mich an. Ich lasse es über mich ergehen. Was bleibt mir denn auch anderes übrig?

          Bis zum erlösenden Halbzeitpfiff geschieht nichts mehr. Auf dem Weg zur Umkleide werde ich wieder belagert. Muss meine Entscheidung, keinen Elfmeter zu geben, erklären. Die Gästespieler schlagen theatralisch die Hände über dem Kopf zusammen. Spieler der Heimmannschaft verteidigen meine Entscheidung. Heuchelei, denke ich.

          Endlich in der Kabine. Tür zu. Wasser trinken. War das doch ein Elfmeter? War meine Entscheidung, nicht zu pfeifen, die richtige? Was war bei den beiden Freistößen? Ich weiß es nicht, werde es auch nie erfahren. So beschließe ich, die erste Halbzeit abzuhaken, und ahne aber doch, dass die zweite noch schwerer wird. Erfahrung ist die Grundlage für diese Annahme.

          Gelbe Kerte: Wann ist die Warnung an die Spieler geboten?

          Kurz nach Wiederanpfiff pfeife ich wieder Abseits. Wieder gegen die Heimmannschaft. Wieder hatte ein Abwehrspieler schneller gerufen, als ich überhaupt pfeifen konnte. Wieder der Vorwurf, ich agierte auf Zuruf. Hört doch auf, ständig zu rufen, wünsche ich mir. Fast ein wenig naiv. Gerufen wird immer. Aus Reflex. Als taktisches Mittel. Aus der Verzweiflung heraus. Für mich tragisch, weil ich dadurch wieder meiner Souveränität und Entscheidungsgewalt beraubt werde. Nach einer knappen Stunde verteile ich die erste Gelbe Karte. Ich weiß, dass die zu spät kommt. Wäre das Spiel ruhiger verlaufen, wenn ich schon am Anfang mit einer gelben Karte ein Ausrufezeichen gesetzt hätte? Vielleicht. Ich mache heute eben Fehler - genau wie ein Mittelfeldspieler der Gästemannschaft. Der wird ausgewechselt. Ich wünschte, ich könnte auch ausgewechselt werden.

          Es wird fast nur noch diskutiert

          Bei jeder Entscheidung fühle ich mich unwohler. Mittlerweile gibt es fast nur noch schwierige Zweikämpfe zu bewerten, weil sie intensiv, aber doch - zumindest auf den ersten Blick - fair geführt werden. Dennoch pfeife ich das eine oder andere Duell ab. Zu viele? Ich möchte die Zweikämpfe auf ein normales Niveau zurückfahren, die Grenzen enger ziehen. Nicht jeder Zweikampf, bei dem zuerst der Ball gespielt wird, ist fair. Wird die Gesundheit des Gegners gefährdet, ist es ein Foul. Das ist Auslegungssache und für Spieler oft schwer zu akzeptieren. Gerade in einer solch aufgeheizten Atmosphäre. Es wird fast nur noch diskutiert. Das Spiel entgleitet mir langsam völlig. Mit Gelben Karten versuche ich, Ruhe reinzubringen, doch bewirke damit nicht immer das Gewollte.

          20 Minuten vor Spielende pfeife ich einen Strafstoß für die Heimmannschaft. Im Fernsehen würde man nach der vierten Zeitlupe vermutlich von einer „Kann-Entscheidung“ sprechen. Einen Elfmeter, den man geben kann, aber wohl nicht geben muss. Die Gemüter der Gäste - vor allem des Trainers - sind erhitzt. Sie erinnern mich an die Szene vor der Pause und lassen mich sogar etwas spüren, was ich vom Fußball bisher nicht gekannt habe: Bammel, vielleicht sogar Angst. Wie oft habe ich in den vergangenen Monaten und Jahren gehört und gelesen, dass Schiedsrichter verprügelt worden sind? Was droht hier nach dem Spiel? Eskaliert die Situation völlig? Muss ich wirklich Angst haben? Ich male mir verschiedene Szenarien aus - und bin mit meinen Gedanken nicht mehr ausschließlich auf dem Platz. Ich verliere den Überblick, weiß nicht mehr, wer gefoult hat. Die Gelbe Karte kann ich deshalb nicht zeigen.

          Wie ein Fels bleibe ich aber auf Höhe des Elfmeterpunktes stehen. Breitbeinig. Entschlossen. Ich stehe im wahrsten Sinne des Wortes zu meiner Entscheidung. Dennoch wird immer noch diskutiert. Ich sage kein Wort, möchte signalisieren, dass ich die Entscheidung nicht diskutiere. Wieder verteidigen Spieler der Heimmannschaft meine Entscheidung. Wieder denke ich an Heuchelei, bin in diesem Moment aber dankbar für die Unterstützung, da mir selbst langsam Zweifel kommen. Der Torwart pariert den Elfmeter. Ich bin irgendwie froh darüber.

