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Unser täglich Buch (2) : Sie nannten ihn „Kaiser“

„Eigentlich wäre ich jetzt Weltmeister“: Die Geschichte des Sergej Evljuskin. Bild: Schwarzkopf & Schwarzkopf

Sergej Evljuskin spielte mit Boateng, Höwedes und Özil. Nun ist er in der vierten Liga – und hat ein Buch geschrieben. Evljuskin hat dabei keine große Literatur verfasst, aber ein ehrliches Bekenntnis abgelegt.

          Mit Karrieren im Konjunktiv ist das so eine Sache. „Eigentlich wäre ich jetzt Weltmeister“ erzählt eine Geschichte von großen Erwartungen und unerfüllten Hoffnungen, es ist die Geschichte von Sergej Evljuskin, einem hochbegabten Fußballspieler, der „eigentlich“ 2014 mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft das WM-Finale hätte gewinnen müssen. Dabei Regie führen. Das Spiel machen. Pässe wie Beckenbauer schlagen. Götzes Siegtor vorbereiten.

          Doch auch mit Vergleichen ist das so eine Sache. Sicher, sie nannten ihn „Kaiser“. Und ja, er gewann wie Götze zweimal die Fritz-Walter-Medaille in Gold – als bester deutscher Nachwuchsspieler. Doch ist der scheinbar logische Analogie-Schluss zutreffend? Evljuskin hat alle Jugend-Nationalmannschaften durchlaufen, war sogar ihr Kapitän. Er führte seine Jahrgangskameraden Boateng, Höwedes und Özil an. Aber wie war noch gleich sein Name?

          Sergej Evljuskin, 1988 in Kirgistan geboren, zwei Jahre später mit seinen Eltern nach Deutschland ausgewandert. Ein Vater, der nie richtig in Deutschland ankommt und irgendwann abhaut. Eine Mutter, die doppelt arbeitet, um ihre vier Kinder durchzukriegen. Eine Oma, die Dankbarkeit predigt, es überhaupt so weit geschafft zu haben. Und ein Junge, der brav ist, folgsam, lernwillig. Der unbedingt Abitur machen will und es auch schafft. Und der zudem hochbegabt ist am Ball, der unbedingt Fußballprofi werden will. Wie so viele Kinder. Und es sogar schafft.

          Beim kleinen Braunschweiger SC ist er groß geworden. Als Jugendlicher wechselte er zum VfL Wolfsburg. Im Mittelfeld spielte er die zentrale Position, schlug präzise Pässe, überragte durch Vielseitigkeit und Präsenz auf dem Platz. Doch an der Schwelle zur Bundesliga konnte er sich nicht durchsetzen. Erst wurde er von Klaus Augenthaler nicht beachtet, dann ging er in Felix Magaths riesigem Kader unter. Zweite Mannschaft statt erster Geige. Regionalliga statt großer Bühne. Vielseitigkeit kann auch ein Nachteil sein. Sein Weg verläuft seitwärts: Rot-Weiss Essen, Hansa Rostock, SV Babelsberg, Goslarer SC und schließlich Hessen Kassel.

          Sergej Evljuskin (rechts) spielt jetzt bei Hessen Kassel.

          Und irgendwie passt das. Denn nach der Logik des Buches würde Hessen Kassel „eigentlich“ Bundesliga spielen. In den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren die Nordhessen eine große Nummer in der zweiten Liga, wurden viermal Vierter, verpassten stets hauchdünn den Aufstieg in die Bundesliga. Danach ging es bergab, mit einem Konkurs 1998 als Tiefpunkt, dem Absturz bis in die Kreisliga A. Längst spielen die Hessen wieder Regionalliga. Einmal hätte es sogar fast mit dem Aufstieg in die dritte Liga geklappt. Das wäre auch für Sergej Evljuskin noch mal ein Erfolg.

          Ansonsten ist er mit seinem Leben nicht unzufrieden: Abitur geschafft, Ausbildung abgeschlossen, Fernstudium am laufen. Leidenschaft wenigstens zum Nebenberuf gemacht. Für ein Aussiedlerkind gar nicht schlecht. Nur der ewige Vergleich mit dem Sergej von früher nervt, auch wenn er behauptet, dass es ihn amüsiert. Sergej Evljuskin hat gemeinsam mit Christoph Dörr keine große Literatur verfasst, aber ein ehrliches Bekenntnis abgelegt. Es lehrt die Leser, Lebensläufe zu akzeptieren. Möglicherweise auch die eigenen, unabhängig von den Erwartungen der anderen.

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