          Doch die Stimmung ist noch aufgeladener. Und meine Gedanken? Schwanken zwischen dem Spiel mit den vielen, intensiven Zweikämpfen, dem Bammel vor dem, was noch kommt und dem Trotz, dem Willen, das Spiel anständig zu beenden. Zuschauer brüllen auf mich ein. Beleidigen mich. Mit Worten, die man hier nicht lesen möchte. Ich versuche, sie zu überhören.

          Nach wie vor steht es unentschieden, doch beide Mannschaften spielen so hektisch, als seien sie im Rückstand. Ein Fehlpass-Festival. Ein Kreisklassenspiel wie aus dem Bilderbuch. Das Pikante: An den Schiedsrichter wird auch in der Kreisklasse von Spielern und Trainern der Maßstab angelegt wie der an einen Unparteiischen in der Champions League. Fehler sind verboten. Jede Entscheidung wird kommentiert. Jeder da draußen weiß es angeblich besser. Und jeder kann es natürlich auch besser. Dann geht die Heimmannschaft in Führung. Ein Schuss aus 25 Metern in den Winkel. Ein Traumtor. Ich bin froh, dass es bei diesem Tor nichts zu diskutieren gibt. Selbst in diesem Spiel nicht.

          Froh, dass es vorbei ist

          Kurz vor Schluss prallen der Heimtorwart und ein Offensiver zusammen. Der Schlussmann bleibt liegen. Ich muss das Spiel unterbrechen und entscheide auf Freistoß. Der Gästetrainer schimpft sich in Rage. Spieler umringen mich. „Jetzt wird es lächerlich“, kommentiert der Stürmer. Der Torwart liegt noch immer am Boden. Ernsthafte Verletzung? Zeitspiel? Das weiß ich nicht, sehr wohl aber, dass ich die Minuten nachspielen lassen muss. So verrinnt die Zeit und bleibt doch stehen. Dabei möchte ich endlich abpfeifen. Runter vom Platz. Einfach weg. Nach ewig langen zweieinhalb Minuten geht es weiter. Die Gästemannschaft wirft alles nach vorne - und vergisst das Verteidigen. Ein Konter. Ein langer Ball. Ein Pfiff. Abseits.

          Der Stürmer brüllt mich an, er habe in der eigenen Hälfte gestanden - dann wäre die Abseitsregel außer Kraft gesetzt. Er stand aber jenseits der Mittellinie. Das habe ich dieses Mal genau gesehen. Doch mein Standing auf dem Platz verleiht mir nicht unbedingt Autorität. Nicht heute. Nicht in diesem Spiel. Und schon gar nicht in dieser Situation, die zum entscheidenden 3:1 hätte führen können.

          Fünf Minuten lasse ich nachspielen. Fünf Minuten. 300 Sekunden. Was kann da alles passieren? Die Flankenbälle fliegen im Sekundentakt in den Strafraum, der Ausgleich ist längst überfällig. Alles schreit. Zuschauer. Trainer. Spieler. Ein Foul der Heimmannschaft direkt vor dem Gästetrainer lässt die Emotionen überkochen. Gelb zeige ich. Viele fordern Rot. Am lautesten der Gästetrainer. Er stürmt aufs Feld und sagt mir, was er von meiner heutigen Leistung hält. Ich weise ihn an, das Feld zu verlassen, und weiß doch, dass er mit seiner Kritik nicht falsch liegt. Eine groteske Situation. In der vierten Minute der Nachspielzeit fällt das 3:1. Ich pfeife das Spiel gar nicht mehr an, bin froh, dass es vorbei ist.

          Ein Gästespieler gibt mir die Hand. Nachdem ich ihm sage, dass ich schon bessere Tage gehabt habe, erwidert er: „Das stimmt hoffentlich. Aber das passiert.“ Der Gästetrainer lässt sich nicht mehr bei mir blicken. Ein Handschlag wie im Fernsehen? Fehlanzeige in der Kreisklasse. Der Weg zur Kabine, vorbei an den Zuschauern, wird noch einmal zum Spießrutenlauf. Ich rede mir ein, dass ich immer gewusst habe, dass auch solche Situationen auf mich zukommen werden und auch ich einmal einen schlechten Tag habe. Das passiert jedem Torwart. Jedem Verteidiger. Und jedem Stürmer. Einem Schiedsrichter wird das nicht verziehen.

          Zwei Tage später pfeife ich wieder - anfangs mit einem mulmigen Gefühl, das jedoch schnell verfliegt. Ohne Probleme bringe ich das Spiel über die Zeit. Am Ende kommt der Trainer der knapp unterlegenen Mannschaft auf mich zu. „An Ihnen hat es nicht gelegen.“ Es ist das schönste Kompliment, das man einem Schiedsrichter machen kann.

          Der Autor Sebastian Koch ist freier Journalist und seit 2011 lizenzierter Fußballschiedsrichter. Er hat bislang 124 Spiele in allen Kreis-Jugendligen und in den Seniorenklassen bis zur Kreisliga-A geleitet.

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